In Rhauderfehn fehlen Pflegeplätze Reilstift muss schon jetzt täglich Hilfesuchende abweisen
Für die Zukunft zeichnet Reilstift-Vorstand Rainer Helmers ein düsteres Bild: „Ich mache mir Sorgen um die Menschen.“ Er spricht über Zahlen und Schicksale.
Rhauderfehn - Es wird eng: Für Menschen, die heute Pflege brauchen, vor allem aber für alle, die in ein paar Jahren pflegebedürftig werden. Ob Pflegeheim oder ambulanter Dienst: Unter den Einrichtungen herrscht schon lange kein Konkurrenzkampf mehr. „Wir brauchen jeden Platz. Ich mache mir große Sorgen um die Menschen“, sagt Rainer Helmers, Vorstand des Rhauderfehner Reilstiftes. „Wir haben akut damit zu tun, Menschen gut unterzubringen.“ Trotzdem seien Absagen mittlerweile an der Tagesordnung.
Besonders schlimm sei die Situation im Bereich Demenz. „Das überrollt uns. Wir müssen täglich Absagen erteilen“, so Helmers. Dabei steckt hinter jeder Anfrage ein Schicksal. „Demenz ist ja schon für unsere Mitarbeiter herausfordernd. Für Angehörige ist es noch belastender – vor allem wenn eine Weglauf-Tendenz vorhanden ist.“
Viele Plätze in Rhauderfehn – aber sie reichen nicht
In anderen Bereichen sei die Situation ähnlich, wenn auch noch nicht ganz so stark ausgeprägt. Insgesamt 237 Pflegeplätze hält das Reilstift vor. Dazu kommen die Tagespflege und das ambulante Angebot. „Damit haben wir schon relativ viele Pflegeplätze für eine Gemeinde wie Rhauderfehn. Im Landkreis Leer sind wir der größte Anbieter. Trotzdem müssen wir zunehmend mehr Menschen absagen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir keine Anfragen von Krankenhäusern oder Sozialdiensten bekommen, die einen Patienten unterbringen müssen“, so Helmers.
Drei Knackpunkte sieht Helmers: den stark steigenden Personalbedarf, den steigenden Pflegebedarf und die Finanzierung der Pflege, hier besonders die stationäre.
Pflegeplatz kostet bis zu 200.000 Euro
Im Dezember 2023 waren laut Statistischem Bundesamt in Deutschland knapp 5,7 Millionen Menschen pflegebedürftig. Zehn Jahre zuvor waren es gerade einmal 2,63 Millionen. In Rhauderfehn seien derzeit rund 1600 Menschen pflegebedürftig. „Es gibt aber nur 237 stationäre Pflegeplätze. Da besteht großer Investitionsbedarf in stationären Einrichtungen sowie ambulanten Wohnformen.“ Andererseits koste jeder einzelne Pflegeplatz mit allem Drumherum rund 150.000 bis 200.000 Euro. Und: „Wo soll das Personal herkommen?“, verweist Helmers auf das nächste Problem.
Nachwuchs fehle – allerdings nicht, weil der Job schlecht bezahlt werde. „Das ist schon lange nicht mehr der Fall.“ Das Reilstift hat jeden ersten Mittwoch im Monat einen „Tag der Bewerber“. Damit habe man gute Erfahrungen gemacht. Trotzdem bleibe eine Lücke. „Für in zehn, fünfzehn Jahren wird mir angst und bange“, so Helmers.
Pflegebedürftige werden jünger
Auch in der ambulanten Pflege kämpft man mit dem Fachkräftemangel: „Der Job ist eben auch herausfordernd: Rufbereitschaft, Wochenenddienste, Engpässe, die man auffangen muss – das ist nicht für jeden etwas“, sagt Sonja Schoon, Inhaberin des Pflegedienstes Schoon in Ostrhauderfehn. Deren Team hat gut zu tun. „Viele ältere Menschen wollen vor allem nicht in ein Heim“, weiß Pflegedienstleiterin Jeanette Engel.
Andererseits stellen Schoon und Engel auch fest, dass das Klientel immer jünger wird: „Früher kamen die Leute mit 80, heute oft schon mit 50.“ Grund seien dabei häufig psychische Erkrankungen: Depressionen, Schizophrenie, Burnout... „Da steigen die Zahlen ganz gravierend an“, so Schoon. Die Altersverschiebung merkt man auch im Reilstift. „Unser jüngster Bewohner ist 45 Jahre alt – im Demenzbereich. In der Tagespflege sind viele Leute um die 60“, so Helmers.
Was kann die Gemeinde tun?
Ein weiteres Problem: Die Finanzierbarkeit von Pflege und der stark steigende Eigenanteil bei stationärer Pflege. Im Schnitt 3250 Euro müsse man heute monatlich zahlen, wenn man neu in ein Pflegeheim ziehe. Das Reilstift liege unter diesem Bundesschnitt, aber: „Auch wir müssen bald anheben.“
Rainer Helmers mahnt und warnt: kürzlich auch vor Mitgliedern des Gemeinderates. Denn auch die Kommunen sieht Helmers in der Pflicht, dem massiven Problem entgegenzuwirken. „Pflege ist Daseinsfürsorge“, sagt er. Ansätze für die Kommunen seien unter anderem bessere Kinderbetreuung (Kita ab 5.30 Uhr), mehr aufsuchende Seniorenarbeit und frühzeitige Beratung sowie beispielsweise der Einsatz von Gemeindeschwestern.