Kulturhistorie
Friesoyther Pestschinken ist auf Wanderschaft
Der Friesoyther Pestschinken, ein Wahrzeichen der Stadt, ist auswärts: Das Trockenfleisch ist Sahnestück einer Ausstellung in Wittenberg. Er wird gar als „Biontech des 17. Jahrhunderts“ bezeichnet.
Friesoythe - Sein Fleisch ist vertrocknet, Fett und Schwarte sind steinhart, am Knochen hängt eine Schnur. Er misst 58 Zentimeter, und an seiner schwarz-braunen Hülle haftet schon längst kein Aroma mehr. In den vergangenen 350 Jahren hat der Friesoyther Pestschinken die Stadt noch nie verlassen. Jetzt ist er jedoch erstmals auf Reisen gegangen, weckt als „kurioses“ Exponat bundesweites Medieninteresse und wurde von einer großen Boulevard-Zeitung bereits als „Biontech des 17. Jahrhunderts“ bezeichnet.
„Pest – eine Seuche verändert die Welt“ heißt die Sonderausstellung im Augusteum Wittenberg, in Sachsen-Anhalt, die am 20. August eröffnet wurde und bis zum 20. Februar 2022 läuft. „Auch wenn der letzte Ausbruch auf europäischem Boden schon drei Jahrhunderte zurückliegt, ist sie bis heute gegenwärtig und taucht in jedem Mittelalterroman auf“, heißt es auf dem Informations-Flyer des Museums, in dem Kurator Mirko Gutjahr insgesamt 130 Objekte zusammengestellt hat, darunter die Leihgabe des Friesoyther Heimatvereins.
„Den brauchen wir unbedingt!“
Was die Skurrilität angeht, „ist er in unserer Ausstellung nicht mehr steigerbar“, betonte Gutjahr, der nur durch einen Zufall von der Existenz des Schinkens gehört hatte. Danach habe für ihn festgestanden: „Den brauchen wir unbedingt.“ Gutjahr nahm selbst die weite Fahrt nach Friesoythe auf sich, um das Stück abzuholen. Auf dem Rückweg warf der Archäologe und Historiker den Blick dann doch häufiger auf die gepolsterte Klimakiste. „Schließlich hat es auch geheißen, dass der Pestschinken verschwindet, sollte er von seinem angestammten Platz entfernt werden“, erklärt er schmunzelnd.
Der Sage nach steckt im Schinken die Pest. Als blaue Wolke war sie in die Stadt geströmt und hatte vielen den „schwarzen Tod“ gebracht. Dann war sie jedoch in den Schinkengefahren und wurde dort gebannt.
Vor Entsorgung bewahrt
Das dadurch unverweslich gewordene Stück Fleisch im Hause Wreesmann wechselte nach neuen Besitzverhältnissen auf einen Hof nach Schwaneburg und drohte nach dem Tod des Gutsbesitzers Dietrich Windberg, der das Wreesmann-Haus erbte, Anfang der 60erJahre „als Unrat vernichtet zu werden“, wie Heimatforscher Ferdinand Cloppenburg informierte.
Vor diesem Schicksal letztlich doch bewahrt, gelangte der Schinken stattdessen in die Obhut des Heimatvereins, der sein Alter durch eine Laboranalyse einordnen ließ. „Bolle so oltas use Stadt“, wie vom Friesoyther Oberpostmeister Fritz Bitter berichtet, der die Geschichte als Kind erzählt bekam, ist er danach wohl nicht, auch wenn die Jahreszahl 1350 nach wie vor auf dem Holzbrett eingraviert ist, auf dem sich das museale Relikt präsentiert.
Masterarbeit über den Schinken
An die vom Beamten in früheren Festreden zum Besten gegebene Version erinnert Alexander Reuter in seiner zum Buch gebundenen Masterarbeit, doch der Zeitraum 1640 bis 1670 sei laut der in Auftrag gegebenen, wissenschaftlichen Analyse wahrscheinlicher als 1350.
Mit der Sage, ihren fünf verschiedenen Aufzeichnungen und ihrem Bedeutungswandel hat sich Reuter, in Friesoythe geboren und aufgewachsen, zum Abschluss seines Studiums im Bereich Kulturwissenschaften, Erziehungs- und Bildungswissenschaften in Bremen beschäftigt. Seiner Auffassung nach lieferte die Sage eine„glaubhafte Erklärung für das damals medizinisch Unerklärliche“. Durch die privilegierte Platzierung des Schinkens als Erbstück auf dem Hof einer einflussreichen Familie „wurde er prominent“, und die Geschichte verbreitete sich auch über die Stadt hinaus. Reuters Masterarbeit, die er zusammen mit dem Waxmann-Verlag als Buch mit dem Titel „Dei Pestschinken is bolle so olt as use Stadt“ veröffentlichte, ist die jüngste Publikation über das getrocknete Stück Schweinefleisch.
Inoffizielles Wahrzeichen der Stadt
Nach dem Erwerb durch den Friesoyther Heimatverein fand der Pestschinken lange in der Marienschule eine Bleibe, bevor er 2008 ins Rathaus einzog. Er rangierte hinter dem Friesoyther Stadttor zeitweise als inoffizielles Wahrzeichen, die Sage war Thema im Unterricht sowie in Gedichten und nicht zuletzt auf Postkarten war er ebenfalls zu sehen.
Allerdings nur kurz, „da das für die Leute wohl nicht das ansprechendste Motiv war“, vermutet Wolfgang Letzel, Leiter des Postgeschichtlichen Museums.
Kanonenrohr und Schluckzettel
In Wittenberg reiht sich der Pestschinken nun in spannende Exponate, wie ein Kanonenrohr ein, mit dessen Schall man die in Wellen auftretende Seuche vertreiben wollte. Außergewöhnlich auch ein „Schluckzettel“ mit einem Heiligen oder einem Gebet darauf. Wer ihn sich einverleibte, sollte geschützt sein, lautete eine weitere vorwissenschaftliche Erklärung der Menschen.
Bis Februar läuft die Ausstellung in der Lutherstadt, dann kehrt der Friesoyther Schinken zurück, der bis dahin als Sahnestück die Besucher beeindruckt.