Kinderpornografie Ermittler aus Cloppenburg berichtet von seiner Arbeit
In den vergangenen Jahren sind die Fälle von Kinderpornografie, in denen die Polizei eingreift, stark gestiegen. Der Leiter der Ermittlungsgruppe der PI Cloppenburg/Vechta nennt die Gründe dafür.
Cloppenburg - Im Eingang der Polizeiinspektion Cloppenburg/Vechta weisen Plakate auf ungeklärte Mordfälle hin. Besucher müssen sich anmelden. Die Ständige Ermittlungsgruppe Kinderpornografie, zu der wir wollen, heißt im Polizeideutsch SEG KiPo. Sie ist im Hauptgebäude der Inspektion an der Bahnhofstraße in Cloppenburg ansässig und wird von einem 30-jährigen Oberkommissar geleitet.
Seinen Namen möchte der Kriminalbeamte nicht veröffentlicht haben. Wer danach im Internet sucht, findet ihn zwar, kann aber keinen Zusammenhang zu seiner beruflichen Tätigkeit herstellen. Das soll auch so bleiben. In dieser Geschichte wird der leitende Ermittler in Sachen Kinderpornografie deshalb den Namen Müller tragen.
Fallzahlen in den vergangenen Jahren stark gestiegen
Auch seinen Wohnort nennt Oberkommissar Müller nicht. Er sei im Landkreis Cloppenburg zu Hause. Das muss reichen. Die Stärke seiner Ermittlungsgruppe wird ebenfalls nicht beziffert. Es sei „ein überschaubarer Personenkreis“, sagt Müller. Er erläutert, warum Diskretion bei seiner Arbeit so wichtig sei: Die Klientel, die Müller und sein Team im Blick haben, beobachte aktiv die Arbeit der Polizei, um dagegen Mechanismen zu entwickeln.
Das Delikt Kinderpornografie habe stark zugenommen. Das teilt Julia Göken mit, Pressesprecherin der Inspektion Cloppenburg / Vechta. Sie ist bei dem Gespräch dabei. Kinderpornografie ist ein sensibles Thema, da mache die Polizeidirektion Oldenburg viele Vorgaben. Sieben Inspektionen gehören zu deren Dienstbereich. Sie umfassen ganz Nordwestdeutschland, von Cuxhaven bis nach Diepholz. Zahlen und Daten gibt die Polizeidirektion nur für das Gesamtgebiet heraus. Eine eigene Statistik für das Oldenburger Münsterland, das aus den beiden Landkreisen Cloppenburg und Vechta besteht, für das Müllers Inspektion zuständig ist, wird nicht veröffentlicht.
200 Fälle jährlich im Oldenburger Münsterland
Göken nennt die Zahlen der Polizeidirektion Oldenburg: Waren dort 2018 noch 116 Vorgänge an Kinderpornografie ermittelt worden, stieg deren Anzahl auf 360 im Jahr 2019. 2020 wurden 422 Ermittlungsverfahren angestrengt, 2021 gab es 807 ermittelte Fälle. 2022 stiegen die Fallzahlen weiter an auf dann 1148 Fälle. 2023 registrierte die Polizei 1666 Fälle. Legt man das um auf alle sieben Inspektionen, ergeben sich in den beiden Kreisen Cloppenburg und Vechta rechnerisch rund 200 Fälle pro Jahr.
Niedersachsenweit sei der Nordwesten bei Kinderpornografie „überproportional vertreten“, sagt Ermittler Müller. Woran das liegt, könne er nicht sagen. Die Täter seien fast ausschließlich Männer. Gleichmäßig verteilt auf alle Altersgruppen.
Ermittlungsgruppe seit 2020
Die Ständige Ermittlungsgruppe KiPo richtete die Inspektion in Cloppenburg 2020 ein. Das Ermittlerteam ist angesiedelt beim 1. Fachkommissariat. Vorher wurde dort auch schon beim Verdacht auf Kinderpornografie ermittelt, allerdings nicht in einem gesonderten Team. 2021 wurde die Gesetzgebung in Deutschland verschärft, das Delikt als Verbrechen eingestuft. Im Juni 2024 wurde das Gesetz nachgebessert.
Wenn Tatverdächtige vor Gericht stehen und verurteilt werden, würden Freiheitsstrafen in der Regel zur Bewährung ausgesetzt, sagt Müller. Er ist regelmäßig als Zeuge in Prozessen präsent. Rechtsprechung sei objektiv, betont der Polizist. Aber wenn man als Ermittler das Material sichte, habe man eine andere Sicht auf die Dinge.
