Abschied von der Wahlheimat  Ingrid Broich verlässt Burlage – über 50 Jahre Einsatz für Ort und Menschen

| | 13.12.2023 17:06 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Kiste um Kiste füllt sich: Ingrid Broich räumt ihr Haus, zieht aus Burlage weg. Foto: Janßen
Kiste um Kiste füllt sich: Ingrid Broich räumt ihr Haus, zieht aus Burlage weg. Foto: Janßen
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1966 kamen Ingrid Broich und ihr Mann Herbert (†2020) nach Burlage. Jetzt zieht die 81-Jährige zur Tochter nach Bergisch Gladbach. Sie lässt viel zurück.

Burlage - Im Wohnzimmer stehen noch Tisch, Stühle und das Sofa. Und einige Kartons, die sich nach und nach füllen. Andere Räume des großen Hauses an der Burlager Heerestraße sind schon leer: Ingrid Broich zieht fort, räumt die Spuren fast eines ganzen Lebens aus. „Ich wollte eigentlich schon fertig sein“, sagt sie. „Aber so schnell geht das nicht.“ In den Jahrzehnten hat sich viel angesammelt. Erinnerungen an ein Leben, in dem es kaum eine ruhige Minute gab.

Ingrid und Herbert Broich stammen aus Grevenbroich. 1965 kam das Paar erst nach Ostrhauderfehn, 1966 dann nach Burlage. Sie brachten Herzblut mit – und wurden über Jahrzehnte zum Herzschlag des Ortes. Von dort aus wirkten sie mehr als 50 Jahre lang für das Wohl des Dorfes und weit darüber hinaus. Im März 2020 verstarb Herbert Broich im Alter von 80 Jahren nach einer kurzen, schweren Krankheit. Jetzt verlässt Ingrid Broich den Ort, der dem Paar zur Heimat geworden war und an dem sie drei Kinder großgezogen haben. „Ich ziehe nach Bergisch Gladbach, in die Straße, in der meine Tochter wohnt“, sagt die 81-Jährige.

Sie gab Förderunterricht in Rhauderfehn

Kiste um Kiste füllt sich. Vieles, sagt Broich, hat sie auch weggeschenkt. Erinnerungsstücke an die Jahrzehnte, in denen vor allem das soziale Engagement das Leben der Broichs bestimmte. 1966 trat Herbert Broich als junger Lehrer eine Stelle an der Grundschule Alter Brunsel in Burlage an. „Da haben wir auch gewohnt“, erinnert sich Ingrid Broich. Sie selbst, eigentlich Fremdsprachenkorrespondentin, trat schließlich ebenfalls in den Schuldienst ein. Sie unterrichtete Sport. Später machte sie eine Weiterbildung in Hannover und gab danach Förderunterricht in Burlage, Langholt, Rhauderfehn und an der Reilschule. „Wir sind 40 Jahre lang mit den Kindern aus Burlage zum Schwimmunterricht gefahren. Hier konnten alle Kinder schwimmen, wenn sie die Grundschule verließen.“

Preisverleihung 2012 in Berlin: Der SPD-Europaabgeordnete Matthias Groote (von links) überreichte Herbert und Ingrid Broich vom Arbeitskreis Schule Rhauderfehn zusammen mit dem Leiter des Informationsbüros des Europäischen Parlaments, Frank Piplat, den Europäischen Bürgerpreis. Bild: Archiv
Preisverleihung 2012 in Berlin: Der SPD-Europaabgeordnete Matthias Groote (von links) überreichte Herbert und Ingrid Broich vom Arbeitskreis Schule Rhauderfehn zusammen mit dem Leiter des Informationsbüros des Europäischen Parlaments, Frank Piplat, den Europäischen Bürgerpreis. Bild: Archiv

Gleich im ersten Jahr in Burlage, 1966, begannen die Broichs ihren ehrenamtlichen Einsatz mit einer Hausaufgabenhilfe. Schnell wurde daraus mehr, und schon 1973 war klar: „Wir mussten einen Verein gründen.“ Den Arbeitskreis Schule Rhauderfehn – kurz AKSR. „Wir haben in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme arbeitslose Lehrer eingestellt. Die sind später alle in Schulen übernommen worden“, so Broich.

Aktiv in Rhauderfehn und der Welt

In den Jahrzehnten danach folgten Dutzende Projekte – in Burlage, dem Landkreis Leer, landesweit, in Europa und darüber hinaus. Viele Menschen haben den Weg begleitet. So wie Helmut Fennen, der schon 1973 bei der Hausaufgabenhilfe dabei war und seit 2008 hauptamtlicher Geschäftsführer des AKSR ist. So wie Theo Lueken, der als Fahrer und Helfer schon seit 1966 viele Projekte und Touren ehrenamtlich begleitet hat. So wie Anne Rother, die die vom AKSR geründeten Rhauderfehner Tafel schon tatkräftig unterstützte, als sie vor 19 Jahren noch als Fehntjer Brotkorb Bedürftigen mit Lebensmittelspenden half, über die Runden zu kommen.

