Kinderbetreuung in Saterland und Barßel  69 Krippenkinder bekamen keinen Platz

| | 26.08.2023 08:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Bei der Kindertagesstätte Unterm Regenbogen in Scharrel waren fehlende Kindergarten- und Krippenplätze in diesem Jahr ein besonders großes Problem. Die Gemeinde Saterland bemüht sich, Abhilfe zu schaffen. Doch das geht nur schrittweise. Foto: Fertig
Bei der Kindertagesstätte Unterm Regenbogen in Scharrel waren fehlende Kindergarten- und Krippenplätze in diesem Jahr ein besonders großes Problem. Die Gemeinde Saterland bemüht sich, Abhilfe zu schaffen. Doch das geht nur schrittweise. Foto: Fertig
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Nicht überall im Nordkreis Cloppenburg kann der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz wunschgemäß realisiert werden. Auch Kindergartenkinder können nicht alle untergebracht werden, wo die Eltern wollen.

Saterland/ Barßel - Der Mangel an Kindergarten- und Kinderkrippenplätzen stellt für viele Eltern in Deutschland ein großes Problem dar. Dabei ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass jedem Kind im Kindergarten- und Kinderkrippenalter ein Betreuungsplatz zur Verfügung steht. Doch das lässt sich auch im Nordkreis Cloppenburg nicht überall nach den Wünschen der Eltern tatsächlich umsetzen.

Ähnlich wie auf dem Fehn, wo aktuell 51 Krippenplätze fehlen, sieht es auch im Saterland aus. Dort wurden in den sieben Kindertagesstätten des Gemeindegebiets nach Auskunft von Christof Naber 187 Kinder für das neue Kindergartenjahr angemeldet und 66 Krippenkinder, also 253 Kinder insgesamt. Davon waren allerdings einige Kinder gleich für mehrere Einrichtungen angemeldet worden. Naber ist als Leiter des Fachbereichs Ordnung und Soziales auch für die Kindergärten und Krippen in der Gemeinde Saterland zuständig. 29 Krippenkinder haben seiner Auskunft zufolge aktuell keinen Platz erhalten und 23 Kindergartenkinder ebenfalls nicht.

Lage in Scharrel besonders angespannt

16 dieser Kindergartenkinder leben in Scharrel, ebenso 16 Krippenkinder. Der Mangel an Betreuungsplätzen in der Einrichtung „Unterm Regenbogen“ war bereits im Frühjahr absehbar. Betroffene Eltern hatten eine öffentliche Diskussion angestoßen. Die Gemeinde bemühte sich, für Abhilfe zu sorgen, doch das geht nur etappenweise. Vier Kinder aus Scharrel wurden in der Kita Seelterfoakse in Ramsloh-Hollen aufgenommen, so Naber.

Seit Januar 2021 ist nach anderthalbjähriger Bauzeit die kommunale Kita Seelterfoakse mit Krippe in Ramsloh-Hollen in Betrieb. Der Kindergarten ist vierzügig. Foto: Fertig
Seit Januar 2021 ist nach anderthalbjähriger Bauzeit die kommunale Kita Seelterfoakse mit Krippe in Ramsloh-Hollen in Betrieb. Der Kindergarten ist vierzügig. Foto: Fertig

Dort wurde eine neue Kleingruppe in einem leerstehenden Raum eingerichtet. Außerdem lassen Scharreler Eltern ihre Kinder nun von Tagesmüttern betreuen, einige Familien behalten ihr Kind auch noch ein Jahr zu Hause. Damit auch direkt vor Ort in Scharrel mehr Platz ist, wird dort zunächst auf eine Container-Lösung gesetzt, die durch eine außerplanmäßige Haushaltsauszahlung von 400.000 Euro ermöglicht wird. Die Container sind auf einer Grünfläche in „Pastors Garten“ aufgestellt. Mittelfristig ist im Scharreler Kindergarten der Ausbau eines Gruppenraumes im Obergeschoss geplant, so dass dann dort statt zehn Kinder bald 20 Kinder betreut werden können.

