St. Paulis Ex-Profis in Steenfelde 2000 Zuschauer feiern Fußball-Fest mit Wilke & Udo
Steenfelde war im Ausnahmezustand. Wir haben uns während des Fußballspiels gegen die St.-Pauli-Allstars umgehört. Manche sind 600 Kilometer gefahren – inklusive Panne.
Steenfelde - Normalerweise sind es fast ausschließlich die Autokennzeichen LER und EL, die in Steenfelde zu sehen sind. Keiner Wunder, schließlich liegt das 2200-Einwohner-Örtchen im Süden des Landkreises Leer, nahe der Grenze zum Emsland. Doch Samstag waren EL und LER eher eine Rarität auf den riesigen Grünflächen, die in Steenfelde als Parkplätze ausgewiesen worden waren. Dort stand beispielsweise ein silberner VW-Golf aus Stendal (Sachsen-Anhalt) neben einem schwarzem Skoda Octavia aus Birkenfeld (Rheinland-Pfalz). Ein paar Autos weiter parkte ein schwarzer Seat Ibiza aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis (Nordrhein-Westfalen), dem ein grauer VW-T-Roc aus dem Kreis Segeberg (Schleswig-Holstein) gegenüberstand.
Man brauchte sich nur auf den Parkflächen umzuschauen – oder den verschiedenen Dialekten der Menschen auf dem Sportgelände von SuS Steenfelde zu lauschen –, um zu wissen: An diesem Tag kamen Menschen, rund 2000 waren es, aus fast allen Teilen Deutschlands nach Steenfelde. Die meisten aber nicht, weil sie die Traditionsmannschaft des FC St. Pauli gerne kicken sehen wollten – nein. Nicht die ehemaligen Bundesliga-Profis wie Ivan Klasnic und André Trulsen waren die großen Stars, sondern zwei Steenfelder. Und diese beiden spielten bei dem Duell der Allstars des SuS und des FC St. Pauli nicht mal mit. Gemeint sind die beiden Influencer Wilke Zierden und Udo Tesch.
Ein Fußballspiel mit Volksfest-Charakter
„Ich wohne zwar in Hamburg, bin auch St. Pauli-Fan. Nach Steenfelde bin ich aber für Wilke und Udo gekommen“, sagte beispielsweise Ole Bretfeld. „Es gibt in den letzten Jahren kein einziges Video von den beiden Verrückten, das wir nicht gesehen haben“, sagte der 30-Jährige und zeigte auf seinen Kumpel Dominic Lassalle. Selbst bei manch einem St. Pauli-Spieler und deren Familienanhang standen die „sympathischen Chaoten“, wie sich Wilke Zierden und Udo Tesch gerne nennen, hoch im Kurs. „Meine Frau ist ein Fan von den beiden, traute sich aber nicht, sie anzusprechen“, verriet Ralf Sievers. Also beschloss der 60-Jährige, der einst 71 Spiele für St. Pauli und mehr als 200 für Eintracht Frankfurt bestritt, nach dem 5:3-Sieg Udo Tesch, ob er sich für ein Foto mit seiner Frau und ihm bereiterklärt. Natürlich tat der wohl bekannteste Platzwart Deutschlands das.
Udo Tesch und Wilke Zierden waren es auch, die die Partie, bei der unter anderem für das Waisenhaus-Projekt in Ghana „Villa for Kids Life“ Geld zusammen gekommen ist, auf die Beine gestellt hatten. Mit den vielen Bierbuden, Bratwurst-Verkaufsständen, einem Eiswagen und einem SuS-Steenfelde-Fanshop hatte die Veranstaltung rund um das Fußballspiel Volksfest-Charakter. Vor der Partie marschierte sogar der Spielmannszug Flachsmeer. Die Musik war selbst auf den hinten Parkplatzflächen zu hören.
Als HSV-Fan zum St. Pauli-Spiel
Auf diesen hatten unter anderem die beiden Freunde Tim Bartsch und Moritz Reiling geparkt – nicht nur das. „Wir haben da auch gleich ein Zelt aufgeschlagen. Ein Feuerwehrmann meinte, es wäre in Ordnung“, sagte der 19-jährige Tim Bartsch. „Wir dürfen heute Abend ja nicht wieder zurückfahren“, ergänzte sein 23-jähriger Kumpel. Satte 600 Kilometer haben die beiden aus Pforzheim (Baden-Württemberg) zurückgelegt, um bei dem Event dabei zu sein. „Eigentlich wollten wir gestern durchfahren. Doch zwischen Frankfurt und Köln hatten wir eine Reifenpanne“, erzählte Bartsch. „Wir hatten dann Glück, dass uns eine Werkstatt früh morgens zwei neue Reifen für 160 Euro aufgezogen hat. So waren wir um 7.30 Uhr wieder auf der Autobahn und pünktlich in Steenfelde.“
Währen die beiden wohl mit die längste Anreise aller hatten, mussten Bastian Nagel und Hannes Löning dagegen nur wenige Minuten mit dem Fahrrad fahren. Der 22-Jährige aus Völlen und der 18-Jährige aus Flachsmeer hatten sich mutig gekleidet. So trugen sie ein T-Shirt, einen Schal und eine Mütze des Hamburger SV – und dieser ist bekanntlich der Erzrivale des FC St. Pauli. „Wir wollen zeigen, wer die Nummer eins in Hamburg ist“, sagte Löning mit einem Schmunzeln. „Wir haben von manchen St. Pauli-Fans auch schon böse Blicke zugeworfen bekommen. Einer kam aber auch an, nahm uns in den Arm und meinte, dass wir für heute Freunde wären.“
Trauer um SuS-Fan Jonas
Am Samstagnachmittag feierten die rund 2000 Menschen auf der SuS-Sportanlage eine riesige Fußball-Partie bei Sonnenschein und mehr als 20 Grad Celsius. Kurz vor dem Anstoß der Partie wurde es aber mucksmäuschenstill und emotional. Udo Tesch griff sich eine Viertelstunde vor Spielbeginn das Mikrofon und erzählte mit teils brüchiger Stimme die Geschichte des SuS-Fans Jonas.
Der an Leukämie erkrankt gewesen Elfjährige war tags zuvor beerdigt worden. Um die Familie, die am Samstag auch vor Ort war, zu unterstützen, ließ Tesch sein erstes „Ein Dorf ein Verein“-Platzwart-Trikot versteigern. Die St. Pauli-Spieler signierten kurzerhand. Für 1200 Euro fand es einen neuen Besitzer. Nach einer Schweigeminute dauerte es nicht lange, ehe wieder ausgelassen ein Fußball-Fest gefeiert wurde.