Missbrauchsskandal

Pfarrer zu Gutachten: „Frösche wollen den Sumpf behalten“

| | 29.01.2022 17:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Pfarrer Ludger Becker von der Kirchengemeinde St. Ansgar Barßel, spricht von einem Sumpf, wenn er über den Missbrauchsskandal seiner Kirche redet. Foto: Fertig
Pfarrer Ludger Becker von der Kirchengemeinde St. Ansgar Barßel, spricht von einem Sumpf, wenn er über den Missbrauchsskandal seiner Kirche redet. Foto: Fertig
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Das Gutachten zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche erschüttert auch die Gläubigen im Nordkreis Cloppenburg. Viele Katholiken treten empört aus der Kirche aus.

Saterland/Barßel/München - Das vor einer Woche veröffentlichte Gutachten zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum München und Freising erschüttert viele Gläubige. Das vom Erzbistum selbst in Auftrag gegebene Gutachten der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) war zu dem Ergebnis gekommen, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt worden waren. Es wirft auch den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem emeritierten Papst Benedikt XVI., Fehlverhalten vor. Insgesamt sprechen die Gutachter von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern.

Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI.. hat eingeräumt, bei seiner Stellungnahme für das Missbrauchsgutachten des Erzbistums München und Freising eine falsche Aussage gemacht zu haben. Foto: Hoppe/DPA
Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI.. hat eingeräumt, bei seiner Stellungnahme für das Missbrauchsgutachten des Erzbistums München und Freising eine falsche Aussage gemacht zu haben. Foto: Hoppe/DPA

Ratzinger hatte eingeräumt, bei seiner Stellungnahme an einer wichtigen Stelle eine falsche Aussage gemacht zu haben. Diese gehe auf ein „Versehen bei der redaktionellen Bearbeitung“ seiner Stellungnahme zurück. Sein Verhalten löste international Kritik aus.

Betroffenheitsäußerung reicht nicht

Bewegt sind von den Ergebnissen des Gutachtens und dem Umgang der Verantwortlichen in der Kirche auch Katholiken aus dem Oldenburger Münsterland. „Das vorgestellte Gutachten hat offensichtlich weitere, bisher ungeklärte Aspekte und Sachverhalte ans Licht gebracht. Sofern dies der Wahrheitsfindung dient, gibt es dazu keine Alternative, unabhängig davon, ob Verantwortungsträger in der Kirche belastet werden oder nicht. Diese werden sich jetzt den Ergebnissen stellen und sich dazu verhalten müssen. Einfache Erklärungen und Äußerungen von Betroffenheit werden da nicht ausreichen“, teilt dazu Christian Gerdes von der Fachstelle Kirchenrecht des Bischöflich Münsterschen Offizialats in Vechta auf Nachfrage dieser Zeitung mit.

Das Vertrauen vieler Gläubigen in ihre Kirche und gegenüber den Verantwortungsträgern sei zutiefst erschüttert, so Gerdes. Es sei davon auszugehen, dass die Zahl der Kirchenaustritte weiterhin hoch sein wird. „Es wird ein langer und schwerer Weg werden, die erschütterte Glaubwürdigkeit der Kirche wieder zu erlangen.“ Der Offizialatsbezirk Oldenburg als Teil des Bistums Münster werde den im Bistum eingeschlagenen Weg der Aufklärung von sexuellem Missbrauch und der Prävention weiter beschreiten.

Umgang mit Schuld

Betroffen äußern sich zum Umgang ihrer Kirche mit dem Gutachten auch die beiden Pastoren der Kirchengemeinden St. Jakobus Saterland und St. Ansgar Barßel sowie ehrenamtlich in diesen Gemeinden Tätige. „Ich kann manches einfach nicht verstehen. Und das tut weh“, sagt der Leitende Pfarrer der Saterländer Gemeinde St. Jakobus, Ludger Fischer. Gerade an der Basis habe man viel auszuhalten und müsste geradestehen für Dinge, die in der Kirche verbockt wurden, stellt er fest. „Wir müssen auch mit Schuld leben. Es ist die Frage, wie wir damit umgehen“, so Fischer. Er halte Wahrhaftigkeit für den einzig gangbaren Weg. Nur wenn die katholische Kirche zu dem stehe, was passiert sei, werde nicht noch mehr Schaden angerichtet.

