Bewegte Zeiten
Tanzstudio brachte Glamour und Geselligkeit nach Strücklingen
Mit ihrem Tanzstudio brachte Brigitte von Pidoll in den 70ern, 80ern und 90ern Glamour und Geselligkeit nach Strücklingen. Das ist lange vorbei. Doch im Archiv ist der Wiegeschritt für immer lebendig.
Strücklingen - Seit 1977 bestand in Strücklingen an der Hauptstraße 637 eine Tanzschule. Architekt Engelbert Baczinski aus Bremen hatte sie gebaut, seine Ehefrau Brigitte unterrichtete im Saal mit Kamin und Theke, der sich im Erdgeschoss befand, Groß und Klein im Wiegeschritt. Nach ihrer Scheidung führte sie das Tanzstudio unter dem Namen ihres zweiten Ehemannes als Brigitte von Pidoll weiter.
Bis 2012 wurde das zweigeschossige Gebäude für Tanzstunden genutzt. Danach folgte jahrelanger Leerstand. Einzig das Wort „Tanzstudio“ an der Fassade erinnerte an die ursprüngliche Funktion. Der Strücklinger Unternehmer Daniel Olling, der das Gebäude 2020 von der Familie von Pidoll erworben hatte, entkernt und saniert es jetzt, um darin Wohnraum zu schaffen.
Ein Schatz aus Fotos und Texten
Bevor Olling die Einrichtung des Hauses entsorgte, durfte Marlies Jakobi dort einen Schatz heben. So empfindet es die Sprecherin des Strücklinger Bürgervereins. Der Schatz besteht nicht aus Gold und Edelsteinen, sondern aus Fotos und Dokumenten. Denn Brigitte von Pidoll war nicht nur eine gute Tanzlehrerin, ihr lag auch die Archivierung der Geschicke ihres Unternehmens am Herzen. Sorgfältig heftete sie jede Anzeige ab, sammelte die Werbung der Konkurrenz und klebte Fotos in Alben.
Nachdem sie sich 1999 von ihrem zweiten Ehemann getrennt hatte, ließ sie ihre Sammlung in der Tanzschule zurück. Ihr Ex bewahrte Alben, Ordner, Turnierkostüme und Musikkassetten auf, auch über ihren Tod hinaus. Marlies Jakobi barg sie aus der Baustelle. „Das ist ein richtiger Glücksfall“, freut sie sich. Sie habe alles freudestrahlend hinüber ins Strukeljer Mandehuus getragen.
Sammlung geht ans Museumsdorf Cloppenburg
In dem ehemaligen Lädchen in Strücklingens Ortsmitte am Kirchweg/Ecke Hauptstraße befindet sich der Bürgertreff. Dort stehen nun Kisten und Kartons aus der ehemaligen Tanzschule gestapelt. Auch das Schild aus Plexiglas, auf dem in goldener Schrift „Tanzschule Brigitte von Pidoll“ steht. Marlies Jakobi will die Dokumentensammlung dem Museumsdorf Cloppenburg anbieten und hofft, dass dort eine Ausstellung damit veranstaltet wird.
Jetzt blättert sie erst einmal mit Vergnügen selbst durch die Fotoalben und Leitz-Ordner, die Brigitte von Pidoll so sorgfältig zusammengestellt hat. „So macht man sich unsterblich“, stellt Jakobi fest, „zumindest, wenn es niemand wegschmeißt.“ 1982, zum fünfjährigen Bestehen des Tanzstudios, gab es ein Programm mit einer Showtanz-Formation. Zum zehnjährigen verkündete die Tanzlehrerin in einer Anzeige „15.000 lernten hier das Tanzen“.
Tanzlehrerin trat gegen Minister an
Im März 1983 trat Brigitte Baczinski für den General-Anzeiger beim Wettbewerb „GA-Leser tippen gegen Prominente“ gegen den damaligen Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff an. Die Strücklinger Tanzlehrerin war, was die Fußball-Bundesliga betraf für Werder, denn sie stammte aus Bremen. Sie und der Minister lagen mit ihrem Tipp beide dreimal richtig, wie der GA unter der Überschrift „Unentschieden“ vermerkte. Brigitte Baczinski hat auch diese kleine Meldung sorgfältig ausgeschnitten und aufbewahrt.
Emma Hoten kommt ins Mandehuus. Ihr und ihrem Mann Hans gehört das Anwesen. Im Bürgertreff in Strücklingens Ortsmitte hatte die 78-Jährige früher ein Blumengeschäft. Hoten erinnert sich gut an das benachbarte Tanzstudio, hat sie doch dort gemeinsam mit ihrem Mann ebenfalls einen Tanzkurs absolviert. „Anfang der 80er muss das gewesen sein“, sinniert sie.
Jeder ging nach Strücklingen zum Tanzen
Das Trainer-Ehepaar sei nett gewesen. Engelbert Baczinski sei 15 Jahre älter gewesen als sie, was sie deshalb so genau wisse, weil er am selben Tag im August Geburtstag gehabt habe wie sie, erzählt Emma Hoten. Die Kurse in der Tanzschule seien „immer voll“ gewesen, sagt die Strücklingerin. „Jeder ging da hin“, weiß Marlies Jakobi. Der Saal mit Parkett und Spiegelwand, „das war eine Attraktion über Strücklingen hinaus.“
Die alten Fotos lassen modisch aufregende Zeiten wieder erwachen, in denen Tänzerinnen Tüll, Federboa und Glitzerpailletten auf bauschenden Röcken trugen. Das Tanzstudio brachte Glamour aufs Land.
Von Brigitte Baczinski, spätere von Pidoll, existiert ein Porträt, das die Ramsloherin Doris Waskönig von ihr angefertigt und ihr mit handgeschriebener Widmung geschenkt hat. Darauf trägt die Tanzlehrerin ein Schweißband unter der Igelfrisur, dazu Shirt, Leggins und Stulpen in Eiscreme-Farben: Aerobic war angesagt.
Archiv macht Vergangenheit lebendig
Es gibt Fotos von Strücklinger Kindern im Zwergenkostüm, erwachsene Tänzerinnen, verkleidet als Engelchen - und Fotos von vielen Paaren, die auf dem Strücklinger Parkett ihre Runden drehten.
Diese Zeiten sind lange vorbei. Doch dank Brigitte von Pidolls akribisch gepflegter Sammlung und der Pietät ihres Ex-Mannes, der sie aufbewahrte, lässt sich die vergnügte Geselligkeit, die damals herrschte, bis heute nachvollziehen.