Wirtschaft
Wie ein Jahrhundertarchitekt nach Ostfriesland kam
Die „edition Kronzeugen“ aus Rhauderfehn sicherte sich ein Projekt über Le Corbusier. Damit spiegelt sie das wider, was der deutsche Buchhandel an Kleinverlagen schätzt: Vielfalt in der Buchkultur.
Rhauderfehn - Wie er an diesen Auftrag gekommen ist? Wie die Jungfrau zum Kind, könnte man sagen. So mutet der Titel „Cafe Corbusier“ im Verlagsprogramm an: etwas fremd, zu weltläufig in der Bedeutung. In der „edition Kronzeugen“ des Rhauderfehners Detlef M. Plaisier sind in erster Linie Bücher mit Geschichte(n) vor allem aus Ostfriesland - Biografien, Erinnerungen, Zeitdokumente – erschienen. Bücher, die Wichtiges festhalten, wie die „Geschichte der Ältesten“ aus dem Landkreis Leer und der Band mit „Ungehörten Corona-Biografien von Ostfriesland bis Neuseeland“.
Das Bewahren von Erinnerungen, sagt Plaisier, ist für ihn Berufung. „2017 habe ich mit ,Bubis Kinnertied‘ die Biografie meines Vaters über seine Kindheit in Ostfriesland und im Emsland veröffentlicht. Es folgten rund 20 Lesungen in der Region. Bei fast jeder Veranstaltung kamen ältere Menschen zu mir, die mir ihre Geschichte erzählen wollten. Ich habe dies als einen Auftrag empfunden: Es gibt noch so viele Geschichten, die erzählt werden müssen und die nicht verloren gehen dürfen“, erzählt er. Noch im selben Jahr gründete Plaisier den Verlag „edition Kronzeugen“.
Kleine Verlage haben „hohen Stellenwert“
Kleine, von den großen Marken unabhängige Verlage wie der des Rhauderfehners „tragen sehr zur Heterogenität und Vielfalt in der Verlagslandschaft bei und haben deswegen einen hohen Stellenwert für die Buchkultur“, erklärt Rebecca Ufert, Sprecherin beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Im Jahr 2019 gehörten laut Statistischem Bundesamt 1497 Verlagsunternehmen in die Kategorie kleine Unternehmen - mit bis zu einer Million Euro Umsatz jährlich. „Unter unseren Mitgliedern zählen 1170 Verlage zu den kleinen Verlagen“, so Ulfert.
Laut der Datenbank des Börsenvereins gab es ab 2015 bis heute 173 Neugründungen bei den Verlagen und 146 Austritte aufgrund Geschäftsaufgabe. Die Neugründungen seien zumeist kleinere Verlage, die (noch) nicht an ein Verlagsunternehmen angeschlossen seien. „Obwohl die kleinen Verlage in der Mehrzahl sind, gibt es umsatzmäßig eine große Konzentration auf dem Markt: 83,6 Prozent des Gesamtumsatzes werden von nur 38 Verlagen erwirtschaftet“, sagt Ulfert.
Amazon lässt Marge schrumpfen
Wirtschaftlich haben es kleine Verlage oft nicht leicht. Dafür haben sie eine Menge Arbeit. „Bevor ein Buch aus der Druckerei ankommt, ist erstmal viel Papierkram zu erledigen: Reservierung und Vergabe einer ISBN, Registrierung im Verzeichnis lieferbarer Bücher, Eintrag bei Amazon, alles rund um die Steuer…“, erklärt Detlef M. Plaisier. Drucken lässt er in Polen, denn: „Kleinauflagen bis 500 Exemplare sind in Deutschland nicht finanzierbar. Nicht in der Qualität, wie ich sie mir vorstelle.“
Und was ist an Erlös zu erwarten? Plaisier rechnet vor: „Das Corona-Buch kostet 20 Euro. Amazon nimmt für eine Bestellung vier Euro Provision. Ich versende direkt an den Besteller, packe also zu Hause und gehe um die Ecke zu Hermes, und alles spätestens am Folgetag, sonst gibt’s Ärger mit Amazon. Porto und Verpackung kosten 5,30 Euro – bleibt also vom Verkaufspreis etwas mehr als die Hälfte übrig – vor Steuern.“ Der Ausweg: Lesungen. „Erfahrungsgemäß kauft etwa ein Drittel der Besucher einer Lesung auch ein Buch. Das sind dann 100 Prozent Erlös, keine Provision, kein Porto“, so Plaisier. Auch deshalb war Corona mit dem Ausfall fast aller Veranstaltungen ein Problem. Rettungsanker sei für ihn 2020 und 2021 die Corona-Hilfe vom Bund gewesen.
„Darauf bin ich wirklich stolz“
In Arbeit sind derzeit unter anderem „Das Leben des Johann Kloster aus Westrhauderfehn“ in Zusammenarbeit mit dem aus Westoverledingen stammenden Arno Ulrichs, Bürgermeister der Gemeinde Ihlow, und „Lieber Soldat, ...irgendwo! Feldpostbriefe Loppersumer Schulkinder von 1939 - 1945“.
Und nun das „Café Corbusier“ – quasi das „Kuckucksei“ im Verlagsprogramm. „Ja, darauf bin ich wirklich stolz, dass ich mir als kleiner Verlag diesen Titel gesichert habe“, freut sich Plaisier. Am Anfang habe nur die Vereinbarung gestanden, das Buch zu lektorieren. Doch dann musste der Inhalt komplett neu strukturiert werden, der ursprüngliche Verlag des Autors sprang ab, weil Fristen nicht eingehalten wurden. „Da habe ich zugegriffen. Ich hatte ja während der Arbeit am Text schon realisiert, dass dies mehr ist, als nur ein weiteres Sachbuch zum Jahrhundertarchitekten Le Corbusier. Es ist ein mutiges Buch zur Nazivergangenheit des Architekten, und es stellt eine direkte Linie her zur Familiengeschichte des Autors.“ Letztendlich also doch noch ein Stück Zeitzeuge.