Pfarrer Ludger Fischer von der Kirchengemeinde St. Jakobus Saterland hält Wahrhaftigkeit für den einzig gangbaren Weg, den die katholische Kirche einschlagen müsse. Foto: Fertig
Pfarrer Ludger Fischer von der Kirchengemeinde St. Jakobus Saterland hält Wahrhaftigkeit für den einzig gangbaren Weg, den die katholische Kirche einschlagen müsse. Foto: Fertig

Dass viele Gläubige durch den Umgang ihrer Kirche mit sexuellem Missbrauch in ihren Grundfesten erschüttert seien, merke er auch im Umgang mit Saterländern, sagt Pfarrer Fischer. Allerdings komme deshalb keiner auf ihn zu und spreche ihn direkt an. Empörung, Unverständnis und Distanzierung laufe eher im Hintergrund. Dass Menschen der Kirche den Rücken kehrten, „das wird nicht erst mit uns besprochen“, so der Geistliche. Sie träten einfach aus. Fischer sagt, er könne das nachvollziehen. Er empfinde das Gutachten und den Umgang an der Spitze der Kirche damit ebenfalls als „historische Erschütterung“. Von dieser hatte Matthias Katsch gesprochen, Sprecher der Opferinitiative Eckiger Tisch.

Barßeler Pfarrer nicht überrascht

Deutlicher als sein Amtsbruder aus dem Saterland äußert sich der Leitende Pfarrer der Barßeler Kirchengemeinde St. Ansgar, Ludger Becker. „Diesen Sumpf kriegen wir nie trockengelegt, so lange die Frösche dabei mitarbeiten. Denn die werden den Sumpf behalten wollen“, sagt der Seelsorger. Er schlägt vor, dass Ratzinger, um ein Zeichen zu setzen, zumindest sein geistliches Gewand, die weiße Soutane, ablege. Überrascht sei er von den Ergebnissen des Gutachtens nicht. „Das wird uns noch lange begleiten“, sagt Becker. Ausschließen könne man neue Fälle nie, aber er hoffe, dass es dann keine Vertuschung mehr gebe. Missbrauch innerhalb der Kirche sei ein weltweites Problem, „da sitzen wir auf einem Pulverfass“, so Becker. Die größte Schuld, die die katholische Kirche auf sich geladen habe, sei, dass sie die Täter mehr geschützt habe als die Opfer.

Für die Glaubwürdigkeit der Kirche sei das ein großer Schaden. Das merke er auch in Barßel. „Wenn ich im Ort unterwegs bin, stelle ich fest, dass das Thema in aller Munde ist“, so Becker. Es habe in seiner Gemeinde aktuell erstmals mehr Kirchenaustritte gegeben als Taufen. Er erlebe aber auch, erklärte der Barßeler Pfarrer, dass die Menschen vor Ort ihrer Gemeinde weiterhin vertrauten. „An ihnen und an Barßel liegt es nicht“, habe ihm ein Mann beim Kirchenaustritt gesagt.

Ehrenamtliche Arbeit erschwert

Ein schwieriges Thema findet den Missbrauch und die Aufarbeitung auch Michael Bohnen. Der 37-Jährige betreut die Messdienergemeinschaft der Kirchengemeinde St. Ansgar mit. „Das erschwert uns die Jugendarbeit immer mehr“, sagt Bohnen. Dabei werde in der Barßeler Kirchengemeinde auch ehrenamtlich viel geleistet. Doch für Leute sei Kirche gleich Kirche. Er könne verstehen, dass Katholiken aus der Kirche austreten. Viele hätten das Vertrauen in die Institution verloren.

