Neue Ausstellung in Esterwegen  1933 begann im Emsland der Terror der Nationalsozialisten

| | 02.03.2023 19:37 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bis zum 10. September ist die neue Sonderausstellung in Esterwegen zu sehen.
Bis zum 10. September ist die neue Sonderausstellung in Esterwegen zu sehen.
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In der KZ-Gedenkstätte in Esterwegen gibt es eine neue Sonderausstellung. Sie befasst sich mit den Konzentrationslagern zu Beginn der Nazi-Herrschaft. Davon gab es auch drei im Emsland.

Esterwegen/Rhauderfehn - Was in den großen Massenvernichtungslagern in Auschwitz und Dachau geschah, hatte seine Anfänge im Kleinen. Nachdem die Nationalsozialisten im Januar 1933 die Macht ergriffen hatten, ließen sie schnell die ersten Konzentrationslager (KZ) errichten. Dazu zählten auch die drei emsländischen Konzentrationslager in Esterwegen, Börgermoor und Neusustrum. Seit 2011 befasst sich die KZ-Gedenkstätte in Esterwegen mit den furchtbaren Geschehnissen während der Nazi-Zeit. An diesem Dienstag ist dort eine Sonderausstellung mit dem Titel „Auftakt des Terrors – Frühe Konzentrationslager im Nationalsozialismus“ eröffnet worden. Sie ist bis zum 10. September zu sehen.

Die Leiterin der Gedenkstätten-Pädagogik in Esterwegen, Jacqueline Meurisch (rechts), führte die Gäste während der Eröffnung durch die Ausstellung „Auftakt des Terrors – Frühe Konzentrationslager im Nationalsozialismus“. Fotos: Zein
Die Leiterin der Gedenkstätten-Pädagogik in Esterwegen, Jacqueline Meurisch (rechts), führte die Gäste während der Eröffnung durch die Ausstellung „Auftakt des Terrors – Frühe Konzentrationslager im Nationalsozialismus“. Fotos: Zein

In den ersten Konzentrationslagern erprobte das nationalsozialistische Regime bereits die Instrumentarien der Gewalt – und das führte auch schon schnell zu den ersten Toten. Martin Koers, Geschäftsführer der Gedenkstätte in Esterwegen, sagte während der Ausstellungseröffnung: „Bereits am 2. September 1933 gab es in Esterwegen den ersten Mord.“ Elf weitere Häftlinge starben allein im Emsland bis Ende 1933 durch die Gewalt ihrer Bewacher. Die jetzige Sonderausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt, an der sich insgesamt 17 Gedenkstätten aus ganz Deutschland beteiligt haben. In allen Gedenkstätten wird die neue Ausstellung gezeigt. Am Dienstag ist die Schau in fünf weiteren Gedenkstätten eröffnet worden. Elf Einrichtungen folgen in den kommenden Monaten.

Die Ausstellung befasst sich unter anderem mit den Erfahrungen im Konzentrationslager in Esterwegen.
Die Ausstellung befasst sich unter anderem mit den Erfahrungen im Konzentrationslager in Esterwegen.

Es gibt elf Themenstationen

In Esterwegen hat sich die dortige Pädagogik-Leiterin Jacqueline Meurisch seit mehreren Jahren mit der Errichtung der Ausstellung befasst. Sie führte die Gäste auch bei der Eröffnung durch die Räume. Meurisch erklärte: „Es gibt insgesamt elf Themenstationen, an denen die Rolle und Funktion beleuchtet wird, die die frühen Konzentrationslager in der Zeit des Nationalsozialismus hatten.“ Die einzelnen Module der Ausstellung sind auf Papp-Elemente gedruckt.

An insgesamt elf Themenstationen können sich die Besucher in der Gedenkstätte informieren.
An insgesamt elf Themenstationen können sich die Besucher in der Gedenkstätte informieren.

