Katastrophenhilfe

Saterländer nach Taifun Rai im Einsatz

| | 05.02.2022 10:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Von der Mehrzahl der Behausungen auf der philippinischen Insel Dawahon blieben nur Trümmer. Doch die Insulaner sind tatkräftig mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Dafür verwenden sie das vorhandene Material ihrer früheren Hütten.
Von der Mehrzahl der Behausungen auf der philippinischen Insel Dawahon blieben nur Trümmer. Doch die Insulaner sind tatkräftig mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Dafür verwenden sie das vorhandene Material ihrer früheren Hütten.
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Wahl-Saterländer Rolf Kornblum hilft als Mitglied der I.S.A.R. weltweit bei Katastrophen. Im Januar war der Krankenpfleger auf den Philippinen im Einsatz. Dort hatte zuvor der Taifun Rai gewütet.

Strücklingen / Tacloban - Am 7. Januar wurde Rolf Kornblum aus Strücklingen 59 Jahre alt. Seine Frau hatte eine Überraschungsparty organisiert. Doch die platzte: An diesem Tag flog Kornblum zu einem Katastropheneinsatz auf die Philippinen. Er war einer von fünf Helfern eines Teams der Hilfsorganisation I.S.A.R. Germany „Meine Frau kennt das schon“, erzählt er. Wann der nächste Einsatz beginnt, sei nie absehbar. Doch im Katastrophenfall sind die Helfer binnen kürzester Zeit startklar und einsatzfähig. Das ist eine der Voraussetzungen ihrer zertifizierten Arbeit.

Seit 2013 ist der gelernte Krankenpfleger Rolf Kornblum für die Hilfsorganisation I.S.A.R. im Einsatz. Der Wahl-Strücklinger hilft auf der ganzen Welt bei Katastrophen.
Seit 2013 ist der gelernte Krankenpfleger Rolf Kornblum für die Hilfsorganisation I.S.A.R. im Einsatz. Der Wahl-Strücklinger hilft auf der ganzen Welt bei Katastrophen.

Rolf Kornblum ist seit 2013 für die Organisation aktiv, die in seiner Geburtsstadt Duisburg gegründet wurde. Einer seiner Kollegen in der Klinik, in der er als gelernter Krankenpfleger damals arbeitete, war Gründungsmitglied. Kornblum wollte gleich mitmachen. Doch zunächst nahmen ausschließlich Feuerwehrleute teil. Nach dem Einsatz 2013 in der philippinischen Provinzhauptstadt Tacloban, wo I.S.A.R. die Einheimischen nach dem Taifun Haiyan unterstützte, änderte sich das. Ein Medical-Team wurde aufgebaut. Rolf Kornblum wurde Teil davon. „Seitdem ist I.S.A.R. ein großer Bestandteil meines Lebens“, sagt er.

Patenkind im Feldlazarett geboren

Sein neuntägiger Einsatz im Januar auf den Philippinen ist der jüngste von etlichen, an denen er beteiligt war. Der Aufenthalt hatte mehrere Stationen. Zum einen besuchte das I.S.A.R.-Team ihr Patenkind: David wurde 2013 in dem Feldlazarett geboren, dass die Hilfsorganisation in Tacloban aufgebaut hatte. Die I.S.A.R. unterstützte seine Familie durch Spenden beim Hausbau und half seiner Mutter eine Ausbildung als Lehrerin abzuschließen. „Heute geht es der Familie bestens“, berichtet Kornblum.

David (in Rot), das Patenkind von I.S.A.R. Germany, begrüßte die Helfer mit einem Willkommenschild. Der Junge wurde 2013 in einem Feldlazarett geboren, das die I.S.A.R. nach dem Taifun Haiyan in Tacloban eingerichtet hatte.
David (in Rot), das Patenkind von I.S.A.R. Germany, begrüßte die Helfer mit einem Willkommenschild. Der Junge wurde 2013 in einem Feldlazarett geboren, das die I.S.A.R. nach dem Taifun Haiyan in Tacloban eingerichtet hatte.