Michael Bohnen aus Barßel kümmert sich als Oberministrant um die Messdienergemeinschaft der Barßeler Kirchengemeinde St. Ansgar. Archivfoto: Fertig
Michael Bohnen aus Barßel kümmert sich als Oberministrant um die Messdienergemeinschaft der Barßeler Kirchengemeinde St. Ansgar. Archivfoto: Fertig

Bekümmert ist vom Umgang der Kirche mit dem Missbrauchsgutachten auch Georg Pugge. Der 65-Jährige lebt in Scharrel und ist seit mehr als 20 Jahren Pfarreiratsvorsitzender der Kirchengemeinde St. Jakobus. „Ich finde es traurig“, sagt Pugge. In seinem Umfeld heiße es dann, „Siehste - wieder die Kirche.“

Der Scharreler Georg Pugge engagiert sich seit Jahrzehnten ehrenamtlich in der katholischen Kirchengemeinde. Er ist Pfarreiratsvorsitzender der Kirchengemeinde St. Jakobus Saterland. Foto: Hellmann
Der Scharreler Georg Pugge engagiert sich seit Jahrzehnten ehrenamtlich in der katholischen Kirchengemeinde. Er ist Pfarreiratsvorsitzender der Kirchengemeinde St. Jakobus Saterland. Foto: Hellmann

Dabei gebe es im Saterland viele engagierte Leute, die sich in der kirchlichen Arbeit einbrächten. „Denen muss man den Rücken stärken“, so Pugge.

Aktueller Stand

Im Bistum Münster gibt es seit 2019 ein Projekt mit einer Historikerkommission der Universität Münster, das bis März 2022 läuft. Das Bistum Münster ist nicht Auftraggeber, sondern hat der Universität eine Zuwendung in Höhe von 1,3 Mio. Euro gegeben, damit diese das Projekt durchführen kann. Die im Projekt tätigen Personen haben Zugriff auf sämtliche Akten im Bistum, teilt der Interventionsbeauftragte des Bistums, Peter Frings, mit.

Im September 2021 informierte Frings bei mehreren Informationsveranstaltungen, über den aktuellen Stand beim Umgang mit sexuellem Missbrauch im Bistum Münster. Im Sommer 2019 erschien erstmals einen Flyer unter dem Titel: „Nulltoleranz, Unterstützung und Prävention - zum Umgang mit sexuellen Missbrauch im Bistum Münster“. Im August 2020 wurde eine aktualisierte Fassung vorgelegt. Die Haltung des Bistums zu sexuellem Missbrauch sei: Keine Toleranz! Das stehe ganz klar fest, so der Interventionsbeauftragte. Präventionsschulungen gelten als wichtiger Baustein zur Sensibilisierung. Sie sollen dazu beitragen, möglichen Missbrauch verhindern und ermutigen, genauer hinzusehen.

Bis Ende Juli 2021 gab es beim Bistum 237 Meldungen von sexuellen Übergriffen mit Anträgen auf Leistungen in Anerkennung des Leids. Es gab mindestens 237 Fälle von sexuellem Missbrauch, die aktenkundig sind. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Ende Oktober 2020 schrieb die Interventionsstelle hat alle bekannten Betroffenen, die jemals Leistungen erhalten haben, an und bot an, diese bei einem Folgeantrag zu unterstützen. Anfang 2021 wurden viele Anträge erneut als Folgeanträge auf den Weg gebracht. Bis Juli 2021 hat das Bistum Münster nach eigenen Angaben für Leistungen in Anerkennung des Leids einen Betrag von etwas mehr als 1,4 Millionen Euro gezahlt . Therapiekosten wurden bisher in Höhe von gut 275.000 Euro übernommen. Anerkennungszahlungen erfolgten seit 2021 aus Mitteln des Bischöflichen Stuhls – nicht aus Kirchensteuermitteln, so Frings.

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