Kindheit in Rhauderfehn  Erinnerungen an die größte Katastrophe

| | 05.01.2023 18:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Die Hitlerjugend hisst eine Hakenkreuzflagge vor der Turnhalle, die ab Anfang der 1940er Jahre auch als Gefängnis genutzt worden ist. Fotos: Archiv
Die Hitlerjugend hisst eine Hakenkreuzflagge vor der Turnhalle, die ab Anfang der 1940er Jahre auch als Gefängnis genutzt worden ist. Fotos: Archiv
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1945 fielen Bomben auf Rhauderfehn. In den Zeiten des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkrieges ist Hermann Ewen aufgewachsen. Er erinnert sich an seine Schulzeit und Katastrophen.

In den dunkelsten Jahren der Deutschen Geschichte ist Hermann Ewen aufgewachsen. Der Rhauderfehntjer wurde am 4. Mai 1933 geboren. Wenige Wochen zuvor – am 30. Januar – hatte Adolf Hitler die Macht ergriffen, wurde Reichskanzler und führte später das Deutsche Reich und ganz Europa und die Welt in den Zweiten Weltkrieg. Von jenen Entwicklungen bis Mitte der 1930er Jahre habe er nur langsam etwas mitbekommen, sagt der 89-Jährige. Während der letzten Kriegstage wurde er Augenzeuge zweier Katastrophen auf dem Fehn.

Eine Aufnahme aus dem Jahr 1938 zeigt das Untenende in Westrhauderfehn.
Eine Aufnahme aus dem Jahr 1938 zeigt das Untenende in Westrhauderfehn.
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Wie genau die NSDAP auch in Westrhauderfehn die Kontrolle übernahm, daran könne er sich nicht erinnern, sagt er. Dafür war er zu jung. Ein Blick auf die Ergebnisse zur Reichstagswahl im März 1933 zeigt: 53,8 Prozent wählten die Hitler-Partei. Die SPD wurde mit 14,2 Prozent Zweiter. In jenen Tagen lebten 3912 Einwohner in Westrhauderfehn. Diese Zahlen hat Hermann-Josef Döbber in seiner Chronik „Gewachsen in den Jahrhunderten“ gesammelt.

Fehntjer Märkt und Freikarten

Ewens frühe Erinnerungen sind nicht politisch. „Ich kann mich noch an die Torfschiffe erinnern.“ Jene hätten auch damals noch das Ortsbild geprägt. Der Fehntjer Markt wurde noch nicht auf dem Marktplatz gefeiert, den gab es da noch nicht. Die Buden wurden am Untenende aufgestellt. Das schönste aller Fahrgeschäfte, Meyers Karussell, wurde immer vor der Schule aufgebaut. „Das wurde nicht mehr von Pferden gezogen, sondern war schon elektrisch“, erinnert sich der Fehntjer. Das war etwas ganz besonders. Denn erst 1930/31 wurde der Ort an das Elektrizitätsnetz angeschlossen. Während sich das Karussell drehte, wippten die Holzpferde auf und ab. Und das Beste: „Wir Kinder bekamen Freikarten.“

Hermann Ewen berichtet von seiner Kindheit in den 1930er Jahren.
Hermann Ewen berichtet von seiner Kindheit in den 1930er Jahren.

Ab und an durften die Kinder auch ins Kino. Damals wurden Filme im Saal Bahns, dem späteren Hotel Nanninga, gezeigt. Die Frisia Lichtspiele waren eins von drei Kinos im Ort. „Frau Kettner, die die Karten abriss, ließ uns ab und zu so rein.“

Kriegsbeginn und Ausbildung an der Waffe

Nur langsam zogen die Schatten der Nazi-Diktatur auch über seine Kindheit. 1939 – dem Jahr seiner Einschulung – begann der Krieg. „Als Anfangs von Sieg zu Sieg gegangen wurde, war alles am Jubeln“, erinnert sich Ewen. Die Medien waren gleich geschaltet. Nach und nach wurden Männer vom Fehn eingezogen. Auch sein Vater, der lange Zeit in Hamburg stationiert war, musste an der Waffe dienen. „Aber dann kamen Soldaten von der Front in den Urlaub und erzählten“, erinnert sich der Fehntjer. Mit den Berichten kamen die grausigen Erlebnisse auch ans Untenende. Außerdem habe ihm seine Mutter viel erzählt.