Die Stationen befassen sich mit unterschiedlichen Themenbereichen. So geht es unter anderem um die Haftbedingungen in den einzelnen Konzentrationslagern. So werden auf den Schautafeln unter anderem Häftlinge in Esterwegen gezeigt, die beladene Schubkarren schieben müssen. Dazu heißt es: „Nach Aussagen ehemaliger Häftlinge diente diese Arbeit im KZ Esterwegen nur der Schikane. Die Buchstaben ,BV‘ auf den Häftlingsuniformen standen lagerintern für ,Berufsverbrecher‘ – also mehrfach vorbestrafte Personen, die ab 1935 einen großen Teil der Häftlinge dieses Lagers ausmachten.“

„Das waren auch Rache-Lager“

In einem Vortrag wies der Historiker Professor Dr. Bernd Faulenbach darauf hin, dass die frühen Konzentrationslager zudem einen weiteren Hintergrund hatten. Faulenbach betonte: „Die ersten Lager waren auch Rache-Lager, in denen die Nazis mit ihren Gegnern abrechnen wollten.“ Dieses Abrechnen hatte bereits Hermann Göring in einer Rede am 10. März 1933 angekündigt, erklärte Historiker Faulenbach.

Die Nationalsozialisten und ihre Handlanger errichteten im Emsland im Zeitraum von 1933 bis 1945 insgesamt 15 Konzentrations-, Straf- und Kriegsgefangenenlager. Die 1933 installierten Konzentrationslager in Börgermoor und Neusustrum wurden bereits im April 1934 zu Strafgefangenenlager umgewandelt, das KZ in Esterwegen wurde 1936 aufgelöst und ein Jahr später ebenfalls als Strafgefangenenlager genutzt.

Gefangene liefen auch über das Untenende

Der Rhauderfehner Hermann Ewen (89) kann sich heute noch daran erinnern, wie Gefangene durch Rhauderfehn laufen mussten und in die Lager im Emsland gebracht wurden. Wenige Wochen vor Kriegsende im Jahr 1945 seien die Gefangenen am Untenende langgelaufen, berichtet Ewen, der damals zwölf Jahre alt gewesen ist. „Meine Mutter hat Brot auf die Hecke der Nachbarn gelegt, was dann von den Gefangenen mitgenommen wurde“, erzählte Ewen. Er könne sich zudem noch daran erinnern, dass einer der Häftlinge versucht hatte, über die Dosewieke abzuhauen. „Auf den wurde dann geschossen. Doch was mit ihm passiert ist, weiß ich nicht mehr“, erklärte Ewen. Er kann sich aber noch daran erinnern, dass die Gefangenen zum Übernachten in der damaligen Mittelschule (dem heutigen Restaurant Ankerplatz) an der 1. Südwieke untergebracht waren.

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Im Dossier Zeitreise sind weitere Berichte zum Thema Nationalsozialismus in Ostfriesland erschienen.

Die Backemoorer Mühle wurde von der Wehrmacht zerstört.
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  • Der Backemoorer Johann Schulte musste in jungen Jahren an die Front. Er erinnert sich über seine Zeit während des Zweiten Weltkrieges: Krieg endete in Gefangenschaft
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28. April 1945: Fachleute der kanadischen Armee entfernen Minen am Emsufer. Deutsche Soldaten hatten das Ufer gegenüber von Leerort vermint, um den Vormarsch der kanadischen Soldaten aufzuhalten. Bild: Staatsarchiv Aurich
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Die Sonderausstellung „Auftakt des Terrors – Frühere Konzentrationslager im Nationalsozialismus“ ist bis zum 10. September in der Gedenkstätte Esterwegen zu sehen. Die Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr (bis Ende März bis 17 Uhr). Der Eintritt ist frei. Auch Gruppen können sich zu einem geführten Rundgang anmelden. Kontakt: Telefon 05955/988950, E-Mail: info@gedenkstaette-esterwegen.de.

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