Brandstiftung am Obersalzberg Feuer zerstört Kehlsteinhaus aus der Nazi-Zeit
Ein psychisch kranker Mann soll nach ersten Ermittlungsergebnissen den Brand gelegt haben. Ein Stück deutscher Geschichte ist damit erst einmal kaputt.
Es geht ganz schnell am Obersalzberg: Urplötzlich steht das Kehlsteinhaus - einst von den Nationalsozialisten für Adolf Hitler zu Repräsentationszwecken errichtet und inzwischen ein beliebtes Berglokal - lichterloh in Flammen.
Das Gebäude brennt in der Nacht zum Samstag fast vollständig nieder und wird völlig zerstört, Teile des Daches stürzen ein, wie auf von der Polizei veröffentlichten Bildern zu sehen ist. Der Schaden geht nach ersten Schätzungen in die Millionen.
Bis zu 200 Einsatzkräfte von Feuerwehr und anderen Hilfsorganisationen kämpfen stundenlang gegen das Feuer - aber auch gegen Kälte, Schnee und stürmischen Wind am Berg. Einige werden von dem Rest der Einsatzkräfte abgeschnitten, bauen sich Iglus, um sich vor der Kälte und den Schneeverwehungen in über 1.800 Metern Höhe zu schützen. Kurz vor 3.00 Uhr am Samstagmorgen müssen die Löscharbeiten vorübergehend abgebrochen werden.
In der Nacht zum Sonntag flammt das Feuer noch einmal auf, wieder schlagen meterhohe Flammen aus dem Gebäude. Erst am Sonntag können die Löscharbeiten vorläufig beendet werden.
Schwierige Festnahme
Parallel zur Arbeit der Feuerwehr schlägt die Polizei zu: Denn der Brand entspringt nicht einem Zufall, er wurde nach bisherigen Erkenntnissen wohl von einem Brandstifter gelegt. Am Berg kommt den Einsatzkräften ein Motorradfahrer entgegen, was verdächtig ist. Der Mann wird gestellt, er verströmt Brandgeruch, versucht auf seiner Maschine zu fliehen.
Polizisten schaffen es, ihn trotz widriger Umstände zu stellen. Bayerns oberster Polizeichef, Innenminister Joachim Herrmann (CSU), klatscht Beifall und lobt den Einsatz später: „Das war super.“
Der Festgenommene stellt sich laut den Ermittlern schnell als psychisch krank heraus, die Staatsanwaltschaft lässt ein psychiatrisches Gutachten anfertigen und beantragt die Unterbringung in einer forensischen Einrichtung für psychisch kranke Straftäter - der Ermittlungsrichter folgt dem Antrag. Der Mann mit Wohnsitz in Berlin, aber mit Verbindungen in die Region, wird noch am Samstag in eine geschlossene Psychiatrie gebracht.
Allzu viel über mögliche Beweggründe und Hintergründe des 33 Jahre alten Deutschen wollen die Ermittler nicht preisgeben - auch weil viele seiner Aussagen wegen der augenscheinlichen Erkrankung nicht belastbar erscheinen, wie Rainer Vietze, Sprecher der Staatsanwaltschaft Traunstein, berichtet. Schnell kursieren vor allem auf Social-Media-Kanälen Gerüchte über angebliche Vorgeschichten - die Behörden bestätigen davon nichts.
Hitlers „Eagles Nest“
Das Kehlsteinhaus, ein Täterort der Nazis, war in den 1930er Jahren von den Nationalsozialisten als Teil des von Adolf Hitler genutzten Komplexes am Obersalzberg erbaut worden und wird inzwischen als frei zugängliche Berggaststätte genutzt. Bei schönem Wetter eröffnet sich ein herrlicher Blick auf die Alpen. International ist das heutige Ausflugsziel als „Eagles Nest“ bekannt, was mit „Adlerhorst“ übersetzt werden kann.
Das historisch bedeutsame und jedes Jahr von Zehntausenden Menschen besuchte Haus soll nach den Worten Herrmanns wieder aufgebaut werden: „Wir werden da kaum eine Ruine stehen lassen können.“ Der Freistaat Bayern ist Eigentümer, verwaltet wird das 1.834 Meter hoch gelegene Berglokal von der kommunalen Berchtesgadener Landesstiftung, die es in Nießbrauch unterhält.
Historiker an Wiederaufbau beteiligen
Herrmann hat zuvor betont, das Haus sei gut versichert, mögliche Ansprüche gegenüber der Versicherung würden bereits geprüft. Der Wiederaufbau werde einige Zeit dauern, nach einer vernünftigen Lösung werde gesucht. Wegen des historisch schwierigen Bezuges sollen auch Historiker einbezogen werden.
Rasch ist klar, dass an dem historisch bedeutsamen Haus enormer Sachschaden entstanden ist. „Der Schaden geht sicher in die Millionen“, sagt der Vorsitzende des Zweckverbands Bergerlebnis Berchtesgaden, Bartl Wimmer. Menschen werden bei dem Brand nach ersten Erkenntnissen nicht verletzt. Allerdings konnte das Areal auch am Samstag zunächst nur mit schwerem Atemschutz betreten werden, was die Suche zusätzlich erschwerte.
Die in der Brandnacht zunächst unterbrochenen Löscharbeiten sind am Samstag und Sonntag weitergegangen. Sie haben sich als ausgesprochen schwierig gestaltet, nach Wimmers Darstellung haben die Feuerwehrleute teils unter Lebensgefahr agiert. Unter anderem behinderten Regen und Schneefall den Einsatz.
Auch mit der Zufuhr von ausreichend Löschwasser habe es Probleme gegeben, sagt Herrmann. Die Löschzüge haben 700 Höhenmeter überwinden und sich dabei die steile Kehlsteinstraße hinaufquälen müssen - ein Löschhubschrauber konnte nicht eingesetzt werden. Die Fahrzeuge mit Löschwasser sind im Pendelverkehr gefahren.
Das Haus am Obersalzberg unweit der Grenze zu Österreich ist schwer zu erreichen - normalerweise wird das Kehlsteinhaus mit Bahnbussen der sogenannten Kehlsteinlinie für die vielen Touristen aus dem In- und Ausland angesteuert. Die letzten 100 Höhenmeter überwindet ein Lift durch den Berg oder ein Fußweg. Laut Deutscher Bahn dauert die Auffahrt 20 Minuten und verläuft durch fünf Tunnel. Das Gebiet wurde weiträumig abgesperrt.
Erbaut in NS-Zeit
Das Gebäude ist seit 1952 eine Berggaststätte. Es wurde 1938 fertiggestellt und befand sich in einem damals abgeriegelten und für die Öffentlichkeit gesperrten Wohn- und Regierungsareal der nationalsozialistischen Führung. Eine Ausstellung dort widmet sich der Geschichte des Gebäudes.