Recherche  Die Wiesmoor-Connection – Teil 1 der Chronologie

| | 09.05.2023 21:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Am 7. April 2022 gingen unsere Recherche-Ergebnisse erstmals online. Grafiken: Will
Am 7. April 2022 gingen unsere Recherche-Ergebnisse erstmals online. Grafiken: Will
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Seit der ersten Durchsuchung im März 2022 ist im Komplex der Wiesmoor-Connection viel passiert. Wir fassen die wichtigsten Ereignisse zusammen – und hier gibt es den ersten Teil: das Jahr 2022.

Die Redaktion macht am Beispiel der Daten aus dem Dezember 2021 öffentlich, dass die Anzahl der vermeintlich durchgeführten Schnelltests durch Corona-Testzentren in Ostfriesland nicht plausibel ist. Die Positiv-Rate von nur 0,14 Prozent liegt unterhalb der von den Test-Herstellern angegebenen Toleranzen. Der Verdacht: Einzelne Anbieter könnten mehr Tests abgerechnet als tatsächlich durchgeführt haben. Die Behörden winken ab: Es habe bisher keine Auffälligkeiten gegeben.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg lässt in Aurich, Oldenburg und Hannover zwölf Gebäude durchsuchen: Testzentren, Firmen und Privathäuser. Eine 31 Jahre alte Studentin aus Aurich soll Corona-Tests abgerechnet, aber nicht durchgeführt haben. Der mutmaßliche Schaden liegt bei mehr als einer Million Euro. Der entscheidende Tipp war von der Hausbank der Frau gekommen: Wegen der hohen Überweisungssumme hatte die Bank eine Geldwäscheverdachtsanzeige auf den Weg gebracht.

Wiesmoorer Fußballer, Christian Rademacher-Jelten und enie als Katzenliebhaberin bekannte Frau waren in der Wiesmoor-Connection aktiv.
Wiesmoorer Fußballer, Christian Rademacher-Jelten und enie als Katzenliebhaberin bekannte Frau waren in der Wiesmoor-Connection aktiv.

Auf unserer Webseite erscheint die „Hells-Angels-Wiesmoor-Connection“. Die investigative Recherche enthüllt ein vorwiegend in den Jahren 2020 und 2021 in Wiesmoor gesponnenes Firmengeflecht aus mehr als 20 Unternehmen und stellt den Zusammenhang zu einem Bremer Bordell der Hells Angels her. Im Zentrum des Geflechts stehen die KS Consult GmbH und als Geschäftsführerin die Auricherin, die den Staat mit mutmaßlich gefälschten Test-Abrechnungen um mehr als eine Million Euro gebracht haben soll. Die Recherche enthüllt aber auch: Die Frau ist tatsächlich nur eine Randfigur. Alles deutet darauf hin, dass in Wahrheit der Wiesmoorer Ex-Bürgermeister-Kandidat Christian Rademacher-Jelten (CRJ) hinter der Sache steckt. Offenbar ebenfalls involviert: drei Fußballer des Fußballvereins Germania Wiesmoor, dessen Geschäftsführer jahrelang CRJ war.

Drei Wiesmoorer Fußballvereine, darunter auch Germania, stellen ihren Trainings- und Spielbetrieb in der Wiesmoorer Soccerhalle ein – denn die ist dem Handelsregister und einem mit diversen Firmennamen beklebten Briefkasten zufolge der Sitz der KS Consult GmbH. Germania kündigt an, noch vor Ostern eine Entscheidung über die sportliche Zukunft der Fußballer zu treffen.

Germania stellt sich hinter die drei Fußballer, sie dürfen weiter auflaufen. Strafrechtliche Ermittlungen gegen die Spieler seien nicht ersichtlich, man beteilige „sich nicht an gesellschaftlichen Spekulationen oder Vorverurteilungen“. Germania betont, die Spieler stellten „sich seit Jahren in den Dienst der Mannschaft“ und seien „auch innerhalb des Vereins angesehen“.

