Spazieren zum Connecten Gemeinsam statt einsam: Warum es Clubs zum Spazieren gibt

Robert Michael (Foto) und Jennifer Kramer (Text)
|
Von Robert Michael (Foto) und Jennifer Kramer (Text)
| 10.10.2026 04:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Teilnehmer des Spazierclubs laufen am Abend durch Dresden. Foto: Robert Michael/dpa
Teilnehmer des Spazierclubs laufen am Abend durch Dresden. Foto: Robert Michael/dpa
Artikel teilen:

Vom mulmigen Gefühl zur neuen Clique: Wie das Spazieren durch die eigene Stadt dabei helfen kann, neue Menschen kennenzulernen.

Eine Kolonne von Spaziergängern zieht an einem Freitagabend durch die Dämmerung in der Dresdner Innenstadt. Junge und ältere Menschen laufen nebeneinander. Manche halten einen Getränkebecher in der Hand, einige sind mit Lichterketten geschmückt, andere haben ihre Hunde dabei. In kleinen Gruppen unterhalten sie sich - hier noch verhalten, dort schon lebhaft.

Was Passanten hier in der Dresdner Innenstadt beobachten können, ist der noch junge Dresdner Spazierclub, den Konrad Höferth nach eigenen Angaben im Juli dieses Jahres ins Leben gerufen hat. „Einfach, weil ich selber Lust hatte, neue Leute kennenzulernen, weil mein Freundeskreis schon sehr begrenzt ist“, sagt Höferth. Alle Freunde, die er habe, kenne er über die Arbeit.

Neues Format, aber kein Boom

Spazierclubs werden über Social Media bekannt: Nach und nach gibt es sie in immer mehr Städten, zum Beispiel auch in Berlin, Leipzig, Frankfurt am Main, Hamburg oder Oldenburg. Zum Teil kommen nach Veranstalterangaben Hunderte Menschen zusammen. 

Trotz der schnellen Verbreitung: Von einem Boom der Clubs würde der Sport- und Sozialpsychologe Jens Kleinert von der Deutschen Sporthochschule in Köln nicht sprechen: „Ich würde einfach von einem neuen Format reden, was einfach die gesamte Bandbreite von möglichen Angeboten auf eine schöne, nette Art ergänzt.“

Eine Überwindung, Leute anzusprechen

In Dresden kennt ein sogenanntes Awareness-Team die Route, führt die Gruppe und steht jederzeit als Ansprechpartner zur Verfügung. Ein Moderator stellt unterwegs Fragen oder Aufgaben, damit die Teilnehmer ins Gespräch kommen. „Alle wollen das Gleiche und trauen sich bloß nicht. Wir sorgen dafür, dass das eben nicht das Hindernis ist, dann wirklich neue Leute kennenzulernen“, erklärt Höferth diese Hilfestellungen. „Ab der Hälfte vom Walk hat wirklich jeder jemanden zum Quatschen und vielleicht sogar schon einen neuen Freund kennengelernt.“

Die 26-jährige Vi-Anh hat den Club auf Instagram entdeckt und ist seit dem zweiten Spaziergang dabei. Zu ihrem ersten Treffen wollte sie mit einer Freundin kommen. Die sagte jedoch ab, also ging sie allein. „Ich hatte dann echt ein mulmiges Gefühl am Anfang, aber das ging dann ganz schnell weg“, erinnert sie sich. „Es hat dort keine zwei Minuten gedauert, bis mich die ersten angesprochen haben.“ Inzwischen habe sie durch den Spazierclub auch schon neue Freunde kennengelernt.

Bewegung erleichtert Kontakt

Spaziert werde hier nicht, um Schritte zu sammeln, erklärt Höferth: „Es soll eben eigentlich mehr ums Connecten gehen und das Spazieren ist einfach so der Grund, wieso man sich trifft.“ Deshalb spaziert die Gruppe auch nur rund drei Kilometer weit. „Das schafft jeder“, meint Höferth. 

Konrad Höferth hat den Spazierclub in Dresden diesen Sommer gegründet. Foto: Robert Michael/dpa
Konrad Höferth hat den Spazierclub in Dresden diesen Sommer gegründet. Foto: Robert Michael/dpa

„Bewegung erleichtert Kontakt insofern, weil man eine gemeinsame Tätigkeit ausführt. Und das ist natürlich immer einfacher, als wenn man sich irgendwie nur treffen würde, um sich zu treffen, sondern man trifft sich, um etwas zusammen zu tun“, erklärt Sport- und Sozialpsychologe Kleinert. 

Er sieht auch in den niedrigen Leistungsansprüchen einen Faktor für die Beliebtheit von Spazierclubs. Die seien eine Art Gegenprogramm zu leistungsorientierten Trendsportarten wie Hyrox oder CrossFit, sagt er.

Ein Format, an dem alle teilnehmen können

Höferth will die Teilnahme möglichst niedrigschwellig gestalten. Deshalb seien die Routen kurz und barrierefrei. Er suche für jeden Spaziergang Sponsoren, um Getränke und Snacks anbieten zu können.

Nelly ist Teil von Höferths Awareness-Teams und läuft bei jedem der Spaziergänge mit. „Ich bin da mit meinen 45 Jahren so ein bisschen die Mutti“, scherzt sie. Sie habe es sich besonders zur Aufgabe gemacht, „dass man immer schön beeinträchtigte Menschen im Blick behält oder auch die ältere Generation, dass es halt barrierefreie Routen gibt“. Laut Veranstalter Höferth sind bei jedem Walk auch Rollstuhlfahrer dabei. 

Spazieren gegen Einsamkeit 

Experte Kleinert erklärt, dass Einsamkeit in der Gesellschaft ein stärker gewordenes Problem sei, das Angebote wie die Spazierclubs zu kompensieren versuchten. Laut einer Panelstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Jahr 2025 fühlen sich 19 Prozent der Deutschen manchmal oder häufiger einsam – vor der Pandemie seien es lediglich 14 Prozent gewesen.

Laut Höferth spielt dabei auch Social Media eine Rolle. Er schildert: „Man kann sich mit jedem super easy connecten, aber man ist halt eben nur so oberflächlich und nicht im Real Life befreundet.“ Das bekomme er im Spazierclub so auch gespiegelt. Kleinert sagt dazu, es reiche den Menschen nicht, Kontakte über Social Media zu haben. „Das ist etwas anderes, als den leiblichen Kontakt zu haben und jemanden wirklich neben sich zu spüren.“

Ähnliche Artikel