Außerdem brachte die I.S.A.R. dem Krankenhaus in der philippinischen Stadtgemeinde Calubian medizinische Ausrüstung. Finanziert wurde das Projekt aus Mitteln des Spendenbündnisses „Aktion Deutschland hilft“. Die Ausrüstung soll die Behandlung von Covid-Patienten verbessern, kann aber auch sonst im Klinikalltag genutzt werden. Vor Ort traf sich das I.S.A.R.-Team mit Krankenhauspersonal zum Erfahrungsaustausch und schulte es.

Rolf Kornblum (Mitte, knieend) und seine Mitstreiter zeigten dem Krankenhauspersonal in Calubian, wie sie bei medizinischen Einsätzen agieren.
Rolf Kornblum (Mitte, knieend) und seine Mitstreiter zeigten dem Krankenhauspersonal in Calubian, wie sie bei medizinischen Einsätzen agieren.

Helferteam auf Insel Dawahon

Weil am 16. Dezember der Taifun Rai den Inselstaat verwüstet hatte, bat das Gesundheitsministerium die Helfer aus Deutschland, zu einer davon besonders betroffenen Insel zu fahren, der Insel Dawahon. „Mit einem Boot der Küstenwache waren wir fast vier Stunden unterwegs“, schildert Kornblum. Etwa 4000 Menschen sind auf Dawahon zu Hause. Sie lebten in 900 Häusern, von denen der Taifun 700 zerstört hat. Vermisst blieben zwei Fischer, die während des Taifuns auf See waren. Die Helfer kamen in Bambusbooten. Lebensmittel und Trinkwasser hatten sie mitgebracht. Wegen der Riffe konnte die Küstenwache nicht bis ans Ufer gelangen. Der Taifun hatte auch den Hafenkai zerstört. Mit Leitern und der Hilfe der Insulaner erklommen die Helfer die Hafenmauer, um an Land zu kommen.

Auch die Kai-Anlage des Hafens von Dawahon wurde vom Taifun Rai zerstört. Um an Land zu kommen, mussten die Helfer mit Leitern die Hafenmauer hochklettern.
Auch die Kai-Anlage des Hafens von Dawahon wurde vom Taifun Rai zerstört. Um an Land zu kommen, mussten die Helfer mit Leitern die Hafenmauer hochklettern.

„Von weitem liegt die Insel über den blauen Wellen“, erzählt Kornblum. „Doch als wir näherkamen, sahen wir das Ausmaß der Zerstörung.“ Eine ganze Halle aus Stahl am Hafen war weg. Nur noch rostige Eisenstreben sind von ihr geblieben. Statt Häuser gibt es fast nur noch Balken und Trümmer.

Aus Trümmern neue Hütten

Wie Kornblum erlebte, verhalten sich die Menschen auf Dawahon sehr diszipliniert. „Verzweifelt sind die nicht“, sagt er. Tatkräftig nähmen sie das Holz und Wellblech der Trümmerstätten und bauten daraus ihre Hütten wieder auf. Kinder würden mit dem Hammer Nägel gerade schlagen, um diese wieder zu verwenden. Die meisten Inselbewohner sind Christen.

Von einer Halle am Hafen der Insel Dawahon ließ der tropische Wirbelsturm nichts außer rostigen Metallträgern übrig.
Von einer Halle am Hafen der Insel Dawahon ließ der tropische Wirbelsturm nichts außer rostigen Metallträgern übrig.

Angesichts der vielen zerstörten Unterkünfte rücken die Leute zusammen. Mehrere Familien hausen auf engstem Raum. Weil es nicht für jeden ein Bett gibt, schlafen sie in Schichten. „Die Leute sind dankbar, dass sie leben und Hilfe erfahren“, so Kornblum. Allein dass sie wahrgenommen würden, mache sie froh. Sonst komme kaum jemals ein Fremder auf ihr kleines Eiland, eines von mehr als 7600 des Inselstaates in Südostasien.

Taifun zerstörte Seegrasfelder

Die Menschen auf Dawohan leben vom Seegras. 130 Bauern bauen es an. Doch der Taifun hat ihre Felder mit Sand überspült. Dadurch gingen die Pflanzen ein. Um ihre Existenz zu sichern, baten die Inselbewohner um Seegraskeimlinge. Die Helfer überschlugen, dass dafür rund 20.000 Euro nötig sein würden. Noch habe die I.S.A.R. nicht definitiv zugesagt, berichtet Kornblum.