Unmut aber auch Verständnis von Eltern

Auch in anderen Orten im Saterland, etwa in Sedelsberg oder in Ramsloh wurden Kinder auf Einrichtungen andernorts verwiesen, nehmen Tagesmütter in Anspruch oder betreuen ihr Kind weiterhin selbst zu Hause. Für die Kita St. Jakobus Ramsloh etwa teilt die Gemeinde mit „Es gab Unmut, aber auch viel Verständnis dafür, dass das Personal fehlt.“

Auch in der Nachbargemeinde Barßel bekamen nicht alle Eltern von Kleinkindern ihren wunschgemäßen Betreuungsplatz. Es gibt dort im Gemeindegebiet sechs Kindertageseinrichtungen mit insgesamt 471 Kindergartenplätzen und 105 Krippenplätzen. Wie der Erste Gemeinderat Michael Sope mitteilte, konnten nicht alle Anmeldungen berücksichtigt werden. Weil die Anmeldung dezentral in den einzelnen Kitas vor Ort erfolgt, läge ihm die genaue Anzahl der Absagen nicht vor. Er gehe allerdings davon aus, dass es bei den Kindergartenplätzen rund 20 Absagen gab und bei den Plätzen für Krippenkindern rund 40 Eltern abgesagt werden musste.

„Kita für alle“ in Barßelermoor geplant

Wer jetzt nicht berücksichtigt werden konnte, stehe auf der Warteliste, teilt Sope mit. Bei den unter dreijährigen Kindern sei zudem auf mögliche Tagespflegeangebote verwiesen worden, da bei unter Dreijährigen der gesetzliche Anspruch auf Betreuung auch durch Tagespflege erfüllt werden kann. In Einzelfällen, so der Erste Gemeinderat, hätten sich Eltern über unpassende Betreuungsangebote beschwert, Kritik sei jedoch nur von einigen gekommen.

Beate Dirkes, die Leiterin des Barßeler Kindergartens Heilige Familie, vor der Einrichtung. Neben dem Kindergarten wurde voriges Jahr die Krippe St. Ansgar gebaut. Sie bietet Platz für 30 Kinder. Foto: Fertig
Beate Dirkes, die Leiterin des Barßeler Kindergartens Heilige Familie, vor der Einrichtung. Neben dem Kindergarten wurde voriges Jahr die Krippe St. Ansgar gebaut. Sie bietet Platz für 30 Kinder. Foto: Fertig

Neu in Planung sei in Kooperation mit dem Caritas-Verein Altenoythe eine „Kita für alle“ an der Westmarkstraße im Ortsteil Barßelermoor. Neben sonderpädagogischen Gruppen soll die Einrichtung zwei Krippengruppen und zwei Kindergartengruppen bekommen. Sope verwies darauf, dass die Gemeinde Barßel bei Krippen und Kindergärten seit Jahren aktiv sei, was Erweiterungen in Planung oder Umsetzung betreffe.

Neue Krippe für 1,3 Millionen in Barßel in Betrieb

Allein in den vergangenen drei, vier Jahren sei einiges verwirklicht worden. So wurde 2019 im Kindergarten Heilige Familie eine zusätzliche Vormittagskleingruppe eingerichtet. Im selben Jahr wurde im Kindergarten „Die Arche“ eine Nachmittagsgruppe in eine Vormittagsgruppe umgewandelt. 2020 wurde der Kindergarten St. Anna in Neuland um 15 Plätze erweitert, ein Jahr später auch der Jona-Kindergarten in Elisabethfehn. 2022 wurde neben der Kita Heilige Familie für 1,3 Millionen Euro die Krippe St. Ansgar mit 30 Plätzen neu gebaut und im April eröffnet. Dieses Jahr wurde im Harkebrügger Kindergarten St. Marien in einem neu errichteten Anbau eine zusätzliche Regelgruppe eingerichtet.

