Neu im Kino Bildgewaltige Romanverfilmung: „Corpus Delicti“
Mit „Corpus Delicti“ landete Juli Zeh einen Bucherfolg. In manchen Bundesländern ist der Gesundheitsdiktatur-Roman Pflichtlektüre. Jetzt wurde er verfilmt. Wie macht sich der Stoff auf der Leinwand?
Zwei Kinder sitzen auf dem Boden und spielen Erkältung. Sie benutzen Pfeffer, um einen Nieser auszulösen. Wie es sich anfühlt, krank zu sein, kennen sie nicht. Denn sie leben in einer Gesellschaft, in der die Gesundheit die oberste Maxime des alltäglichen Lebens ist. Es gibt keine Schlaganfälle mehr, keinen Krebs, keine Krankheiten. Der Preis dafür ist hoch: vollkommene Überwachung, ein Leben in der Diktatur.
Das ist die Ausgangslage des neuen Kinofilms „Corpus Delicti“ von Lena Stahl, der am 1. Oktober in die Kinos kommt. Der Film beruht auf Juli Zehs gleichnamigem dystopischem Roman, der in der Corona-Pandemie als „Buch der Stunde“ bezeichnet und in einigen Bundesländern Pflichtlektüre fürs Abitur wurde. Zeh hat die Verfilmung beratend begleitet.
Mit Schauspielern wie Hannah Herzsprung („15 Jahre“), „Maxton Hall“-Star Damian Hardung und Christian Friedel („The Zone of Interest“) ist die Verfilmung prominent besetzt. In weiteren Rollen sind Alexander Fehling („Im Labyrinth des Schweigens“) und Haley Louise Jones („Liebes Kind“) zu sehen.
Schokolade essen wird bestraft
Die Geschichte spielt in einer nahen Zukunft, in der die Staatsform, die sogenannte „Methode“, den Menschen ein Leben in Gesundheit und Sicherheit garantiert, ihnen dafür aber ihre Freiheit abverlangt.
Anstatt mit „Hallo“ grüßen die Menschen sich mit „Santé“. Beim Händewaschen wird automatisch der Hygienestatus gecheckt. Ein Chip unter der Haut misst permanent alle Gesundheitsparameter. Die persönliche KI gibt freundliche Hinweise, wenn es mal wieder Zeit für ein Glas Wasser ist. Wer gegen die strengen Regeln verstößt und zum Beispiel Schokolade ist, bekommt Punkte abgezogen.
Im Zentrum der Handlung stehen die renommierte Neurologin Mia Holl (Hannah Herzsprung) und ihr Bruder Moritz Holl (Damian Hardung). Mia Holl ist treue Methoden-Anhängerin und hält das System für unfehlbar. Ihr Bruder hingegen ist Freigeist und Systemkritiker. Nachts begibt er sich heimlich ins Sperrgebiet, um mit seinen Freunden Zeit in der Natur zu verbringen. Als Moritz des Mordes angeklagt wird, geraten die Glaubenssätze seiner Schwester ins Wanken.
Mia hält die Methode für unfehlbar, glaubt aber an die Unschuld ihres Bruders - und das, obwohl es ein eindeutiges Indiz für die Straftat gibt: An der Leiche wurden DNA-Spuren von Moritz gefunden.
Als Corpus Delicti bezeichnet man in der Rechtssprache das Beweisstück für eine Straftat. Vor Gericht versucht Mia, den Staat von Moritz Unschuld zu überzeugen und gerät dadurch selbst in Gefahr. An ihrer Seite, der Pflichtverteidiger ihres Bruders, Lutz Rosentreter (Christian Friedel), ein Mitläufer mit Alkoholproblem und wenig Ambitionen (zunächst).
Imposantes Szenenbild
Die Verfilmung ist eine Hochglanz-Produktion mit imposantem Szenenbild. Die brutalistischen Betongebäude vermitteln ein permanentes Gefühl der Bedrohung, die grau-beigen Farben vieler Szenen versinnbildlichen die Gleichstellung und Eintönigkeit eines perfekt kontrollierten Alltags. Die dramatische Orchestermusik tut ihr Übriges.
Visuell ist der Film fürs Kino gemacht, dramaturgisch betrachtet könnte „Corpus Delicti“ allerdings auch gut am Sonntagabend im Fernsehen laufen. Der Spannungsbogen wird sehr schnell aufgebaut, dann aber etwas überstrapaziert. Insgesamt fehlt es an Handlung.
Oscar-Preisträger sorgte für das überzeugende Szenenbild
Authentisch dargestellt ist die enge Geschwisterbeziehung zwischen Mia und Moritz Holl, die Hannah Herzsprung und Damian Hardung gut verkörpern. Eine Woche lang probten die zwei Schauspieler vor Drehbeginn zusammen am Set.
Auch hinter der Kamera arbeitete ein bemerkenswertes Team. Für das Szenenbild ist Oscar-Preisträger Christian M. Goldbeck („Im Westen nichts Neues“) verantwortlich. Die Musik kommt vom Oscar-prämierten Komponisten Volker Bertelmann („Im Westen nichts Neues“) und Lennart Saathoff („A House of Dynamite“). Kameramann Philipp Haberlandt hat schon für „Babylon Berlin“ und die dystopische Serie „Black Mirror“ gedreht.
Geschickte Anspielung auf Netflix-Serie „Black Mirror“
In „Corpus Delicti“ gibt es sogar eine kleine Anspielung auf die erfolgreiche Netflix-Serie. In einer Szene erklingt der Song „Anyone who knows what love is (will understand)“ von Irma Thomas. Für Fans ist der Song untrennbar mit „Black Mirror“ verbunden, wo er über mehrere Staffeln hinweg immer wieder als Easter Egg auftaucht. Ein Hauch von „Blade Runner“-Feeling liegt zudem über jenen Szenen, in denen der Journalist Heinrich Kramer (Alexander Fehling) bei Neonlicht in einer Suppenküche sitzt.
Auf typische Science-Fiction-Elemente wie fliegende Autos, Roboter oder Cyborgs verzichtet „Corpus Delicti“ allerdings. Die Welt von Mia und Moritz Holl sieht der unseren sehr ähnlich.