Das wäre schwierig, weil man dann in der Verpflichtung stünde. Und die I.S.A.R. könne ja kein Geld drucken. Aber sein Team verfasste einen Einsatzbericht mit der Empfehlung, das Projekt zeitnah u unterstützen. Nun hofft Kornblum, dass die Katastrophenhelfer 2023, wenn sie weitere Schulungen in der Klinik von Calubian betreuen, auch rausfahren, um zu erleben, dass auf Dawahon wieder Seegras angebaut wird.

Lebenstraum in Strücklingen verwirklicht

Diese Einsätze würden ihn erden, sagt der Wahl-Saterländer. Wenn er sich mit Menschen in Katastrophengebieten unterhalte, erschienen ihm die Sorgen vieler Leute in Deutschland wie Luxusprobleme. Dank seiner Aktivitäten schätze er sein eigenes Leben anders wert. Als er und seine Frau die beiden Söhne großgezogen hatten, verwirklichten sie ihren Lebenstraum, indem sie nach Strücklingen zogen. Dort halten sie viele Tiere und bauen ihr eigenes Gemüse an.

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Beruflich ist Rolf Kornblum stellvertretender Leiter der Facheinrichtung für Intensivpflege in Barßel. Dank des Verständnisses und der guten Absprache mit deren Chef Volker Bley sei er jederzeit für die I.S.A.R. einsatzbereit. Dafür ist Kornblum dankbar. „Sonst könnte ich das nicht machen“, sagt er. Froh ist er auch über das Team der Hilfsorganisation. Im Katastrophengebiet müsse man sich aufeinander verlassen. Das funktioniere hervorragend. Wann Rolf Kornblum das nächste Mal seine gepackte Tasche schnappt, um bei einer Katastrophe zu helfen, ist ungewiss. „Aber ich bin einsatzbereit. Jederzeit“, versichert er.

Zu fünft waren die Einsatzkräfte der I.S.A.R. jetzt auf den Philippinen. Die Helfer sind ein eingespieltes Team. Das muss auch so sein bei Katastropheneinsätzen.
Zu fünft waren die Einsatzkräfte der I.S.A.R. jetzt auf den Philippinen. Die Helfer sind ein eingespieltes Team. Das muss auch so sein bei Katastropheneinsätzen.

Wer spenden möchte, kann Geld überweisen an die I.S.A.R. Germany Stiftung gGmbH, Spendenkonto-Nr.: 11 82 500, IBAN: DE25 3702 0500 0001 1825 00

Die Organisation

I.S.A.R. Germany ist eine gemeinnützige Hilfsorganisation. Sie wurde 2003 in Duisburg gegründet und kommt weltweit zum Einsatz. Der Name steht für „International Search-and-Rescue“ und ist ein Zusammenschluss aus Spezialisten verschiedener Hilfsorganisationen. Bei I.S.A.R. sind rund 170 Helfer aktiv. Die meisten von ihnen arbeiten ehrenamtlich, lediglich sechs feste Mitarbeiter kümmern sich um Organisatorisches. I.S.A.R. leistet international Hilfe nach Naturkatastrophen, Unglücksfällen und humanitären Katastrophen. Neben der Dabei spielt die medizinische Versorgung eine immer größere Rolle. So kann in den Einsatzgebieten ein Feldlazarett aufgebaut werden. Beim Einsatz nach dem Taifun Hayian auf den Philippinen 2013 konnten auf diesem Behandlungsplatz über 2.400 Patienten von I.S.A.R. versorgt werden. Seit 2015 ist I.S.A.R. Germany offiziell auch in Deutschland bei Katastrophen im Einsatz.

Seit 2007 arbeitet die Organisation unter dem Dach der Vereinten Nationen. Damals wurde die Hilfsorganisation als weltweit erstes Team von der UN-Organisation INSARAG als Medium Team geprüft und zertifiziert. I.S.A.R. musste nachweisen, dass sich das Team bei weltweiten Einsätzen mindestens zehn Tage autark in Katastrophengebieten bewegen kann und internationale Standards bei der Suche und Rettung von vermissten und verschütteten Menschen eingehalten werden. 2012 und 2017 war die Zertifizierung abermals erfolgreich.