Sachbuch

Der Blick auf Beton - aufs Große, aufs Kleinste

| | 15.04.2022 12:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der deutsch-amerikanische Architekt und Designer Philipp Mohr hat das Buch „Café Corbusier. Eine Rekonstruktion in Berlin“ geschrieben. Foto: Jonathan Grassi
Der deutsch-amerikanische Architekt und Designer Philipp Mohr hat das Buch „Café Corbusier. Eine Rekonstruktion in Berlin“ geschrieben. Foto: Jonathan Grassi
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„Café Corbusier“ erzählt die Geschichte einer Rekonstruktion – und verbindet die Geschichte des Stararchitekten mit der des Autoren. Die Spuren führen in eine braune Vergangenheit.

Rhauderfehn/Barcelona - Er ist ein Monument der Architektur und der Kunstgeschichte. Bücher über Le Corbusier zeigen in der Regel genau das: die große Kunst eines großen Architekten. „Café Corbusier. Eine Rekonstuktion in Berlin“ aus dem Rhauderfehner Verlag „edition Kronzeugen“ ist anders. Klar, es gibt den Blick auf das Ganze, den Beton, das Monumentale. Doch außerdem gleitet der deutsch-amerikanische Autor Philipp Mohr, Jahrgang 1972, ab in die Details, ins Intime. In seine eigene Geschichte und die des französischen Stararchitekten (1887-1965).

Auf 223 Seiten gibt es Einblicke in das Schaffen Le Corbusiers, die Rekonstruktion der Wohnung im Berliner Wohnhochhaus und die Geschichten des Stararchitekten sowie des Autoren, die in den Nationalsozialismus führen. Foto: Janßen
Auf 223 Seiten gibt es Einblicke in das Schaffen Le Corbusiers, die Rekonstruktion der Wohnung im Berliner Wohnhochhaus und die Geschichten des Stararchitekten sowie des Autoren, die in den Nationalsozialismus führen. Foto: Janßen

2016 kaufte Mohr – selbst Architekt und Designer, der heute in Barcelona lebt – mit der Erbschaft seiner Mutter die verwohnte Einzimmerwohnung 258 im Corbusier-Hochhaus nahe des Berliner Olympiastadions. Bis 2018 hat er sie nach den Originalplänen Le Corbusiers umgebaut, renoviert und möbliert - 60 Jahre nach Fertigstellung des Hauses. Von der zwischen 1956 und 1958 errichteten Wohnanlage in Berlin wurde damals nur die Außenfassade nach den Plänen des Architekten gebaut. Die Widerstände in Berlin gegen die eigentlichen Pläne des Jahrhundert-Architekten nehmen einigen Raum ein in dem Buch, das auch einen bislang unveröffentlichten Text Corbusiers zu seinem Berliner Wohnturms beinhaltet.

Entdeckung in der eigenen Geschichte

Und dann ist da die Verflechtung mit der Nazivergangenheit: derjenigen Corbusiers und der der eigenen Familie. „Im faschistischen Vichy-Regime leitete Corbusier fast zwei Jahre lang die Architekturabteilung“, so Mohr. „Nach 1945 sieht man, wie er umpolt.“ Ein Spiegel der Nazivergangenheit der eigenen Familie, auf die er erst im Nachlass seiner Mutter stößt. „Als Homosexueller und Künstler empfand ich mich immer im Spektrum der Opfer eines solchen Regimes“, erzählt Mohr. Doch dann entdeckt er, dass der Vater seiner Mutter in der SA, NSDAP und SS gewesen war. „Der harte Schlag war, dass meine Mutter behauptete, ihr Vater sei jüdisch gewesen“, sagt Mohr.

Während der Auseinandersetzung mit seiner Familiengeschichte beginnt Mohr, Rückschlüsse zur Architekturgeschichte in Deutschland zu ziehen. Der Titel des Buches bezieht sich auf das Dachcafé, das noch bis 1980, bis zum Abriss des Pavillons, auf dem Dach des Berliner Corbusierhauses hätte entstehen können, erklärt Autor Philipp Mohr. Le Corbusier habe sich erträumt, dass man in diesem einen Gebäudeblock alle Lebensfunktionen finden kann: Also mindestens ein Café, einen öffentlichen Ort, der einerseits neutral ist und aber auch mehr darstellt als nur einen Ort zum Kaffeetrinken. „Aber genau so etwas ist den meisten Hausgemeinschaften und Verwaltungsfirmen ein Dorn im Auge. Es gibt zu viele Reibungspunkte zwischen dem reinen Wohnen und dem unter Umständen lauten, stinkenden, unkontrollierbaren öffentlichen Leben“, so Mohr. „Ich mache auf den Missstand jeglicher Monokultur aufmerksam.“

Die Wohnung hat er verkauft

Mittlerweile ist die Wohnung 258 in Berlin verkauft. Die Trennung fiel Mohr nicht leicht. Doch seine ursprüngliche Rechnung ging nicht auf - nämlich die Wohnung zeitweise als Ferienwohnung für Architektur-Fans zu vermieten. Das Problem war, einen Käufer zu finden, der einen angemessenen Preis zahlt für eine so detaillierte und kostenaufwändige Renovierung. Die fand er schließlich in Natalia und Henrik Svedlund, die die gesamte Wohnung inklusive allen Details und Mobiliar kauften. „Die Wohnung bleibt so, wie von mir entworfen. Und die Svedlunds sind bereit, die Wohnung zu zeigen. Sie veranstalten Besuche mit vielen Architekturinteressierten. Es gibt regelmäßig Fotoshootings und Videos für Modefirmen und Magazine.“

Der Verkauf der Wohnung sei, nachdem Mohr sich fünf Jahre mit dem Tod und Nachlass seiner Mutter und drei Jahre mit dem Thema Corbusier auseinandergesetzt hatte, ein Abschiednehmen von diesen Themen gewesen.

Das Buch Café Corbusier. Eine Rekonstruktion in Berlin kostet 19.50 Euro und ist im Buchhandel oder direkt über den Verlag edition Kronzeugen (anfrage@detlef-plaisier.de) erhältlich (ISBN 978-3-9821953 -6-0).

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