Apotheker aus Oberledingerland  Immer mehr Medikamente sind nicht oder schwer zu beschaffen

| | 17.01.2025 11:00 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
2022 und 2023 kam es zu Engpässen bei Fiebersäften für Kinder. Die, so Dr. Anne Sieverding aus Ostrhauderfehn, sind wieder erhältlich. Dafür sind viele andere Arzneimittel nicht lieferbar. Foto: Janßen
2022 und 2023 kam es zu Engpässen bei Fiebersäften für Kinder. Die, so Dr. Anne Sieverding aus Ostrhauderfehn, sind wieder erhältlich. Dafür sind viele andere Arzneimittel nicht lieferbar. Foto: Janßen
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Vom Asthmaspray bis zur Kochsalzlösung: Bei Hunderten von Arzneimitteln wird es eng in Ostrhauderfehn und Rhauderfehn. Die Apotheker haben alle Hände voll zu tun, den Mangel auszugleichen.

Rhauderfehn/Ostrhauderfehn - Irgendwas ist immer ... nämlich nicht lieferbar: Engpässe bei Medikamenten machen Patienten und Apothekern das Leben schwer - und sind seit Jahren ein ständiger Begleiter der Branche. In der Region wie bundesweit. „Seit etwa drei Jahren hat sich die Situation verschlimmert“, sagt Tammo Meyer von der Center-Apotheke in Rhauderfehn: „Und der Trend geht nach oben.“ 470 nicht lieferbare Medikamente habe er auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, kurz BfArM, aktuell gefunden, so Meyer.

Der Blutzucker-Senker Ozempic ist seit einiger Zeit als Abnehm-Wunder in aller Munde, nennt Apotheker Tammo Meyer ein Beispiel. Das Medikament fehlt in der Folge den Diabetikern, für die es eigentlich gedacht ist. Meist seien es aber nicht so offensichtliche und einfache Gründe, warum ein Mittel fehle.

„Fast wie in der Corona-Zeit“

Der Landesapothekerverband Niedersachsen (LAV) warnt vor Lieferengpässen bei rund 1000 Medikamenten, darunter etwa 460 verschreibungspflichtige Arzneimittel. „Das ist fast wieder das Niveau wie in der Corona-Zeit“, sagte der stellvertretende Vorsitzende des LAV, Dr. Mathias Grau.

Gründe seien vor allem Störungen der Lieferketten, denn viele Medikamente kommen aus dem nicht europäischen Ausland, etwa aus Asien. „Kriegshandlungen und ähnliches führen oft dazu, dass der Transport unterbrochen wird oder länger dauert.“ Auch die exklusiven Verträge der Krankenkassen mit einigen Arzneimittel-Herstellern seien eine Ursachen für Engpässe. „Wenn ein Lieferant ausfällt, gibt es oft nicht genügend Mitbewerber, die das ausgleichen können.“

Rhauderfehner Apotheker haben mehr Aufwand

Zu den derzeit nicht lieferbaren Medikamenten gehören Asthmasprays, Schilddrüsen-Präparate und Medikamente zur Vorbeugung des Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV). „Das kann vor allem bei Säuglingen zu lebensbedrohlichen Atemwegsinfektionen führen“, so Grau. Was der Rhauderfehner Center-Apotheke besonders zu schaffen macht, ist der Engpass bei Kochsalzlösungen. Die werden hier für die Herstellung von Chemotherapien dringend benötigt. „Wir kämpfen uns von Monat zu Monat“, so Tammo Meyer. Und: „Das alles kostet uns viel Zeit.“

"Wir kämpfen uns von Monat zu Monat", sagt Tammo Meyer von der Center-Apotheke in Rhauderfehn. Foto: Janßen
"Wir kämpfen uns von Monat zu Monat", sagt Tammo Meyer von der Center-Apotheke in Rhauderfehn. Foto: Janßen

Das betont auch Dr. Anne Sieverding von der gleichnamigen Apotheke in Ostrhauderfehn: „Medikamente, die nicht lieferbar sind, bedeuten einen großen Mehraufwand für uns Apotheker.“ Wie die Rhauderfehner Apotheker versuche man in Ostrhauderfehn, alle Engpässe im Sinne des Kunden aufzufangen. „Dadurch entsteht aber ein viel größerer Beratungsbedarf. Wir müssen dem Kunden erklären, warum er ein anderes Präparat bekommt oder eine andere Dosierung, was er nun beachten muss und dass der Ersatz auch wirksam ist“, so Anne Sieverding. „Zwischendurch ruft der Patient an, um zu fragen, ob das Medikament da ist. Manchmal führen wir dreimal das gleiche Gespräch.“ Dazu kämen Absprachen mit Ärzten über Alternativen und natürlich die Versuche, eine Alternative zu finden oder ein Medikament doch noch aufzutreiben.

Apotheken werden weniger

„Detektivische Arbeit“, nennt Dr. Mathias Grau das. Für den Mehraufwand, den der stellvertretende LAV-Vorsitzende pro Betrieb auf 20 bis 60 Stunden pro Woche schätzt, habe die Bundesregierung eine Engpass-Pauschale beschlossen. „Wir bekommen 50 Cent pro nachweislich nicht lieferbarem Medikament“, so Grau: „Das ist eine Unverschämtheit“, kritisiert er. „Für unsere Patienten haben wir das auch vorher schon gerne gemacht. Aber ein solch geringer Ausgleich vom Bundesgesundheitsminister ist ein Schlag ins Gesicht.“

Vor dem Hintergrund der „sowieso schon ungünstigen Vergütungssituation“ sei das noch problematischer, betont Dr. Anne Sieverding: „Die Apothekervergütung wurde seit 2007 nicht mehr angepasst, trotz gewaltiger Lohnsteigerungen und Inflation. Der Apotheker trägt ein hohes finanzielles Risiko. Zum Beispiel muss man, wenn man sich niederlässt, für die Zulassung einen Mietvertrag über zehn Jahre nachweisen. Es ist kein Wunder, dass sich kaum Nachfolger finden und die Zahl der Apotheken in Deutschland von 20.000 auf 17.000 zurück gegangen ist.“

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