Generaloberst Keitel hielt anlässlich des Kyffhäusertreffens um 1938 eine Rede in Westrhauderfehn.
Generaloberst Keitel hielt anlässlich des Kyffhäusertreffens um 1938 eine Rede in Westrhauderfehn.

Der Umgang mit Waffen gehörte nach und nach zum Alltag. „Wir haben mit einem Tesching, das war ein Kleinkalibergewehr, Hasen gejagt“, sagt Ewen. Getroffen hätten sie aber nie ein Tier. Mit Soldaten ging es in der Hitlerjugend ins Jammertal, für die spielerische Ausbildung an weiteren Schusswaffen. Mit Zwillen hätten er und seine Freunde „Krieg nachgespielt“: Westrhauderfehn gegen Rhaudermoor. „Wir kannten ja nichts anderes.“

Turnhalle wird zum Gefängnis

Um das Jahr 1942 wird in der Turnhalle am späteren Marktplatz ein Gefangenenlager eingerichtet. Die rund 20 Gefangenen mussten in der Landwirtschaft und auf den Werften arbeiten. „Wir haben auch Franzosen zugeteilt bekommen“, sagt Ewen. Der Mann, sie hätten ihn Jan genannt, musste in der Gärtnerei mithelfen. Tag und Nacht verschlossen, wie man sich ein Gefängnis vorstelle, sei die Turnhalle aber nicht gewesen. „Die konnten sich relativ frei bewegen“, so Ewen – zumindest außerhalb der Arbeitszeit. Er erinnere sich auch daran, dass bei seiner Familie an Wochenenden, wenn die Werft geschlossen hatte, noch ein weiterer Kriegsgefangener bei ihnen mit am Mittagstisch gesessen habe. Jan hätte immer einen Mitgefangenen einladen dürfen.

Ein undatiertes Foto zeigt einen Aufmarsch in Rhauderfehn. Im Hintergrund ist die Reilschule zu erkennen.
Ein undatiertes Foto zeigt einen Aufmarsch in Rhauderfehn. Im Hintergrund ist die Reilschule zu erkennen.

Auch in der Schule änderte sich einiges. Der Lehrer hatte die Kinder häufig geschlagen. „Weil wir unaufmerksam waren“, nennt Ewen ein Beispiel. Aber es gab auch Tricks, sich der Maßnahme zu entziehen. „Ein Junge bekam richtig Prügel und war dabei am Grinsen. Wir fragten: ,Was hast du gemacht?‘“, erinnert er sich an eine Episode aus dem Schullalltag. Er hatte die Hose mit Katzenfell ausgestopft. Im Gegensatz zu Zeitungspapier, das knisterte, war beim Aufprall des Stockes kein Unterschied zu hören. Eine andere Möglichkeit war, die Uniform der Hitlerjugend anzuziehen. „Die Uniform durfte der Lehrer nicht schlagen“, sagt Eden und somit auch die Schüler nicht.

Später zog der Krieg in den Schulalltag ein. „Da wir die Sirenen nicht hören konnten, musste immer einer von den Schülern draußen stehen und horchen, ob Fliegeralarm kommt.“ Die Sirenen waren auf dem Rathaus, dem heutigen Fehn- und Schiffahrtsmuseum. Das hätten die Schüler ausgenutzt. Manchmal habe es auch Alarm gegeben, weil eine Mathearbeit anstand. „Da mussten wir einzeln nach Hause gehen. Nicht im Pulk. Immer nur einzeln.“ So sollte verhindert werden, dass die ganze Klasse auf dem Heimweg den feindlichen Fliegern zum Ziel wurde.

Luftangriffe auf Westrhauderfehn

Luftangriffen gab es in Westrhauderfehn lange Zeit nicht. In der Region gab es aber dennoch Ziele. Bereits 1941 wurden Teile der Bahnstrecke nach Leer in Oldenburg angegriffen. Die Huntestadt wurde häufig angegriffen, genau wie Emden. Besonders verheerend war der Angriff vom 6. September 1944. Rund 80 Prozent der Emder Innenstadt wurden zerstört. Daran erinnert sich auch Ewen: „Wir konnten von Zuhause den Feuerschein über Emden sehen.“ Zwischen beiden Orten liegen 35 Kilometer Luftlinie.

