Fußball

„Hausarrest“ heizt Nordderby-Vorfreude an

| | 26.02.2022 15:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Jan-Luca Schoon (links) ist stolzer Einzelkämpfer in seiner Familie. Während sein Herz für den SV Werder schlägt, sind sein Vater Heiner und sein Bruder Marek glühende Anhänger des Hamburger SV. Foto: Homes
Jan-Luca Schoon (links) ist stolzer Einzelkämpfer in seiner Familie. Während sein Herz für den SV Werder schlägt, sind sein Vater Heiner und sein Bruder Marek glühende Anhänger des Hamburger SV. Foto: Homes
Artikel teilen:

Das am Sonntag anstehende Nordderby zwischen dem HSV und Werder elektrisiert die ostfriesischen Fußballfans. In einer Familie in Wiesmoor wird die Rivalität zwischen den Klubs ganz besonders vorgelebt.

Wiesmoor - Gegenseitige Sticheleien gibt es innerhalb der Familie Schoon aus Wiesmoor das ganze Jahr über. Gewinnt Werder Bremen – oder verliert der Hamburger SV – reibt das der 20-jährige Jan-Luca seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Marek und seinem Vater Heiner mit Freude unter die Nase. Die sind nämlich glühende Anhänger des HSV, während sein Herz für den großen Rivalen von der Weser schlägt. Andersherum steht Marek Schoon gerne mal jubelnd auf dem Sofa – wenn Werder ein Gegentor kassiert hat. Es werden Sprüche gekloppt, wann auch immer sich die Gelegenheit dafür bietet – in diesen Tagen ganz besonders. Denn ihre Lieblingsklubs treffen an diesem Sonntag (13.30 Uhr/Sky) in der 2. Fußball-Bundesliga aufeinander. 25.000 Fans dürfen im Hamburger Volksparkstadion mit dabei sein – unter ihnen Heiner und Marek Schoon aus Wiesmoor.

Tipps zum Spiel

Heiner Schoon: 1:1. „Beide Teams sind gut drauf, es wird aber kein gutes Spiel. Der HSV gibt von Beginn an Vollgas, Werder geht aber in Führung, ehe der HSV in der zweiten Halbzeit ausgleicht und die Partie vor sich her plätschert.“

Marek Schoon: 2:1. „Die HSV-Defensive ist besser als die von Werder. Die Bremer Anfälligkeit hinten nutzt der HSV zu zwei Toren. Der formstarke Sonny Kittel macht den Unterschied. Zudem trifft auch Torjäger Robert Glatzel.“

Jan-Luca Schoon: 1:3. „Werder holt sich die drei Punkte und trifft dreifach. Die Buden teilen sich die ernannten ‚hässlichen Vögel‘ Ducksch und Füllkrug auf. Oder Christian Groß wird nach seinem Platzverweis im Hinspiel diesmal zum Helden und erzielt sein erstes Profitor.“

Als würde das Nordderby durch die Rivalität der Vereine nicht schon für genug Brisanz sorgen, bekommt es durch die Tabellenkonstellation nochmals einen ganz besonderen Reiz. Werder reist als Spitzenreiter zum direkten Verfolger. Es ist das Topspiel schlechthin in der 2. Liga. Dabei sah es lange nicht so aus, als wären die beiden Traditionsvereine aus dem Norden absolute Aufstiegsaspiranten. Werder schlingerte im Ligamittelfeld herum, belegte nach dem 13. Spieltag Platz acht, ehe die Impfpass-Affäre Trainer Markus Anfang den Job kostete. Nach zwei sieglosen, interimsweise betreuten Spielen sorgte Neu-Coach Ole Werner, der Bremen auf Platz zehn übernahm, mit sieben Siegen in Folge für eine wundersame Werder-Wende. Diese katapultierte die Grün-Weißen am vergangenen Spieltag erstmals auf Platz eins. Der HSV steht dagegen das erste Mal in dieser Saison auf einem direkten Aufstiegsplatz.

