Ein Rückblick  So flogen die Machenschaften des Rhauderfehner Käsekönigs auf

| | 25.02.2024 09:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Alles Käse! Die Machenschaften des sogenannten Rhauderfehner Käsekönigs waren im Mai 2020 aufgeflogen. Foto: Pixabay
Alles Käse! Die Machenschaften des sogenannten Rhauderfehner Käsekönigs waren im Mai 2020 aufgeflogen. Foto: Pixabay
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Der sogenannte Käsekönig aus Rhauderfehn flog mit seinem Schwindel auf – sowohl jetzt in seiner niederländischen Heimat als auch damals in Rhauderfehn. Wir blicken zurück auf das Frühjahr 2020.

Rhauderfehn - Der sogenannte Käsekönig trieb im Frühjahr 2020 sein Unwesen in Rhauderfehn. Vier Jahre später hat er nun erneut betrogen – in seiner niederländischen Heimat. Wir blicken in diesem Text noch einmal zurück. So sind damals seine Machenschaften auf dem Fehn aufgeflogen. Der folgende Text erschien am 8. Mai 2020 erstmals in dieser Zeitung. Wir veröffentlichen ihn – leicht verändert – hier noch einmal:

Es war im März 2020, als im sozialen Netzwerk Facebook die Pläne der angeblichen „Käsespezialisten“ publik gemacht wurden. Die vermeintlichen Brüder Ronald (35) und Richard de Vries (31) verkündeten dort vollmundig, mehrere Käsefilialen im Nordwesten Niedersachsens eröffnen zu wollen – unter anderem in Rhauderfehn und Ostrhauderfehn.

Zudem sollte im Gewerbegebiet in Rhaudermoor der Deutschland-Sitz des internationalen Unternehmens angesiedelt werden. Die Bio-Käserei inklusive Verwaltung sollte 200 Menschen Arbeit bieten. Auf ihrer Internetseite schalteten sie dafür auch schon Stellenangebote – die jedoch diskriminierend daherkamen. Denn gesucht wurden lediglich junge Leute zwischen 18 und 26 Jahren – und vornehmlich Frauen.

Über „Käsespezialisten“ weit und breit nichts zu finden

Schnell kamen die ersten Zweifel. Rhauderfehns Bürgermeister Geert Müller wusste bis dato nichts von den Plänen. Keiner der beiden de-Vries-Brüder, die als Geschäftsführer der Firma fungierten, war zuvor bei ihm vorstellig geworden. Und auch im Internet gab es über die „Käsespezialisten“ weit und breit nichts zu finden.

Zudem kündigte die Firma wochenlang an, ihre Rhauderfehner Filiale in der ehemaligen Bäckerei Garrels am Untenende eröffnen zu wollen. Doch der Inhaber erklärte dieser Zeitung, dass es diesbezüglich weder einen Vertrag noch ein anvisiertes Eröffnungsdatum gegeben habe und es lediglich bei einem Besichtigungstermin geblieben war. Doch trotz allem wurden ab Ende März die Planungen vorangetrieben. Dazu holten sich die Holländer einen freien Journalisten als Unternehmenssprecher mit ins Boot. Er sollte nicht nur als Unternehmenssprecher fungieren, sondern auch Bewerbungsgespräche führen.

Kunden bekamen keine Quittungen

Währenddessen versuchten die „Käsespezialisten“ vor Ort Fuß zu fassen. Die Brüder de Vries gründeten eine Facebook-Gruppe mit dem Namen „I love Rhauderfehn“, die sie vor allem dazu nutzten, Eigenwerbung zu machen. Und sie lieferten Käse und Spargel auf dem Fehn aus und spendeten diesen auch an das Reilstift, die Feuerwehr und die Polizei.

Auch in einer Schlachterei in Langholt soll die Firma für kurze Zeit ihren Käse angeboten haben. Auffällig: Niemals war einer der beiden Brüder de Vries dabei. Nach Angaben des damaligen Firmensprechers würden sie sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen, weil sie sich um ihre Sicherheit sorgen würden. Merkwürdig war zudem, dass der Käse und der Spargel, der per Bestellung geordert werden konnte, zu Ramschpreisen angeboten wurde. Verlangten Kunden bei der Lieferung nach einer Rechnung, wurden sie vertröstet – die gab es nie. Für großes Aufsehen sorgte dann am 22. April eine verfasste Pressemitteilung. Demnach sollte die Käsefirma das Traditionslokal Verlaatshus für fünf Jahre pachten – mit anschließender Kaufoption. Dort sollte ein schickes Restaurant mit dem Namen „Das Gelbe Gold“ errichtet und die Hotelzimmer aufgehübscht werden. Und: Für viele Vereine gab es gute Nachrichten. Denn der Saal, den der Eigentümer ursprünglich abreißen lassen wollte, sollte bestehen bleiben.

Es wurden schon Bewerbungsgespräche geführt

Doch diese Pressemitteilung wurde voreilig verschickt. Zwar habe es Gespräche gegeben, eine schriftliche Vereinbarung aber bis dato nicht, erklärte Inhaber der damalige Verlaatshus-Chef. Wenige Tage später entschuldigte sich der Firmensprecher für diesen „Schnellschuss“.