Ein undatiertes Foto zeigt einen Aufmarsch in Rhauderfehn. Im Hintergrund ist die Reilschule zu erkennen.
Ein undatiertes Foto zeigt einen Aufmarsch in Rhauderfehn. Im Hintergrund ist die Reilschule zu erkennen.

Gesehen habe er häufig Flugzeuge der Alliierten am Himmel. Beunruhigt habe es ihn aber nicht. „Wir wussten, wenn die niedriger fliegen, werfen die Bomben ab. Wenn die höher fliegen, dann gehen die nach Hamburg, Berlin und Bremen.“ Wissen, das eigentlich kein Kind haben sollte.

Wenn die Alliierten über Ostfriesland flogen, um Kurs auf die großen Städte zu nehmen, kam es oft zu Luftkämpfen über Westrhauderfehn. „Wir haben hier so manchen Luftkampf erlebt.“ An einen im Frühjahr 1945 könne er sich noch gut erinnern. Er endete in einer Katastrophe. Am östlichen Ortseingang von Westrhauderfehn stürzte ein Flugzeug ab. „Das flog erst ganz niedrig, hat sich gedreht, ist zurückgekommen und schlagartig bei Tiedekens abgestürzt.“

Mit dem Kolben in Rücken gestoßen

Alle sieben Besatzungsmitglieder hätten überlebt. Sie seien mit Fallschirmen abgesprungen. Auf dem Boden seien die gefangen genommen worden. Szenen, die den jungen Hermann Ewen bis heute empören. „Da war ein Farbiger bei, der humpelte. Der Wachmeister hat ihm mit einem Kolben eines Karabiners laufend in den Rücken gestoßen. So behandelt man keine Menschen.“ Die Kinder selbst hätten die Absturzstelle nach Brauchbarem zum Spielen abgesucht. „Von den Schläuchen der Reifen haben wir Reckscheter (plattdeutsch für Zwillen) gebaut.“

Gut einen Monat vor Kriegsende wird Ewen Zeuge der wohl größten Katastrophe in Westrhauderfehn während des Zweiten Weltkrieges. Er und seine Schwester wollten die Müllersfamilie am 12. April 1945 besuchen. Wieder flogen Flugzeuge über Westrhauderfehn. Diesmal war der Fehnort selbst das Ziel, insbesondere das Wohnhaus der Müllers.

Bombe auf das Müllerhaus geworfen

„Wir haben genau gesehen, wie das Flugzeug im Sturzflug kam. Wir haben gesehen, wie er die Bombe ausgelöst hat. Wir haben genau gesehen, wie die Bombe direkt in den Schornstein geflogen ist. Die ganzen Ziegel sind über uns weggegangen in den Kanal.“ Sechs Menschen kamen durch den Angriff um. Nur der Sohn überlebte. Er wurde, wie Ewen schildert, durch die Explosion durch ein Fenster geschleudert. „Wir haben gesehen, wie sie die Leichen da rausgeholt haben. Die haben sie alle in den Saal des Verlaatshus’ gebracht. Bei einem Mann ist wohl eine Schlagader am Hals aufgerissen. Der lebte noch. Aber da konnte Dr. Visher auch nichts mehr machen.“

Wenige Tage später geriet die Mühle selbst unter Beschuss. „In der Mühle war ein Dachfenster, da blinkte es“, sagt Ewen, der das aus einem Fenster beobachtet hatte. Die Soldaten hielten die Lichtzeichen für Morsesignale. „Das muss der Mondschein gewesen sein“, sagt Ewen. Von drei Seiten aus wurde der Galerieholländer in Brand gesetzt. Laut Ewens Erinnerung ist noch ein weiteres Haus im Krieg zerstört worden: jenes von Kapitän Park am Rajen. 261 Westrhauderfehntjer starben im Zweiten Weltkrieg. Überbracht habe die Nachricht oft der Ortsgruppenleiter. „Wenn der in Uniform durch das Dorf ging, hatte man Angst und fragte sich: ,Wo geht der hin?‘“

Am 8. Mai 1945 endet der Krieg. Wie genau die Nachricht bei ihm ankam, daran erinnert sich Ewen nicht mehr. Wohl aber an die vielen Flüchtlinge, die nach Westrhauderfehn kamen. Und auch sein Vater, der in den letzten Tagen des Krieges in Gefangenschaft geraten ist, kehrte im Herbst 1945 zurück. Im Gepäck hatte er etwas wertvolles, mit dem er seine Familie versorgen konnte. Fortsetzung folgt.

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