Ostrhauderfehn Tatortreiniger schildert Einsätze nach Todesfällen
Erst kommt der Tod und dann Hilbert Robak: Der Osterfehntjer ist Tatortreiniger. Er wird tätig, um Räumlichkeiten, in denen ein Mensch einsam oder gewaltsam gestorben ist, wieder bewohnbar zu machen.
Ostrhauderfehn - Gelernt hat der 50-jährige Hilbert Robak, den viele Leute mit seinem Spitznamen „Billy“ ansprechen, einst Zimmerer und Dachdecker. Später bildete er sich zum Bauzeichner weiter. Ein Arbeitsunfall bedeutete 2013 für ihn das berufliche Ende auf dem Bau. Bereits vorher war Robak, der seit 2011 mit seiner Familie in Ostrhauderfehn zu Hause ist, bei der Sanierung von Brand- und Wasserschäden im Einsatz gewesen. Nun machte er seinen Hochbautechniker und wurde Sachverständiger für Gebäudeschäden.
Das ist eine sehr gute Grundlage für die Tätigkeit, die Robak heute ausübt. Er ist Tatortreiniger. Seit dem Frühjahr 2025 arbeitet der Tatortreiniger von Ostrhauderfehn für die Leeraner Firma Hofstetter. Robak ist allerdings nicht ausschließlich als Tatortreiniger aktiv. Er ist bei Hofstetter Leiter des Schadensmanagements. Tatortreinigung ist ein Teilbereich dieser neu eingerichteten Abteilung.
Bei unklarer Todesursache ermittelt die Polizei
Nach einigen Todesfällen, die sich unbegleitet in Wohnräumen ereignet haben, ist Robak bereits tätig geworden. Natürlich kennt er auch Deutschlands bekanntesten Tatortreiniger: Heiko „Schotty“ Schotte, die Hauptfigur der gleichnamigen ARD-Serie, genial verkörpert von Schauspieler Bjarne Mädel. „Das wahre Leben ist gleichzeitig scheußlicher und unspektakulärer als Tatorteinigung im TV“ weiß der Osterfehntjer.
Bei ungeklärten Todesfällen werde die Polizei hinzugezogen. Wenn die Ermittlungen beendet sind, beginnt der Tatortreiniger den Auffindeort der Leiche so zu reinigen, dass die Örtlichkeit wieder bewohnbar wird.
Körperflüssigkeiten laufen in Fußbodenritzen
„Man muss schon psychisch stabil sein, um seine Kopfbremse zu überwinden“, schildert Robak in welcher Verfassung er ein polizeiliches Siegel aufbricht, um hinter die Tür zu gelangen, in der sich ein tödliches Geschehen abgespielt hat. Wobei: „Die Leichen sehe ich ja nicht mehr.“ Konfrontiert sei er nur noch mit den Körperflüssigkeiten, die durch Sterben und Verwesung entstanden sind.
„Ein toter Körper zersetzt sich. Das setzt Flüssigkeit frei. Körperfett zerläuft.“ Um einen Raum wieder in den Zustand vor dem Todesfall zu versetzen, müsste nicht allein der Teppich raus - auch ein Fußbpoden aus Holzbohlen werde entfernt. „Alles, was Poren hat, kommt weg und wird erneuert“. Im Zweifelsfall werde auch der Estrich ausgetauscht. Lediglich von Fliesen könne man die Spuren des Ablebens restlos entfernen.
Verwesungsgeruch schon nach einem Tag
In einem Fall, bei dem er eingesetzt war, nachdem jemand im Badezimmer gestorben war, sei dessen Kacheln gut zu reinigen gewesen, schildert Robak „Der Verstorbene hatte nur zwei Tage gelegen. Das ging noch“, sagt er. In einem anderen Fall, bei dem sich der Leichnam länger als eine Woche auf dem Fußboden befunden hatte, habe er den gesamten Boden ausgetauscht. Die Körperflüssigkeiten seien in die Ritzen des Laminats gelaufen. Diese Verwesungsrückstände könne man nicht restlos entfernen. „Das muss raus“.
Verbunden ist die Arbeit an Tatorten auch mit Geruch. „Der ist da - schon nach dem ersten Tag.“ Erleben würde ihn jeder ein wenig anders. Robak beschreibt ihn als süßlich und faulig.
Geruchsbekämpfung mit Ozon
Diesen Geruch eliminiert Robak durch Ozon. Dafür benutzt er ein Gerät, das dem Raum die Luft entzieht. Er stellt es auf, schaltet es ein und verlässt das Zimmer umgehend. Es benötige für den Luftentzug etwa eine Minute pro Quadratmeter Raumfläche. Anschließend, so Robak, renne er zurück in den Raum, um dort die Fenster aufzureißen.
Bis ein Zimmer sich mit frischer Außenluft gefüllt habe, brauche es mehrere Stunden. „So lange bleibt man auch vor Ort oder versiegelt die Tür“, macht Robak deutlich. „Ozon ist gefährlich, damit ist nicht zu spaßen“, unterstreicht er.
Maden, Mäuse und Kadaver
Der olfaktorischen Herausforderung begegnet er durch Geruchsstöpsel für die Nase oder einer Gesichtsmaske mit Eukalyptus. Ohnehin trage ein Tatortreiniger Schutzkleidung. Neben Handschuhen umfasst das Outfit auch Sicherheitsschuhe - falls man auf kontaminierten Flächen in einen Nagel tritt.