Die Staatsanwaltschaft Aurich bestätigt der Redaktion, dass sie im Zusammenhang mit einem Wiesmoorer Unternehmen wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung ermittelt. Unseren Quellen zufolge handelt es sich bei der Firma um die KS Consult GmbH.

Die Cannabis-Plantage fand die Polizei durch Zufall.
Die Cannabis-Plantage fand die Polizei durch Zufall.

Mehr als 100 Beamte aus vier Landespolizeien zerschlagen an 25 Standorten in Ostfriesland, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein die Wiesmoor-Connection. In Ostfriesland finden die Durchsuchungen unter anderem in Wiesmoor, Aurich, Großefehn und Uplengen statt. Bei dem von der Staatsanwaltschaft Oldenburg und der Polizei Osnabrück geleiteten Einsatz geht es um den Vorwurf des mindestens 363-fachen gewerbs- und bandenmäßigen Subventionsbetrugs. Das Wiesmoorer Firmengeflecht soll zu Unrecht Corona-Hilfen in Höhe von rund 26 Millionen Euro beantragt haben, davon sollen sechs Millionen Euro ausgezahlt worden sein. Die Ermittlungsgruppe hat zunächst fünf Verdächtige im Visier: CRJ, zwei Wiesmoorer Fußballer, einen Steuerberater aus Schleswig-Holstein und einen Anwalt aus Hamburg. Die Polizeibeamten stellen kistenweise Beweismittel sicher. Außerdem nehmen die Ermittler ungefähr 400 Cannabis-Pflanzen mit, die sie durch Zufall in dem ehemaligen Autohaus gefunden haben, dass sie schon einmal Ende März durchsucht hatten. Vor Ort treffen die Beamten auf zwei mutmaßliche Hanf-Gärtner ohne Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland. Sie und ein weiterer Mann werden festgenommen.

Der VfB Germania Wiesmoor trennt sich von den beiden Fußballspielern, gegen die sich der Verdacht des Millionenbetrugs richtet. Der Verein gibt auf der eigenen Webseite als Grund eine „veränderte Erkenntnislage und die aktuelle Entwicklung der behördlichen Ermittlungen“ an. Gegen die beiden mutmaßlichen Hanf-Gärtner, den dritten Verdächtigen und CRJ ergehen Haftbefehle wegen des Verdachts des Drogenhandels. Die vier Männer kommen in Untersuchungshaft.

Nach einer Verfolgungsjagd stoppt die niederländische Polizei in der Ortschaft Harderwijk einen blauen Porsche Macan. Der Mann am Steuer fährt mit hoher Geschwindigkeit über einen Kreisverkehr, trifft ein Auto und wird schließlich von einem Streifenwagen gerammt. Als er zu Fuß flüchtet, streckt die Polizei ihn mit einer Elektroschock-Pistole nieder. Im Wagen finden die Beamten Geldscheine im Wert von 65.000 Euro. Der Porsche gehört einem Ex-Vertrauten von CRJ, dem er den Wagen geliehen hatte.

Der Kreis der Verdächtigen im mutmaßlichen Millionen-Betrug hat sich beträchtlich erweitert: Die Staatsanwaltschaft Oldenburg spricht inzwischen von mehr als 40 Beschuldigten – und schließt nicht aus, dass die Liste noch länger wird. „Wir können nicht ausschließen, dass noch weitere verdächtige Personen hinzukommen“, so ein Pressesprecher.

Die Wiesmoor-Connection erleidet am Bremer Oberverwaltungsgericht eine Niederlage. Die Joy Company GmbH, ein Unternehmen innerhalb des Firmengeflechts, hat versucht, per Eilantrag gegen die zwangsweise Schließung des Bordells „Eros 69“ vorzugehen – scheitert nun aber. „Der Beschluss ist unanfechtbar“, heißt es in einer Mitteilung des Oberverwaltungsgerichts.

