Fußball
Auch mit acht Fingern ein starker Rückhalt
Nikolai Schöneich hat als Torwart ein Alleinstellungsmerkmal, das wohl weit über Ostfrieslands Grenzen hinaus gilt. Der Keeper von Landesligist GW Firrel hat an der rechten Hand nur drei Finger.
Firrel - Nach der Geburt von Nikolai Schöneich erlebten seine Eltern Achim und Elke Schöneich bange Stunden. Unmittelbar vor der Entbindung hatten sich beim heute 21-Jährigen im Bauch seiner Mutter Bänder vom Inneren der Fruchtblase gelöst und sich um die Finger seiner rechten Hand sowie um den linken Arm gewickelt. Nach der Geburt folgten Operationen. Den rechten Zeige- und Ringfinger verlor Nikolai Schöneich, sein rechter Mittelfinger ist nicht voll ausgebildet. Man spricht vom Amniotisches-Band-Syndrom. Schöneichs linke Hand konnten die Ärzte hingegen retten. Als Erinnerung an das „Glück im Unglück“ ziert eine Narbe in Zickzack-Form seinen linken Unterarm wie eine Art Armband.
Das Handicap an der rechten Hand hält den in Augustfehn wohnenden jungen Mann nicht davon ab, seine Träume zu verfolgen. So wollte Nikolai Schöneich von Kindesbeinen an Fußball-Torwart werden. Es ist ihm bravourös gelungen, selbst mit nur acht Fingern ist er einer der besten Keeper der Region. In der kommenden Saison hütet er für den Landesligisten GW Firrel das Tor.
Zwischen Kreisklasse und Regionalliga
Als bei Nikolai Schöneich im zarten Alter von vier Jahren erneut eine Operation an der rechten Hand anstand – es war bis heute die letzte –, hatte er zur Vorbesprechung bereits einen Torwarthandschuh mit in die Klinik genommen. „Da muss meine Hand danach wieder hineinpassen“, hatte der damals große Fan von Torwart-Titan Oliver Kahn gesagt. Die Ärzte ermöglichten es.
Nikolai Schöneich war als Kind beim SV Gotano schon nicht mehr aus dem Tor zu kriegen. Nach zwei Jahren bei den B- und A-Junioren des TV Apen wollte er als 17-Jähriger noch leistungsorientierter spielen. So kam es zum Wechsel zum JFV Nordwest, der in der A-Junioren-Regionalliga spielte. Dort kam er allerdings nicht zum Einsatz – wohl aber beim VfB Oldenburg II in der Herren-Bezirksliga. Nach einem halben Jahr bei Bezirksligist SV Altenoythe wäre Schöneich fast schon Ende 2019 bei einem ostfriesischen Landesligisten gelandet – aber nicht bei GW Firrel, sondern bei Germania Leer. „Es scheiterte an den Forderungen von Altenoythe für mich an Germania.“ Nach der ersten Corona-Zwangspause hatte sich kein Wechsel zu einem Landesligisten ergeben, sodass Schöneich übergangsweise wieder mit seinen Kumpels beim TV Apen in der 2. Kreisklasse spielte. Im vergangenen Winter klopfte dann GW Firrel an. „Torwarttrainer Ralf Potthoff kenne ich schon lange. Er war in der Jugend mal mein Trainer in der Ammerland-Auswahl“, sagt der Blondschopf mit Zopf.
Keine Polsterung im Handschuh
Mit 1,80 Metern hat er nicht unbedingt ein Gardemaß für einen Torwart. „Das mache ich mit meiner Sprungkraft wett. Außerdem bin ich sehr beweglich und fußballerisch gut“, sagt Schöneich durchaus selbstbewusst. Das kommt nicht von ungefähr. In der Saisonvorbereitung wusste der Neuzugang zu überzeugen. Mindestens zum Saisonstart wird Schöneich das Firreler Tor hüten, da sein Konkurrent René Carstens mit einem Syndesmoseriss ausfällt. „Wir vertrauen ihm. Er ist auf einem Niveau mit René“, sagt Trainer Bernd Grotlüschen. So lange der Torwart Leistung bringt, sei es Grotlüschen egal, ob dieser zehn, acht oder fünf Finger hat.
Nikolai Schöneich selbst sieht sich im Torwartspiel durch sein Handicap nicht eingeschränkt. „Ich fühle mich mit der rechten Hand genauso sicher wie mit der linken.“ Und dennoch gesteht er: „Manchmal merke ich, dass ich an dem Ball dran bin. Ich bin es aber nicht wirklich, weil der Handschuh an der Stelle wegknickt.“ Schließlich sind die für den Ring- und Zeigefinger vorgesehenen Fächer des Handschuhs der rechten Hand leer. Einen „Finger-Ersatz“ durch eine Polsterung hat Schöneich nicht im Handschuh. Auch verzichtet er auf sogenanntes „Fingersafe“, das Stabilität bringen würde. „Es würde mich in meinem Ballgefühl einschränken“, begründet der 21-Jährige, der beruflich einen Weg einschlägt, den man aufgrund seines Handicaps nicht unbedingt erwarten würde.
Nikolai Schöneich macht eine Ausbildung zum Physiotherapeuten am Klinikum in Leer. „Die Techniken sind natürlich auf zehn Finger ausgelegt. Ich wandle sie entsprechend für mich um. Das klappt sehr gut.“ In seiner Handfehlbildung sieht er sogar einen Vorteil: „Mein rechter Mittelfinger ist etwas breiter und kräftiger als normal. Das kommt mir bei punktuellen Geschichten zugute. Wo andere zwei Finger für benötigen, brauche ich nur einen. Mit meinem Handicap habe ich ein Alleinstellungsmerkmal.“ Jenes hat er auch als Torwart in der Fußball-Szene Ostfrieslands – und wohl auch deutlich darüber hinaus.