Stöberten beim Ausräumen des Hauses in Erinnerungen (von links): Theo Lueken, Ingrid Broich, Helmut Fennen und Anne Rother. Foto: Janßen
Stöberten beim Ausräumen des Hauses in Erinnerungen (von links): Theo Lueken, Ingrid Broich, Helmut Fennen und Anne Rother. Foto: Janßen

Die Liste der Projekte, die Broichs und ihre Helfer angestoßen haben und immer noch am Laufen halten, ist lang. Man kann nur Beispiele nennen. In Argentinien bauten die Ostfriesen im Slum von Merlo eine Schule. In Brasilien unterstützen sie Straßenkinder. In Ghana wurde ein Berufsbildungszentrum aufgebaut. Tschernobyl-Kinder wurden jahrelang zu Erholungsaufenthalten nach Ostfriesland geholt und mit Hilfstransporten unterstützt. Hilfstransporte gab es auch in andere Orte in Russland und Polen. „Es gab Zeiten, da startete jede Woche ein Transport mit Spenden“, erinnern sich Ingrid Broich und Theo Lueken. „Wir wollten Brücken bauen, und wir haben Brücken gebaut. Viele Familien hier haben Familien in Russland geholfen und tun das zum Teil heute noch.“ Horst Stamm, ein weiterer treuer Helfer, versorgte zudem noch russische Matrosen in den Häfen der Region.

Ingrid Broich begleitete 1991 einen Hilfstransport nach Russland. Der Kontakt zu den Menschen vor Ort war den Helfern aus Ostfriesland immer wichtig. Foto: privat
Ingrid Broich begleitete 1991 einen Hilfstransport nach Russland. Der Kontakt zu den Menschen vor Ort war den Helfern aus Ostfriesland immer wichtig. Foto: privat

Die Menschen bleiben die schönste Erinnerung

In der Region half der AKSR benachteiligten und arbeitslosen Jugendlichen. In Rhauderfehn und Westoverledingen entstanden Werkstätten für die Bereiche Holz, Bau, Metall, Gartenbau und mehr. Bis heute wird Jugendlichen hier eine Chance auf eine berufliche Perspektive gegeben. Auf dem Projekthof in Burlage und in der Jugendhilfsstelle Nortmoor wurden und werden gefährdete Jugendliche angeleitet und untergebracht. Ingrid Broich gründete den Seniorenkreis. Und im Ort wurden und werden Freizeitangebote für Kinder vorgehalten.

Die letzten Jahre waren schwer: „Corona und dann der Tod von Herbert Broich: Wir haben uns gefragt, wie das alles weitergehen soll“, sagt Helmut Fennen. Jetzt sei man wieder auf Kurs. Das, so Ingrid Broich, sei auch den vielen Helfern zu verdanken, die ihr auch persönlich zur Seite gestanden hätten. „Wir hatten und haben immer viel Hilfe: aus der Politik, von den Bürgern und Ehrenamtlern“, sagt Ingrid Broich. „Das wird meine schönste Erinnerung an Burlage bleiben: das Engagement der Menschen hier, beim AKSR und in den Vereinen. Ich habe so viele tolle Leute kennengelernt, die nie Nein gesagt haben.“

Die Kinder sind hier geboren

Und auch Broichs sagten nie Nein. Jörg Furch, der von 1973 bis 2003 Gemeindedirektor von Rhauderfehn war, erinnert sich an den Bau der Turnhalle in Burlage. Der war, kurz nach der Gebietsreform, letztlich möglich, weil Broichs persönlich Geld in die Hand nahmen. „Und keine kleine Summe. Sie haben selber auf vieles verzichtet zugunsten ihres sozialen Einsatzes“, sagt Furch: „Ein tolles Paar.“ Dass Ingrid Broich Burlage jetzt verlasse, sei schade, aber auch verständlich. „Und der Name Broich bleibt ja durch den AKSR fest mit dem Ort verknüpft“, so Furch.

Waren viel unterwegs, um Brücken zu bauen und zu helfen: Ingrid und Herbert Broich 1997 auf dem Flughafen - unterwegs nach Russland. Foto: privat
Waren viel unterwegs, um Brücken zu bauen und zu helfen: Ingrid und Herbert Broich 1997 auf dem Flughafen - unterwegs nach Russland. Foto: privat

Die Räume im Haus der Familie sind bald leer. Die Zimmer der Kinder sind es schon länger: „Unsere Kinder sind hier geboren. Oft haben wir uns ermahnen müssen, uns mehr Zeit für sie zu nehmen, weil es immer so viel zu tun gab. Wir haben sie weltoffen erzogen. Geschadet hat es ihnen nicht“, sagt die 81-Jährige. Die Kinder sind in die Welt gegangen: Der Sohn lebt in Brüssel, die Töchter in Bergisch Gladbach und Speyer. Und es gibt insgesamt sieben Enkelkinder. Diese Familienbanden stehen jetzt im Fokus.

Schwimmen, singen, Tischtennis spielen

„Mein Mann wäre niemals von hier weggegangen. Aber jetzt: Ich alleine hier? Und nur dreimal im Jahr die Kinder sehen, wegen der weiten Wege? Das will ich ihnen nicht zumuten“, sagt Ingrid Broich.

Dieser Tage hat sie ihren Posten im Vorstand des AKSR abgegeben. Sobald die letzten Kisten gepackt sind, geht es los. In einen neuen Lebensabschnitt. In einem Gospelchor möchte sie singen. Schwimmen gehen, „in Dormagen, da gibt es ein tolles Bad“. Wieder Tischtennis spielen. Und: „Meine Familie wartet schon darauf, dass ich mich da einbringe und helfe“, sagt sie: „Das ist gut. Ich fühle mich gerne gebraucht.“

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