Internet lässt Fallzahlen ansteigen
Dass bei der Kripo die Fallzahlen ansteigen – um 62 Prozent durchschnittlich in den vergangenen fünf Jahren – liegt auch an der Arbeit des National Center for Missing & Exploited Children, NCMEC. Die gemeinnützige Organisation aus den USA kümmert sich um den Schutz ausgebeuteter Kinder. Sie hat große Internetanbieter wie Facebook, deren Server in den USA stehen, verpflichtet, verdächtige Inhalte der Polizei zu melden. Entsprechende Daten aus Deutschland leitet der NCMEC weiter an das Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Das wiederum sortiert nach örtlicher Zuständigkeit. Ermittler Müller in Cloppenburg erhält die Daten, die das Oldenburger Münsterland betreffen, vom Landeskriminalamt aus Hannover.
Der eigentliche Grund für den Anstieg von Fallzahlen bei Kinderpornografie ist allerdings das Internet. Das habe Zugänglichkeit und Austausch einschlägigen Bildmaterials vereinfacht, schildert Müller. Niemand müsse sich mehr irgendwo treffen, um Bilder auszutauschen. Alles läuft anonym und diskret über Messenger-Dienste.
Akten enthalten Durchsuchungsbeschluss
Das betreffe auch die Opfer. Einige Kinder und Jugendliche würden unbedarft Nacktfotos von sich im Internet verschicken. Andere würden dies aus kommerziellem Interesse machen. Dann gebe es Leute, die solche unbesonnen versandten Fotos im Internet abfischten und gebündelt anböten. Um dem vorzubeugen, würden Schulen eng zusammenarbeiten mit der Polizei. „Wir haben schon fast jede Schule in unserem Inspektionsgebiet besucht, um aufzuklären“, schildert der Oberkommissar.
Müllers Arbeitsplatz sieht unspektakulär aus. Mehrere Rechner sind hochgefahren. Die Akten auf dem Schreibtisch enthalten „hochsensible Daten“, warnt er. Ein paar Grünpflanzen, Ansichtskarten und der aktuelle Jahresplaner der Polizeigewerkschaft sorgen für eine gewisse Wohlfühlatmosphäre. Müllers Tätigkeit spielt sich vorwiegend außerhalb seines Büros ab. Die Kriminalakten, die seine Ermittlungsgruppe aus Hannover erhält, enthalten Ermittlungsergebnisse, Beweise - und einen Durchsuchungsbeschluss.
Tatverdächtige reagieren unterschiedlich
Müller und seine Ermittler erleben viele erschrockene Männer an der Haustür – oder auch deren Frauen und Kinder. Denn jeder Beschluss wird von der SEG KiPo umgehend vollstreckt. Die Polizisten gehen in die Wohnung, unterstützt von Technikern und Hunden. „Je nachdem, wen man vor sich hat“, präzisiert Müller. Die Beamten beschlagnahmen, was sie für tatrelevant halten, vom Handy bis zum Computer. Die Aufklärungsquote sei „relativ gut“, sagt Müller. Sie liege zwischen 97 und 98 Prozent. „Nicht jeder Täter landet bei uns. Aber wer bei uns landet, der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit überführt“, so der Polizist.
Die Betroffenen verhielten sich unterschiedlich. „Viele distanzieren sich, wollen die Tat verschleiern. Andere reagieren zerknirscht, geben zu, was sie getan haben.“ Oft erlebe er, sagt Müller, dass Täter gar nicht begreifen, dass es bei den Fotos um den Missbrauch von Kindern gehe. Pädophilie, also die sexuelle Neigung zu Kindern, sei eine sexuelle Präferenzstörung. Werde sie gutachterlich attestiert, könne das vor Gericht zur Schuldunfähigkeit führen. Fruchten Therapien und gerichtliche Maßnahmen nicht, könnten Täter rückfällig werden, weiß Müller.
Ausgleich und Supervision
Er selbst hat keine Kinder. Wenn der Oberkommissar am Spätnachmittag seinen Arbeitsplatz verlässt, lasse er zurück, womit er sich beruflich beschäftigt. Privates und Dienstliches könne er gut trennen, sagt Müller. Ausgleich finde er durch Musik und Sport. Doch wer im Bereich Kinderpornografie ermittle, erhalte von seinem Arbeitgeber regelmäßig Supervision, um mit der seelischen Belastung klarzukommen.
„Man benötigt schon Auszeiten“, stellt der Ermittler fest. Kein Polizist könne einen ganzen Arbeitstag lang am Stück Videomaterial sichten. „Man denkt, man hat schon alles gesehen. Aber es gibt immer etwas Neues. Und es gibt nichts, was es nicht gibt.“ Er sagt das ganz ruhig, der Mann, den wir in dieser Geschichte Müller nennen. Seit einigen Wochen hat Müller eine neue Stelle. Er hat gewechselt innerhalb des 1. Fachkommissariats. Es hat sich intern ergeben. Für ihn eine Chance auf etwas Neues.