Stärkste Kraft Betroffenheit und Entsetzen nach AfD-Triumph in Ostrhauderfehn
Die AfD erzielt in Ostrhauderfehn überraschend die meisten Zweitstimmen. Lokale Akteure und Politiker analysieren die Gründe. Harald Kleem fordert derweil ein Umdenken der demokratischen Parteien.
Ostrhauderfehn - Der Erfolg der Alternative für Deutschland (AfD) bei der Bundestagswahl in der Gemeinde Ostrhauderfehn hat vielerorts für Betroffenheit gesorgt. Die Rechtspopulisten holten in Ostrhauderfehn zum ersten Mal überhaupt bei einer Wahl die meisten Zweitstimmen. Sie erhielten 1950 Stimmen (25,75 Prozent) und lagen damit exakt eine Stimme vor der CDU (25,74 Prozent). Ostrhauderfehn ist damit die einzige Kommune im Wahlkreis Unterems, in dem die AfD die meisten Zweitstimmen erringen konnte. Auffällig ist, dass die AfD besonders südlich der Hauptstraße am erfolgreichsten ist. Ihre drei besten Wahlbezirke waren „Südlich der Gartenstraße“ (31,8 Prozent), „Südlich der Middendorfstraße“ (31,67 Prozent) und Langholt (30,06 Prozent).
Harald Kleem engagiert sich seit Jahrzehnten im Ostrhauderfehner Verein Peer-Leader International. Die Organisation setzt sich für das friedliche Zusammenleben der Völker und die Zukunft der jungen Menschen ein. Der 71-Jährige sagt: „Natürlich macht mich das Wahlergebnis der AfD in Ostrhauderfehn betroffen. Eine Tendenz dazu war allerdings zuletzt schon zu beobachten.“ Kleem, der auch Vorstandssprecher im Ortsverband Overledingerland der Grünen ist, sieht mehrere Gründe für diese Entwicklung. „Die demokratischen Parteien müssen auch bei uns im Ort besser zusammenarbeiten und weniger gegeneinander“, erklärt Kleem. So habe sich vor einiger Zeit zwar das Bündnis Ostrhauderfehn gegründet, doch die Aktivitäten in diesem hätten zuletzt stark nachgelassen. Das Bündnis besteht aus Parteien, Vereinen und der Gemeinde. Auch die von den Peer-Leadern ins Leben gerufenen Bürger-Dialoge seien von den etablierten Parteien kaum genutzt worden. „Die sieben Veranstaltungen waren nicht schlecht besucht, doch kaum von den hiesigen Politikern“, so der 71-Jährige. Hier wünsche er sich in Zukunft ein besseres Miteinander. „Das muss nun unser Auftrag sein. Sonst könnte es bei der Kommunalwahl 2026 erneut einen großen Aufschrei geben.“ Aktuell gebe es in Ostrhauderfehn zwar noch keinen Gemeindeverband der AfD, aber das könne sich bis dahin ändern.
„Viele Zugezogene, die die AfD wählen“
Auch Folkmar Körte, Vorsitzender des schwul-lesbischen Vereins Rainbow-Point in Ostrhauderfehn, zeigt sich vom Wahlergebnis sehr betroffen. „Das habe ich so nicht erwartet“, sagt Körte, der auch Mitglied der SPD ist und für die Sozialdemokraten bereits im Gemeinderat saß. Und welche Erklärung hat er für das starke Abschneiden der AfD im Ort? „Hier gibt es viele Zugezogene. Und es leben viele Menschen hier, die ihre Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion haben. Von diesen wählen viele die AfD“, erklärt Körte.
Die Sozialdemokraten selbst wurden nur noch drittstärkste Kraft. Die SPD erhielt 24,59 Prozent der Zweitstimmen und damit mehr als 15 Prozentpunkte weniger als bei der Bundestagswahl 2021. Die Co-Vorsitzende des SPD-Ortsverbandes, Janneke Groote, erklärt: „Wir liegen damit zwar noch über dem Bundesschnitt, können aber natürlich nicht zufrieden sein. Das starke Abschneiden der AfD ist erschreckend und hat mich und uns getroffen.“ Für Groote kam das Ergebnis jedoch nicht unerwartet. „Wir haben an den Infoständen schon viel Unmut von den Menschen wahrgenommen. Dabei ging es nicht nur um Migration, sondern vor allem um die hohe Inflation und gestiegenen Kosten“, sagt die Co-Vorsitzende. Gemeinsam mit den Genossen werde sie versuchen, bis zu den Kommunalwahlen die politische Stimmung im Ort wieder zu verändern.
CDU will AfD entgegenwirken
Die CDU lag bei den Zweitstimmen ganz knapp hinter der AfD, bei den Erststimmen allerdings war Gitta Connemann vorne. Darüber freut sich auch die Vorsitzende des Ostrhauderfehner CDU-Gemeindeverbandes, Ruth Wreesmann. Sie erklärt: „Gitta Connemann war und ist eine starke Stimme für unsere Region – auch für Ostrhauderfehn. Wir sind dankbar, dass sie uns weiter in Berlin vertritt.“
Gleichzeitig nehme aber auch die CDU mit Sorge das starke Abschneiden der AfD in Ostrhauderfehn zur Kenntnis. Wreesmann betont: „Das Ergebnis zeigt die Zerrissenheit unserer Gesellschaft in diesen Tagen. Die Verunsicherung in Deutschland ist groß – auch in unserer Gemeinde. Dieses Ergebnis beinhaltet das deutliche Signal, dass viele Bürgerinnen und Bürger sich nach neuen Wegen in der politischen Landschaft sehnen, in denen ihre Sorgen und Ängste angesprochen werden. Die Menschen wollen einen Politikwechsel und deshalb ist es unsere Aufgabe, die Bedenken und das Unbehagen, das viele Menschen empfinden, ernst zu nehmen. Weg von Streit und Ampelchaos, hin zu wirtschaftlicher Stabilität und klarer Kante! Dafür stehen wir als CDU. Friedrich Merz hat einen klaren Regierungsauftrag. Jetzt liegt es an uns, die Menschen mit guter Politik zu überzeugen und das Land wieder auf Kurs zu bringen – in Berlin und vor Ort in Ostrhauderfehn.“