Sprüche vom Vater

„Allein die sportliche Situation sorgt für eine Menge Spannung“, sagt Heiner Schoon. „Dass Jan-Luca gerade Hausarrest hat, steigert bei uns im Haus noch mal mehr die Vorfreude“, ergänzt der 45-Jährige schmunzelnd. Mit „Hausarrest“ meint der Verwaltungsmitarbeiter in diesem Fall allerdings nicht, dass sein ältester Sohnemann das Haus nicht verlassen darf, sondern dass er derzeit überhaupt zu Hause ist. Aufgrund seines Jura-Studiums wohnt Jan-Luca Schoon überwiegend in Münster. Jetzt in den Semesterferien ist er aber bei der Familie. „So können wir direkt Sprüche klopfen und müssen das nicht über Whatsapp. Das ist viel schöner“, sagt Jan-Luca Schoon, der für den VfL Mullberg in der B-Klasse aufläuft.

Tatsächlich muss er sich öfters einen Hausarrest-Spruch von seinem Vater gefallen lassen. „Lebenslang grün-weiß? Lebenslang Hausarrest hast du“, stichelt Heiner Schoon in Anlehnung an den Werder-Slogan aufgrund der Tatsache, dass sich sein ältester Sohn für den aus seiner Sicht „falschen“ Verein entschieden hat.

Diego-Trikot sorgte für Ärger

Heiner Schoon hatte früh alles versucht, aus Jan-Luca einen HSV-Anhänger zu machen. „Ich hatte sogar einen HSV-Schnuller und eine HSV-Mütze besorgt.“ Der erhoffte Effekt blieb aus. Stattdessen ließ sich Jan-Luca von dem erfolgreichen Werder-Fußball in den 2000er Jahren begeistern und von seinen mit Bremen sympathisierenden Großeltern Focko und Edith Schoon leiten. Spätestens als diese aus dem Urlaub ein Diego-Trikot mitbrachten, war es um Jan-Lucas Vereinsliebe geschehen. „Das Trikot sorgte für mächtig Diskussionen und Familienstress“, erinnert sich Heiner Schoon. Immerhin konnte er seinen zweiten Sohn Marek vom HSV „überzeugen“.

Dieser hält in diesen Tagen seinem Bruder Jan-Luca vor allem den 2:0-Sieg des HSV aus dem Hinspiel mitsamt der Kuriositäten wie dem nicht anerkannten Freistoßtor von Werder-Stürmer Marvin Ducksch vor. „Ich kontere dann meistens mit der Gesamtbilanz der Nordderbys“, sagt Jan-Luca Schoon. In 120 ausgetragenen Pflichtspielen gegeneinander gewann Werder 45-mal, der HSV 39-mal. 36 Aufeinandertreffen endeten remis.

Derbys zusammen gucken geht nicht

Ein Nordderby erlebten Heiner, Jan-Luca und Marek Schoon auch schon mal gemeinsam im Stadion. „Das war am 18. Februar 2012 – an dem Tag, wo meine Cousine Lena geboren wurde. Wir gewannen 3:1, nach Toren von Marko Marin, Tom Trybull und Marco Arnautovic“, erinnert sich Jan-Luca Schoon trotz seiner damals erst zehn Jahre noch sehr genau.

Als unter der Woche die Zuschauerkapazität für das Derby am Sonntag von 10.000 auf 25.000 erhöht worden war, versuchte auch Heiner Schoon – HSV-Vereinsmitglied und einst jahrelang Dauerkarten-Besitzer – kurzfristig Tickets zu bekommen, mit Erfolg. Der Werder-Fan der Familie, Jan-Luca, wollte gar nicht mit. „Das Spiel zwischen HSV-Fans anzugucken, tue ich mir nicht an“, sagt der 20-Jährige. Auch vor dem Fernseher schauen sich Heiner, Jan-Luca und Marek die Nordderbys schon lange nicht mehr gemeinsam an – letztmals im April 2015 bei der Konfirmation Jan-Lucas. „Ich kann das Gestänker gegen Werder während des Spiels nicht ab“, sagt Jan-Luca Schoon, der sich das Spiel am Sonntag mit hauptsächlich gleichgesinnten Kumpels anschaut.

Ähnliche Artikel