Es wird bekannt, dass die KS Consult GmbH, die Kernfirma der Wiesmoor-Connection, nun offiziell insolvent ist. Es deutet sich an, dass die von der Staatsanwaltschaft Oldenburg gesicherten 1,7 Millionen Euro aus dem mutmaßlichen Testzentrumsbetrug wieder freigegeben werden müssen – das sieht das Insolvenzrecht so vor. Damit würden die Schulden der Wiesmoor-Connection mit Steuergeld und damit durch die Bürger beglichen werden.

Unterlagen im Handelsregister zufolge hat ein Profifußballer aus Luxemburg die Joy Company GmbH gekauft. Sein Spielerberater sagt der Redaktion, dass CRJ der Steuerberater seines Klienten gewesen sei. Dass es sich um ein Prostitutionsgewerbe handele, habe er der Spieler nicht gewusst. Selbst mit der Redaktion reden will der Fußballer nicht.

Am Landgericht Aurich beginnt ein Berufungsprozess gegen CRJ. Das Amtsgericht Aurich hatte ihn im November 2021 wegen versuchter Steuerhinterziehung in zwei besonders schweren Fällen zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Hintergrund des Gerichtsverfahrens war der Vorwurf gewesen, CRJ habe mit einem Geschäftspartner in den Bilanzen unrechtmäßige Rückstellungen in sechsstelliger Höhe ausgewiesen – um damit den Staat um Steuern zu betrügen. Vor Gericht erklärt CRJ die Rückstellungen damit, dass er sein eigenes Unternehmen in den Bilanzen lieber schlechter habe abbilden wollen als zu gut. Er war in der Vergangenheit wegen Kreditbetrugs verurteilt worden – eigenen Angaben zufolge, weil er andere Firmen bei Banken zu positiv bewertet haben soll. Während der Gerichtsverhandlung wird bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Aurich Anklage wegen der Wiesmoorer Cannabis-Plantage erhoben hat – gegen CRJ, einen seiner Freunde, einen Geschäftspartner und die beiden in der Plantage Festgenommenen.

Das Landgericht Aurich spricht das Urteil im Berufungsprozess: CRJ wird zu einem Jahr und drei Monaten Haft verurteilt – nach den ursprünglich verhängten zwei Jahren ein Teilerfolg. Den Versuch der Steuerhinterziehung sah das Gericht zwar als erwiesen an. Von einem besonders schweren Fall könne aber keine Rede sein.

Ist der „Blonde“ der eigentliche Drahtzieher hinter der Cannabis-Plantage?
Ist der „Blonde“ der eigentliche Drahtzieher hinter der Cannabis-Plantage?

Vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Aurich beginnt der Wiesmoorer Drogenprozess. Die beiden in der Plantage festgenommenen Männer geben zu, in der Plantage als Hanfgärtner gearbeitet zu haben. Ein ebenfalls angeklagter Freund von CRJ sagt, er habe nichts von der Plantage gewusst. CRJ und ein Geschäftspartner, der laut der Staatsanwaltschaft Aurich der Kopf der Drogenbande sein soll, schweigen. Erstmals taucht der „Blonde“ auf – und zwar in den Aussagen der Hanfgärtner. Er habe die Jobs auf der Plantage vermittelt, sei mit ihnen einkaufen gegangen und habe Anweisungen erteilt. Wer dieser Mann genau ist, bleibt unklar.

Auf Anordnung des Vorsitzenden Richters Björn Raap wird CRJs Büro noch einmal durchsucht. Die Hoffnung: Es könnte etwas über den „Blonden“ gefunden werden, ein Mietvertrag oder eine Ausweiskopie. Die Aktion bleibt ohne Erfolg. Zwar finden die Beamten eine albanische Ausweiskopie, allerdings ist die von einer anderen Person. Dazu kommen Kopien eines italienischen und eines rumänischen Ausweises sowie einer Krankenversicherungskarte – mit Fotos von Männern, die keiner der Angeklagten zuvor gesehen haben will. Auch in den im Mai mitgenommenen Unterlagen finden die Beamten keine Anhaltspunkte auf den „Blonden“.

