Radsport „Stayin alive“ - Saison für Radstar Pogacar gelaufen
Der Radsport verliert für den Rest der Saison seine größte Attraktion. Weltmeister Pogacar stürzt bei der Vuelta schwer und erleidet Knochenbrüche sowie eine Gehirnerschütterung.
Als der schwer lädierte Radstar Tadej Pogacar am Morgen nach dem Horror-Sturz bei der Vuelta im Krankenhaus von Barcelona aufwachte, hatte er seinen Humor wiedergefunden. Unterlegt mit dem Bee-Gees-Klassiker „Stayin Alive“ schickte der Tour-de-France-Champion Grüße aus dem Krankenbett an seine Fans.
Die Folgen seines heftigen Crashs vom Vortag auf der breiten Landstraße CV 675 in der Nähe von Valencia waren auf dem Post bei Instagram deutlich zu sehen. Sein Nacken ist dabei mit einer Halskrause geschützt, dazu wurden die Wunden am Kopf, an der Schulter und an der Hand verarztet. Entsprechend gequält schaute der Weltmeister drein. Kein Wunder, ist doch seine so mit 22 Siegen überaus erfolgreiche Saison abrupt auf dem spanischen Asphalt zu Ende gegangen.
Brüche und Gehirnerschütterung
Denn nach der eingehenden medizinischen Untersuchung hatte Pogacar die traurige Gewissheit. Der 27-Jährige erlitt einen verschobenen Bruch des linken Schlüsselbeins und einen stabilen Bruch des siebten Halswirbels. Außerdem trug der Weltmeister eine Gehirnerschütterung und zahlreiche Abschürfungen davon. „Er wird eine Operation am Schlüsselbein benötigen. Dieser Eingriff wird jedoch aufgrund der bei einer Gehirnerschütterung gebotenen Vorsichtsmaßnahmen zunächst zurückgestellt“, sagte UAE-Teamarzt Adrian Rotunno.
Noch am Abend war Pogacar per Krankenwagen laut übereinstimmenden Medienberichten nach Barcelona gebracht worden. Dort soll er auch operiert werden.
Aus für WM, EM und Lombardei-Rundfahrt
In dieser Saison wird Pogacar kaum mehr ins Renngeschehen eingreifen. Bei einem Schlüsselbeinbruch ist mit einer sechswöchigen Pause zu rechnen. Seinen Titel beim WM-Straßenrennen in Montreal am 27. September wird er nicht verteidigen können. Eine Woche später wird die EM in seiner slowenischen Heimat ausgetragen. Der letzte Höhepunkt der Saison ist am 10. Oktober die Lombardei-Rundfahrt, die der Slowene zuletzt fünfmal in Serie gewann.
Der Radsport muss für den Rest der Saison auf seine größte Attraktion verzichten. „Der Sturz des Königs“, schrieb die italienische „Gazzetta dello Sport“ und erinnerte an den Spanier Luis Ocaña, der 1971 im Gelben Trikot bei der Tour der auf der Abfahrt vom Col de Menté stürzte und aufgeben musste. Für das französische Sportblatt „L’Equipe“ war es „eine grausame Laune des Schicksals“.
Was war passiert? Pogacar fuhr 32,8 Kilometer vor dem Ziel auf der linken Straßenseite, geschützt hinter seinen Teamkollegen, ehe er einen Schlenker machte und kopfüber zu Fall kam. Offenbar hatte Pogacar gerade zur Trinkflasche gegriffen, als er über einen Gegenstand fuhr. Womöglich ein Stein, es gibt aber auch Bilder von einem kleinen schwarzen Teil, das ein Akku von einer Kamera sein könnte.
„Niemand trägt die Schuld. So etwas passiert im Radsport“, sagte Sportdirektor Matxin Fernandez und schilderte die Situation: „Zunächst wollte er weiterfahren, doch dann spürte er den Schmerz. Als wir sahen, dass er nicht mehr aufs Rad steigen konnte, beschlossen wir, ihn direkt in den Krankenwagen zu schicken.“
Pogacar hatte ersten Vuelta-Sieg vor Augen
Dabei war der 27-Jährige auf dem besten Weg, erstmals die Vuelta zu gewinnen. Nach drei Etappensiegen lag er vor der achten Etappe in der Gesamtwertung bereits 3:50 Minuten vor dem Spanier Enric Mas. Die Spanien-Rundfahrt ist die einzige Grand Tour, die Pogacar in seiner Siegerliste noch fehlt. Ende Juli hatte er zum fünften Mal die Tour gewonnen, dazu gewann er 2024 den Giro d’Italia.
Nach dem Aus von Pogacar rückte Mas an die Spitze der Gesamtwertung, das Rote Trikot wollte er sich aber nicht überstreifen. „Es ist ein trauriger Tag. Ich hoffe, dass er schnell wieder gesund wird“, sagte der Mallorquiner. Plötzlich darf sich auch der zweitplatzierte Altstar Primoz Roglic Hoffnungen auf seinen fünften Gesamtsieg machen, womit er alleiniger Rekordhalter wäre.
Schwere Stürze haben bei Pogacar Seltenheitswert. 2023 war der Ausnahmekönner beim Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich gestürzt und hatte dabei einen Kahnbeinbruch erlitten. Ansonsten gingen die wenigen Stürze des Tour-Champions eher glimpflich aus, wie 2025 bei der Tour. Bei Rundfahrten hatte Pogacar bei 50 Starts das Rennen auch jeweils beendet.
Glück bei Abfahrt vom Puerto El Bartolo
Am Donnerstag hatte Pogacar noch Glück, als er sich auf der Abfahrt des Puerto El Bartolo versteuert hatte und in die Botanik musste. Bei dem Vorfall konnte er sich aber auf dem Rad halten und die Fahrt sofort wieder aufnehmen.
Die Bilder vom Samstag erinnerten ein wenig an die Szenen seiner Rivalen Jonas Vingegaard und Florian Lipowitz. Beide waren bei der Tour gestürzt und hatten jeweils einen Schlüsselbeinbruch erlitten. Vingegaard hat inzwischen seine Saison schon beendet. Bei Lipowitz ist noch unklar, ob er diese Saison noch einmal eingreifen wird.