Im Harkebrügger Kindergarten St. Marien wurde angebaut und 2023 eine neue Regelgruppe geschaffen. Foto: Fertig
Im Harkebrügger Kindergarten St. Marien wurde angebaut und 2023 eine neue Regelgruppe geschaffen. Foto: Fertig

Zur Situation in Kindergärten und Krippen äußert sich auch Marlene Fortwengel. Sie leitet in Ramsloh den Kindergarten St. Jakobus Saterland. Für die Betreuung könnten mit etwas Vorlaufzeit ausreichend Räume zur Verfügung gestellt werden, stellt sie fest. Es bestehe die Möglichkeit, Häuser anzumieten, Container aufzustellen, Gruppenräume könnten durch Vormittags- und Nachmittagsbetreuung doppelt belegt werden. Das grundsätzliche Problem fehlender Betreuungsplätze sei kein Raumproblem. „Es ist der Fachkräftemangel, der das Angebot stark einschränkt“, sagt Fortwengel. Sie schildert, woran das ihrer Meinung nach liegt:

Fachkräftemangel hat vielfältige Ursachen

Für Einrichtungen sei es schwierig, Kräfte zu halten, weil es mittlerweile so viele freie Stellen gebe, dass Bestandskräfte von anderen Einrichtungen abgeworben würden. Wenn schwangere Erzieherinnen ins Beschäftigungsverbot gehen, sei kein zu finden. Viele Fachkräfte gingen in absehbarer Zeit in Ruhestand. Die Zahl der Langzeiterkrankungen bei langjährig Beschäftigten nehme stetig zu. Junge Frauen nutzten die Ausbildung zur Erzieherin oft als Sprungbrett für ein Studium. Viele Berufsanfängerinnen stünden deswegen nur sehr kurz zur Verfügung.

Sechs Krippenkinder konnten in diesem August in der Kita St. Marien Sedelsberg nicht aufgenommen werden. Das führte zu Beschwerden von Eltern. Foto: Fertig
Sechs Krippenkinder konnten in diesem August in der Kita St. Marien Sedelsberg nicht aufgenommen werden. Das führte zu Beschwerden von Eltern. Foto: Fertig

Auch nehme die Belastung des Kita-Personals zu. Dabei gehe es um mehr Elternbegleitung und -beratung, die Zusammenarbeit mit Schulen, die Dokumentation kindlicher Entwicklung, das Verfassen von Entwicklungsberichten für Ärzte und Förderstellen bis hin zur Begleitung von Azubis und der Anleitung von ungelernten Kräften. Doch die Stunden für Vor- und Nachbereitung hätten sich seit mehr als 30 Jahren nicht verändert, stellt die Kindergartenleiterin aus Ramsloh fest. Das führe dazu, dass auch langjährige Kräfte, die eine Leidenschaft für die Tätigkeit mit Kindern haben, sich beruflich neu orientieren.

Marlene Fortwengel leitet den Kindergarten St. Jakobus in Ramsloh. Die erfahrene Fachkraft hat einige Anmerkungen zur angespannten Betreuungssituation in den Kindertagesstätten. Foto: Kirchengemeinde St. Jakobus Saterland
Marlene Fortwengel leitet den Kindergarten St. Jakobus in Ramsloh. Die erfahrene Fachkraft hat einige Anmerkungen zur angespannten Betreuungssituation in den Kindertagesstätten. Foto: Kirchengemeinde St. Jakobus Saterland

Fortwengel merkt an, dass vielen jungen Eltern diese Probleme nicht bekannt seien. Sie gingen einfach davon aus, dass sie einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für ihre Kinder haben. Wenn der dann nicht realisiert werden kann, bringe dies ein hohes Maß an Ungewissheit mit sich, weil junge Familien einige finanzielle Verpflichtungen haben.

Doch für diese Missstände seien weder die Mitarbeiterinnen im Kindergarten verantwortlich, noch die Politiker im Gemeinderat, so Fortwengel. „Bereits vor Jahren hätte man durch die Aufwertung der pädagogischen Berufe, Reduzierung der Gruppengröße und mehr Personal in den Gruppen entgegenwirken können.“ Das sei von Bund und Ländern verschlafen worden. „Die jetzt anlaufenden Maßnahmen kommen zu spät. Sie können den Fachkräftemangel in den kommenden Jahren nicht auffangen“, stellt die Fachfrau fest.

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