Unfall „Geschockt“: Vier junge Mopedfahrer nach Überholmanöver tot
Ein Autofahrer rast in Brandenburg beim Überholen in eine Gruppe junger Mopedfahrer. Vier Menschen sterben. Sie waren wie viele Teenager auf dem Land mit Mopeds unterwegs. Eine Region ist geschockt.
Ein Autofahrer überholt auf der Landstraße riskant und kracht mit einer Gruppe von Teenagern auf ihren Mopeds zusammen - vier junge Menschen sterben. Der Horror-Unfall am Mittwochabend im nordöstlich von Berlin gelegenen Biesenthal erschüttert eine ganze Region. Das jüngste Opfer ist erst 14.
Die Eltern der getöteten Jugendlichen, zahlreiche Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und viele weitere Menschen kamen am Abend zu einer Gedenkveranstaltung in die Marienkirche im benachbarten Bernau. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Viele standen vor dem Eingang. Drei Pfarrer leiteten die Andacht.
„Alle sind total geschockt. Das ist eine ganz schlimme Tragödie“, hatte Biesenthals Bürgermeister Carsten Bruch (CDU) zuvor gesagt. Viele Blumen und Kerzen liegen am Tag nach dem Unfall an der freigeräumten Unfallstelle, Trauernde halten dort inne. Schwarz verkohltes Gras ist noch im Straßengraben zu sehen, gelbe Markierungen auf dem Asphalt sollen das Unfallgeschehen festhalten.
Woidke spricht sein Mitgefühl aus
Auf der Plattform Instagram äußerte sich am Nachmittag auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). „Heute fehlen vier junge Menschen in ihren Familien, in ihren Freundeskreisen, in ihrer Nachbarschaft“, schrieb er über das Profil der Staatskanzlei. „Für ihre Familien und Freunde ist von einem Moment auf den anderen nichts mehr wie zuvor. Dafür gibt es keine passenden Worte. Ich möchte allen, die trauern, mein tief empfundenes Mitgefühl aussprechen.“
In einem Pendlerland wie Brandenburg gehören Verkehrsunfälle zum Alltag, doch der Einsatz am Mittwochabend nahe der Kleinstadt Biesenthal ist auch für die Rettungskräfte besonders belastend. Notfallseelsorger und speziell geschulte Teams betreuen Einsatzkräfte, aber vor allem Angehörige, die am Abend an der Unfallstelle sind.
Ermittlung wegen fahrlässiger Tötung
Vier junge Menschen sind tot - nach Angaben der Polizei ein 14-jähriges Mädchen, die auf einem Moped mitfuhr, und drei Jungs im Alter von 15, 16 und 19 Jahren. Der 61 Jahre alte Autofahrer kommt schwer verletzt mit einem Rettungshubschrauber in ein Berliner Krankenhaus. Gegen ihn ermittelt die Polizwei wegen fahrlässiger Tötung. Der Unfallhergang soll von Gutachtern rekonstruiert werden.
Die Polizei teilt nach bisherigen Erkenntnissen mit, dass der Autofahrer mehrere vorausfahrende Fahrzeuge überholen wollte. Wie schnell er dabei war, sagt sie zunächst nicht. Der Wagen kracht auf drei entgegenkommende Mopeds, überschlägt sich und brennt aus.
Ein Moped-Fahrer kann ausweichen
Der Fahrer eines vierten Mopeds kann noch ausweichen und bleibt nach Angaben der Polizei unverletzt. „Er wird ein wichtiger Zeuge sein“, sagt ein Sprecher. Ihm soll angesichts der Tragik aber auch Zeit gegeben werden, bevor er ausführlich befragt werde. Die beteiligten Fahrzeuge - Auto und Mopeds - sind für die Ermittlungen der Kriminalpolizei beschlagnahmt.
Gerade im ländlichen Raum hätten viele junge Menschen die Mopeds der Marke Simson wiederentdeckt, erzählt Bürgermeister Bruch. Die zu DDR-Zeiten in Suhl produzierten Mopeds der Marke Simson wie die Schwalbe oder die S51 sind für viele Liebhaber Kult. Er habe selbst einen 15 Jahre alten Sohn, der mit einer sogenannten Schwalbe unterwegs sei, sagte Bruch. „Das geht einem sehr nah.“
Es müsse sich um ein „riskantes Überholmanöver“ gehandelt haben, meint Bruch. Auf der Strecke sei eine Geschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde erlaubt. Es handele sich um eine gerade Strecke mit einer Senke, die eigentlich gut einzusehen sei. Laut Erkenntnissen des Verkehrsministeriums in Potsdam soll es sich bei der Unfallstelle auf der Landstraße L 200 nicht um einen Unfallschwerpunkt handeln.
Dekra: Fehleinschätzung oft Unfallursache
Der genaue Unfallhergang ist aber noch unklar. Unfallforscher der Prüforganisation Dekra betonen allgemein: „Überholmanöver sind eine der kritischsten Fahrsituationen überhaupt. Beim geringsten Zweifel ist Überholen deshalb keine Option.“ Unfälle beim Überholen seien häufig das Ergebnis von Fehleinschätzungen.
Der Landrat des Kreises Barnim, Daniel Kurth, spricht tief erschüttert von einem „furchtbaren Unglück“. Der Landkreis biete den betroffenen Schulen Hilfe an. Zudem wurde Trauerbeflaggung an Schulen und Dienststellen des Landkreises angeordnet. Bis Freitag sollen die Fahnen als Zeichen der öffentlichen Trauer auf halbmast wehen. Eine große geplante Tanzparty am Wochenende wurde abgesagt.
Unterstützung auch für die Einsatzkräfte
Brandenburgs Verkehrsminister Robert Crumbach (SPD) zeigt sich erschüttert: „Meine Gedanken sind bei ihren Familien und Freunden. Ihnen gilt mein tiefes Mitgefühl.“
Auch die Einsatzkräfte sollen Unterstützung bekommen. Sie hätten Bilder sehen müssen, die sie bislang nicht gekannt hätten, meint Bürgermeister Bruch. Der Kriseninterventionsdienst sei schon am Unfallabend bis 2.00 Uhr morgens bei den Feuerwehren gewesen.