Rhauderfehner Navigationsschule Haus hat wechselvolle Geschichte – bis heute
Als Seefahrtsschule wurde das Gebäude 1886 eingeweiht. Danach beherbergte es diverse andere Bildungseinrichtungen. Um die neueste Nutzung gibt es Ärger.
Rhauderfehn - In diesen Tagen ist sie in aller Munde: die alte Reilschule, die ursprünglich eine Navigationsschule war. Dieser Teil der Geschichte klingt im neuen Namen des Gebäudes an: „Alte Navigationsschule“ heißt das Hotel, das in den Räumen entstehen soll. Im Erdgeschoss befindet sich zudem das Restaurant Ankerplatz. Um diese neue Nutzung drehen sich derzeit viele Diskussionen. Die Besitzerin Silke Plaisir liegt im Streit mit dem Landkreis Leer um Bauabnahmen, Nutzungsuntersagung und Zwangsschließung.
Die Geschichte des Gebäudes an der 1. Südwieke reicht bis in das Jahr 1886 zurück. Damals wurde dort eine Navigationsschule für Seeleute gegründet. In der Schule wurden junge Männer ausgebildet als Schiffer auf Kleiner Fahrt oder vorbereitet für die Aufnahme in die Steuermannsklasse der Seefahrtschule in Leer. Dort konnten sie die Ausbildung als Steuerleute auf Großer Fahrt erhalten.
Blick in die Historie
Nach dem Ersten Weltkrieg endete die Blütezeit der Fehntjer Schifffahrt. Die Seefahrtschule wurde 1918 geschlossen. In das Gebäude zog 1909 die Höhere Private Mittelschule vom Untenende ein. 1924 wurde daraus eine öffentliche Schule. Nach dem Krieg waren in dem Schulgebäude Flüchtlinge untergebracht. 1949 zog die Volksschule ein. 1954 und 1957 wurden zwei Gebäudeteile angebaut. 1962 wurde die Schule vom Landkreis übernommen und 1965 in Kreisrealschule Oberledingerland umbenannt. Von 1968 bis 1976 beherbergte das Haus die Volksschule Westrhauderfehn, die spätere Hauptschule. Von 1973 bis 1978 waren zudem Teile der Gemeindeverwaltung hier untergebracht. 1974 wurde die Förderschule Reilschule gegründet. Sie zog in die Räume und blieb hier bis 2017. In dem Jahr wurde die Förderschule geschlossen. 2018 zog vorübergehend der Kindergarten Collinghorst in die Reilschul-Räume. Danach standen sie leer.
Die jüngere Geschichte
2019 beschloss der Landkreis, die Schule zu verkaufen. Bis 26. April sollten Interessenten ihre Angebote abgeben. Silke Plaisir, Ehefrau des Rhauderfehner CDU-Ratsherren und Rechtsanwalts Niels Plaisir, hielt diese Frist ein. Die Gemeinde Rhauderfehn nicht: Im Rat fiel erst im Juni – nach Bekanntwerden von Plaisirs Hotelplänen – nach Votum der Mehrheitsfraktion SPD/FDP/2E die Entscheidung, doch noch ein verspätetes Gebot abzugeben, um das Haus für ein Familienzentrum zu erlangen. Das lag knapp über dem – öffentlich eigentlich nicht bekannten – Gebot von Silke Plaisir. Die durfte daraufhin ihr Höchstgebot noch einmal erhöhen. 150.000 Euro Mehrkosten seien ihr für den Kauf dadurch entstanden, so die Unternehmerin.
Es folgte ein Ringen um die Bebauungsplanänderung, die für die weitere Nutzung des Gebäudes notwendig wurde. Der entsprechende Ratsentscheid wurde von der Ratsgruppe SPD/FDP/2E hinausgezögert. Auf Anfrage dieser Zeitung betonte Hermann Koenen, Vorsitzender der Gruppe SPD/FDP/2E, damals: „Durch die Verkaufsentscheidung des Landkreises steht die Reilschule für unser geplantes Familienzentrum nicht mehr zur Verfügung. Wir wollen wissen, was uns schlussendlich passieren kann. Wir wollen wissen, was ein Familienzentrum an anderer Stelle mehr kostet, als es in der Reilschule der Fall gewesen wäre. Und welche Möglichkeiten uns bleiben.“ An diese Fragen, machte er deutlich, sei das Votum seiner Gruppe bezüglich des Reilschul-Bebauungsplanes geknüpft.
Umbau zu Hotel und Restaurant
Nachdem schließlich und endlich doch eine Bebauungsplanänderung auf den Weg gebracht worden war, begann Silke Plaisier mit den Arbeiten in der ehemaligen Reilschule, in der neben dem Hotel „Alte Navigationsschule“ auch in einem Teil des Erdgeschosses das Restaurant „Ankerplatz“ entstehen sollte. Letzteres wurde, nachdem zuerst die Räume im Erdgeschoss hergerichtet waren, am 2. Oktober 2021 in Betrieb genommen.
Mit Verfügung vom 14. April 2022 erfolgte dann die Nutzungsuntersagung schriftlich durch den Landkreis. Die Begründung: Die in der Baugenehmigung geforderte Schlussabnahme für das gesamte Gebäude, einschließlich der noch nicht fertig umgebauten und genutzten Räume im Oberschoss, sei nicht erfolgt.
Ärger mit dem Landkreis dauert an
Es folgte ein Rechtsstreit, in dem in einem Eilverfahren das Verhalten des Landkreises gebilligt wurde. Das Klageverfahren läuft noch. Trotzdem wurde, nachdem Silke Plaisir einige der geforderten Auflagen erfüllt hatte, die zwangsweise Schließung am 22. Juli 2022 aufhoben. Diese befristete Aufhebung galt zunächst bis zum 30. September und wurde bis zum 31. Oktober verlängert.
Durch die Schließung und die einhergehenden Zwangsgelder seien weitere Kosten in Höhe von mindestens 100.000 Euro aus Umsatzverlusten und Personalkosten etc. entstanden, so Silke und Niels Plaisir.
Mittlerweile ist das Restaurant wieder geschlossen. Der Landkreis hat seine Nutzungsunterlassung aus dem Frühjahr wieder angebracht. Die Inhaberin schloss zunächst freiwillig das Restaurant. Weil der Kreis Hinweise hatte, dass aber doch geöffnet worden sei, wurde das Restaurant am Mittwoch versiegelt.
Landkreis versiegelt Restaurant Ankerplatz
Fehntjer Familie kämpft um ihr Restaurant Ankerplatz
Rhauderfehnerin klagt gegen Kreis Leer
Navigationsschule hat eine wechselvolle Geschichte