Nachdem es vor allen im sozialen Netzwerk Facebook immer mehr Zweifel am Geschäftsgebaren gab, schmiss der freie Journalist am 1. Mai seinen Job als Sprecher hin. Bewerbungsgespräche würde er als externer Dienstleister aber weiterhin führen, teilte er mit. Trotz aller Zweifel und zunehmender Ungereimtheiten ließen die Brüder de Vries in ihrem Expansionsdrang nicht locker. Am 2. Mai verkündeten sie bei Facebook, dass sie auch in Osterode am Harz ein Restaurant mit dem Namen „Das Gelbe Gold“ eröffnen wollten. Nach Informationen der Redaktion pachteten sie dazu ein ehemaliges Autohaus. Auch Mitarbeiter wurden hierfür bereits gesucht.

Von Richard oder Ronald de Vries nichts mehr zu lesen

Auffällig: Als Arbeitgeber wurden hier nicht mehr die „Käsespezialisten“ genannt, sondern die „Horeca Group Deutschland“. Als Geschäftsführerin wurde dabei eine A. G. angegeben. Von Richard oder Ronald de Vries war offiziell nichts mehr zu lesen. Es war der letzte Akt dieser beiden angeblichen Brüder, die es so wohl nie gegeben hat. Am Dienstag, 5. Mai, wurde der Drahtzieher der Käsefirma-Pläne festgenommen. Die Pläne entpuppten sich als Hirngespinste. Hinter ihnen steckte ein Mann, der seit Jahrzehnten in den Niederlanden und auch im Oberledingerland sein Unwesen trieb: ein Betrüger und Hochstapler.

Der Mann, der viele Menschen in Rhauderfehn und Umgebung monatelang belog, soll nach Angaben von niederländischen Medien bereits seit Ende der 90er-Jahre immer wieder mit Betrugsmaschen aufgefallen sein. Sein bürgerlicher Name ist M.D., er soll 1966 in Haarlem geboren worden sein. Seine Betrugs-Masche war laut Berichten in der holländischen Presse stets ähnlich: Der große schlanke Mann mit den blonden Haaren wickelte Frauen – zumeist deutlich jünger als er selbst – um seine Finger. Er gaukelte ihnen vor, ein reicher Geschäftsmann zu sein. Gemeinsam mit seinen Geliebten eröffnete er in den Niederlanden Geschäfte – mal einen Dessousladen, mal einen Reitershop.

D. bezahlte Handwerker nicht

Dafür nahm D., der immer wieder unter anderen Namen auftrat, Kredite auf. Die Geschäfte, die für gewöhnlich unter den Namen der Frauen liefen, ließ D. aufwendig errichten oder renovieren. Doch niemand wurde dafür bezahlt. Kein Handwerker, kein Makler, kein Lieferant. Stattdessen verschwand D. mit dem Geld – und ließ die Frauen mit hohen Schulden sitzen. Im Januar 2016 wurde in einer niederländischen Fernsehsendung nach D. gesucht. Damals jedoch vergeblich.

Auch im Oberledingerland ist der 53-jährige D. kein unbeschriebenes Blatt. Gemeinsam mit seiner damaligen Ehefrau L. P. eröffnete er 2011 an der Friesoyther Straße in Barßel-Neuland einen Bio-Ziegenhof. Dort verkauften die beiden Käse und Quark aus Ziegenmilch – jedoch nicht lange. Nach kurzer Zeit waren sie verschwunden. Einige Jahre später versuchte D. sein Glück an der 1. Südwieke in Rhauderfehn. Dort betrieb er an der Ecke Papenburger Straße mit seiner damaligen Freundin einen Shop für Reitsportbedarf. Doch auch dieser hatte nicht lange geöffnet – genauso wie wenige hundert Meter entfernt ein Blumengeschäft. Immer wieder gab es dabei Probleme mit den örtlichen Behörden. Entweder waren die Geschäfte unzureichend oder gar nicht angemeldet.

Restaurant-Bild war aus dem Netz geklaut

In diesem Jahr versuchte D. dann, mit der Firma „Käsespezialisten“ seine Masche abzuziehen. Doch schon auf den ersten Blick gab es große Zweifel an der Echtheit dieses Unternehmens. Denn fast alles, mit dem D. bei Facebook und seiner Internetseite warb, war geklaut und gefälscht. So veröffentlichte D. ein Bild von einem Restaurant, das angeblich von ihm entworfen worden war und genau so auch in Rhauderfehn errichtet werden sollte. Doch bei dem Bild handelte es sich um das Restaurant „Fondue Oost“.

Auch das angebliche Wappen der Familie de Vries, mit der sich D. tarnte, war abgekupfert. Und: Das Muster der Kundenkarte, mit der 53-Jährige Daten von Kunden einholen wollte, hatte er von der Firma Galeria Kaufhof abgeschaut.

Keine dieser Firmen hat es je gegeben

Als es in der Öffentlichkeit immer mehr Fragen zum Unternehmen „Käsespezialisten“ gab, erklärte D. alias Richard/Ronald de Vries, das hinter der Firma eine internationale Investmentgesellschaft in Monaco stehe. In der sollten – so zeigt es ein internes Papier, das der Redaktion vorliegt – 345 Firmen vereint sein, unter anderem aus den Bereichen Pferdesport, Erotik und Immobilien. Der Name dieser Gesellschaft: Dutch Cheese Group Holding Monaco Ltd.

Doch auch dazu gab es keinerlei Angaben – weder im Internet noch in nationalen und internationalen Gewerberegistern. Nun hat sich herausgestellt: Keine dieser Firmen hat es je gegeben – und in diesem Zusammenhang auch keine Brüder Ronald und Richard de Vries.

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