Durch den Tod kommt es zu neuem Leben: Er treffe auf Maden, Mäuse, Ratten, zählt Hilbert Robak auf. Es gebe auch Fälle von extremer Tierhaltung. „Beim Lehrgang haben sie uns Fotos gezeigt von Hunden, die in einer Wohnung verendet sind: Überall lagen Kadaver.“
Manche Menschen sterben einsam
Der blutigste Fall, mit dem er bisher konfrontiert war, war kein Todesfall, sondern eine Gewalttat. Dabei war das Blut im Treppenhaus an die Wände gespritzt bis hoch zur Decke. Was aus dem Menschen geworden ist, der all dieses Blut verloren hat, hat der Tatortreiniger aus Ostrhauderfehn nie erfahren. „Wir sind ausschließlich für Reinigung, Geruchsneutralisierung und Wiederherstellung zu Wohnzwecken zuständig“, präzisiert der Fachmann.
Die übrigen Einsätze nach menschlichem Ableben, mit denen Robak bislang konfrontiert war, waren natürliche Todesfälle, die zunächst nicht wahrgenommen wurden. So lag ein Mann tagelang tot in einer Monteurswohnung. Dem Vermieter fiel das erst auf, nachdem keine Miete mehr bei ihm einging.
Erste Leiche machte ihm zu schaffen
Der Hintergrund solcher Todesfälle beschäftigt den Osterfehntjer Tatortreiniger. „Wenn jemand einsam stirbt - warum bemerken die Leute in dessen Umgebung nicht, dass in der Wohnung Tag und Nacht das Licht brennt, das Auto nicht mehr bewegt wird?“, fragt Robak. Wenn man das unwiderrufliche Fehlen seines Nachbarn erst wahrnehme, weil sich innen an den Fenstern Fliegen tummeln und Maden sich unter dem Türspalt hindurchwinden - „das ist dann vielleicht doch ein bisschen spät“, findet der Familienvater.
Anfangs machten ihm diese Umstände zu schaffen. „Als ich das erste Mal eine Leiche berührt habe, hatte ich damit 14 Tage lang seelisch zu kämpfen“, erzählt Robak. Dieser Tote sei ihm privat begegnet. „Der sackte am Telefon zusammen, und ich kam darauf zu. Erst half ich dem Notarzt, später assistierte ich dem Bestatter“, schildert der Osterfehntjer. „Danach war ich psychisch angeschlagen.“
Ostfriesland war bislang ein weißer Fleck
Inzwischen kann er mit dem, was ihm beruflich begegnet, anders umgehen. Er bespreche es nach Feierabend mit seiner Frau - selbstverständlich unter Beachtung des Datenschutzes. So erfolge seine seelische Endreinigung. „Man muss wirklich abschalten können.“
Warum er sich überhaupt beruflich spezialisiert habe? Schon bei Wasser- und Feuerschäden fasziniere ihn die Ursachenforschung, führt er aus. Man versetze sich in Bauzeit und Architektur des Gebäudes. Das sei bei der Reinigung eines Tatortes ähnlich. „Mein Ziel ist es, die Leute zufrieden zu machen, weil das Haus wieder bewohnbar ist“, erklärt Robak. Ostfriesland sei, was professionelle Tatortreinigung betreffe, bisher ein weißer Fleck auf der Landkarte gewesen.
Der Liebe wegen nach Ostfriesland gezogen
Bekannt allerdings war Hilbert Robak in der Region schon, als er noch kein Tatortreiniger war. Geboren in Harkebrügge im Nordkreis Cloppenburg, zog er nach Idafehn, nachdem er in der Diskothek Ufo seine Frau Hiltrud kennengelernt hatte. Sie stammt aus Idafehn. Voriges Jahr feierten Robaks Silberhochzeit. Die Töchter Lea und Pia Marie sind 26 und 23 Jahre alt.
Früher war die Familie aktiv im Ostrhauderfehner Karnevalsverein, dem OCC. Nach Unstimmigkeiten sei man dort ausgetreten, schildert Robak. Weil seine Frau und die Töchter weiterhin als Tanzmariechen aktiv sein wollten, gründete er 2004 kurzerhand seinen eigenen Verein, die Karnevalistische Interessengemeinschaft Idafehn, kurz KIG. Jedes Jahr am letzten Sonnabend im November feiert die KIG. Dieses Jahr ist der Gala-Abend am 29. November im Gasthof Zur alten Schleuse.
Im Clan of Kerry lässt er Mittelalter lebendig werden
Außerdem ist Hilbert Robak in seiner Freizeit aktiv als Lord of Kerry. Den Clan of Kerry, dessen Oberhaupt er ist, hat er 2017 gegründet. Er lässt das Mittelalter aufleben. Wenn nicht gerade ein Zeltlager bei einem Mittelalter-Markt stattfinde, treffe man sich gerne in seinem Partyraum, schildert Robak. Man trinke Met aus Tonkrügen. „Wir mischen das mit etwas Bier - schmeckt perfekt“, versichert der selbsternannte Clan-Chef. Bei diesem Gebräu bespreche man die Details künftiger Show-Acts. „Einzutauchen in eine andere Welt“, fasziniere ihn, erläutert Robak. Einer Welt, in der das Handy keine Rolle spiele. Man sitze ums Feuer, tanze, singe, habe Spaß.
Diesen Ausgleich - im Sommer Mittelalter, im Winter Karneval - braucht Hilbert Robak, der Mann mit dem charakteristischen Vollbart, als Tatortreiniger vielleicht noch ein bisschen mehr als bisher.