Holocaust-Überlebender erzählt Am Frühstückstisch mit ... Albrecht Weinberg
Der 98-jährige gebürtige Rhauderfehner ist trotz seines Alters in Sachen Versöhnung und Aufklärung viel unterwegs. Vorher wird zu Hause in Leer ausführlich gefrühstückt.
Rhauderfehn/Leer - Albrecht Weinberg hat viele Termine. Das Fernsehen ruft, und an diesem Mittwochabend hat er in Rhauderfehn am Gymnasium eine Lesung. Ein paar Tage zuvor, beim Frühstücksbesuch der Redaktion, haben der 98-Jährige und seine Begleiterin und Mitbewohnerin Gerda Dänekas noch etwas mehr Zeit und Muße. Die beiden sitzen in ihrer gemeinsamen Wohnung in Leer und erzählen von der ersten Mahlzeit am Tag. Die ist wichtig – auch wenn dem Holocaust-Überlebenden an diesem Morgen sein sonst guter Appetit vergangen ist.
„Mir ist heute nicht zum Essen“, sagt Weinberg. Am Vortag hat er von der Schändung des jüdischen Friedhofs in Leer erfahren. Das macht ihm zu schaffen. „Er war immer so stolz auf Leer. Woanders sind jüdische Friedhöfe schon beschädigt worden. Aber hier in Leer nicht. Der Friedhof sieht top aus, es hat keine Schäden gegeben. Aber nun ist es doch passiert“, erzählt Gerda Dänekas, während sie Tee einschenkt.
Porridge für den Magen
Der Vorfall zeigt auch, wie wichtig Weinbergs unermüdliches Engagement als Zeitzeuge ist. Darum nimmt er sich trotz seines hohen Alters Zeit für die vielen Termine, auf denen er von seinen Erlebnissen als Jude in Rhauderfehn erzählt, vom Konzentrationslager und von den Menschen, die er durch die Nazis verloren hat. Anstrengende Tage, die alle gleich beginnen: mit einem guten Frühstück.
„Wir frühstücken ausgiebig“, sagt er. Nicht, was die Masse angeht, sondern die Zeit. „Egal, ob wir Termine haben oder nicht: Wir frühstücken ausgedehnt. Nur wenn wir woanders zum Frühstück eingeladen sind, dann gibt es hier vorher nur eine Banane“, sagt Dänekas. Weinberg nickt und nimmt einen Löffel Porridge. Das, erzählt er, sei nicht sein Lieblingsfrühstück. „Aber es ist gut für den Magen“, erklärt er. Zu dem Haferbrei gibt es eine Banane. Die teilt er sich mit seiner Mitbewohnerin. „Und ich gebe Rosinen ins Porridge“, so Weinberg.
Als Kind gab es Brötchen von Bäcker Struck
Und was wäre sein Lieblingsfrühstück? Weinberg lächelt: „Eine Stulle. Ein Käsebrot, Schwarzbrot“, sagt er.
Als Kind, erinnert er sich, gab es zum Frühstück Brötchen. „Von Bäcker Struck“, sagt er. Der war Nachbar der Familie Weinberg auf dem Rhauderfehner Untenende. Belegt wurde das Brötchen damals nicht. „Es war nur mit etwas Butter bestrichen. Die habe ich aber abgekratzt. Ich habe nicht gerne Butter gegessen.“ Das ist heute noch so: „Wenn wir Brot oder Brötchen haben, darf die Butter nur ganz dünn drauf sein“, erzählt Gerda Dänekas.
Nachrichten hört er die ganze Nacht
Die beiden haben ein Morgenritual: „Ich stehe auf und richte das Frühstück her, dann steht Albrecht auf“, sagt Dänekas. „Gegen halb zehn wird gefrühstückt. Manchmal sitzen wir um halb elf noch am Tisch.“ „Eigentlich immer“, fügt der 98-Jährige mit einem Lächeln hinzu. Das Radio sei immer an.
Ob Weinberg morgens Nachrichten hört, wollen wir wissen. „Die ganze Nacht“, antwortet er: Er schlafe schlecht, fast die ganze Nacht bleibe das Radio an, erklärt Dänekas: „Infosender, keine Schlager. Wenn wir hier morgens sitzen, dann weiß er schon, was in der Welt alles passiert ist.“
Es wird nicht koscher gekocht
Die Schlager sind Dänekas’ Spleen: „Ich stelle am Radio eine Schlagersendung ein, die Lieder aus den 1970er und 80er Jahren spielt. Da singe ich ihm auch mal was vor.“ Und manches singt Weinberg mit, obgleich sein Repertoire amerikanisch geprägt ist. Er und seine Schwester wanderten nach dem Krieg in die USA aus, wo sie mehr als 60 Jahre lang lebten. Deshalb hört er Sinatra, Perry Como und Ähnliches. Deren Hits lädt Gerda Dänekas ihm auch aus dem Internet herunter. „Dann schwelgt er in Erinnerungen.“
Bei besonderen Gelegenheiten mit Besuch serviert Dänekas zum Frühstück manchmal Rührei mit Speck. Für Weinberg gibt es dann nur Rührei. „Speck isst er nicht. Gar nichts vom Schwein.“ Koscher gekocht wird aber nicht. Das haben die Geschwister Weinberg auch in Amerika schon nicht gemacht. In der koscheren Küche müssen Milchprodukte streng von Fleischprodukten getrennt werden. Sie dürfen nicht zusammen gegessen und auch nicht in demselben Topf gekocht werden – auch nicht nacheinander. „Das ist für uns nicht umsetzbar“, so Dänekas. Seine Mutter, erinnert sich Weinberg, habe aber koscher gekocht. „Wir gingen zur Leeraner Synagoge – das war eine fromme Gemeinde.“
Schon in Rhauderfehn wurde Essen knapp
Wie wichtig ist das Essen überhaupt für jemanden, der in Bergen Belsen bis auf die Knochen abgemagert war? Bis heute, so Dänekas, begegne Weinberg Mahlzeiten mit viel Wertschätzung. „Für uns gab es ja schon kein volles Essen mehr unter den Nationalsozialisten in Rhauderfehn. Vor 33 war es normal, auch mit den Nachbarn, aber dann …. Mama hat nichts mehr kriegen können zu essen“, berichtet Weinberg. „Nach der Befreiung aus dem KZ haben wir Überlebende viel von Essen gesprochen.“ Später in Amerika „hatten wir gar keine Sorgen um Essen, da hatten wir alles. Und wir waren ja nicht verwöhnt, wir haben ja alles gegessen.“
Jetzt liegt der Horror weit zurück, aber: Es wird immer noch aufgegessen, was auf den Tisch kommt. „Albrecht ist ganz dagegen, dass Essen weggeworfen wird. Wenn es ganz selten mal Reste gibt und ich sage, dass ich das wegwerfen werde, dann isst er das lieber doch noch“, so Dänekas. Überhaupt sei Albrecht Weinberg ein guter Esser.
Nur manchmal, wie an diesem Morgen, siegt der Kummer über den Appetit. Deshalb bleibt das Frühstücksei unangerührt. Der geschändete jüdische Friedhof geht Albrecht Weinberg nicht aus dem Sinn: So sei es damals angefangen, sagt er: „Und das kann ein, zwei, drei wieder da sein.“