Einer der beiden Hanfgärtner feuert seinen Rechtsanwalt Robert Koop. Die Hintergründe bleiben im Dunkeln. „Herr Koop ist raus, das ist der Wunsch des Angeklagten“, sagt Richter Björn Raap. Über die Gründe habe das Gericht nicht zu befinden, die Entscheidung liege allein beim jeweiligen Mandanten. Pflichtverteidiger Hans-Georg Balder vertritt den Mann fortan allein.

Als Berufsrichter gehören der Vorsitzende Björn Raap und der Beisitzer Jan Klein der 1. Großen Strafkammer an.
Als Berufsrichter gehören der Vorsitzende Björn Raap und der Beisitzer Jan Klein der 1. Großen Strafkammer an.

Der Verhandlungstag im Drogenprozess beginnt mit in diesem Verfahren bisher ungewohnt deutlichen Worten von Richter Björn Raap: Ihm sei von den Wachtmeistern des Gerichts zugetragen worden, dass ein Mann aus dem Zuschauerbereich mitunter sehr energisch auf Zeugen eingeredet habe. Es stehe eine mögliche Einflussnahme im Raum. Eine Frau habe zudem in nicht erlaubter Weise Kontakt zu einem der Angeklagten aufgenommen, der in Untersuchungshaft sitzt. Ein solches Verhalten sei „nicht geboten, nicht gewünscht und nicht zulässig“. Und: „Wir werden uns dagegen wehren.“ Im weiteren Verlauf des Prozesstags lässt CRJ seinen Anwalt Dr. Stephan Weinert für ihn sprechen: Sein Mandant habe nichts von der Plantage gewusst, sondern das ehemalige Autohaus als Lager an „einen Albaner“ vermietet – den „Blonden“. Einen Namen nennt er nicht. CRJs Familie versucht indes, CRJ aus der U-Haft zu befreien – mit dem Angebot, 50.000 Euro als Kaution zu hinterlegen.

Die beiden Hanfgärtner werden wegen der Beihilfe zum Drogenhandel in nicht geringer Menge vom Landgericht Aurich zu jeweils sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Der 31-Jährige und der 32-Jährige hatten ihren Beitrag zum Cannabis-Anbau direkt am ersten Prozesstag Mitte November gestanden.

CRJ bleibt in Untersuchungshaft, das hat das Gericht per Beschluss entschieden. Es bestehe weiterhin der dringende Tatverdacht der Beihilfe zum Drogenhandel. Die angebotene Kaution sei nicht ausreichend, um Rademacher-Jelten von einer möglichen Flucht abzuhalten, sagt Richter Björn Raap. Rechtsanwalt Dr. Stephan Weinert beschwert sich derweil über das Verhalten von Polizeibeamten im Gericht. Er fühle sich bei vertraulichen Gesprächen unter Anwälten belauscht. Der Richter weist die Beschwerde zurück: „Niemand belauscht hier Verfahrensbeteiligte“, sagt Raap. Schon gar nicht im Auftrag des Gerichts.

Weiter geht’s im 2. Teil

Dieser Text fasst die wichtigsten Geschehnisse rund um die Wiesmoor-Connection des Jahres 2022 zusammen – doch auch im laufenden Jahr ist schon einiges passiert. Im zweiten Teil unserer Chronologie beschäftigen wir uns insbesondere mit dem Verlauf des großen Drogenprozesses am Landgericht Aurich. Die Übersicht erscheint am nächsten Verhandlungstag – voraussichtlich am Mittwoch, 24. Mai.

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