Nach Erdbeben in Kolumbien Mit Hilfsflügen über den Dschungel ins Erdbebengebiet

Philipp Znidar, dpa
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Von Philipp Znidar, dpa
| 16.08.2026 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Hilfslieferungen werden nach dem Erdbeben in betroffene abgelegene Gebiete gebracht. Foto: Philipp Znidar/dpa
Hilfslieferungen werden nach dem Erdbeben in betroffene abgelegene Gebiete gebracht. Foto: Philipp Znidar/dpa
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Mit einer Propellermaschine fliegt der Deutsche Gerhard Thyben Hilfe in abgelegene Orte an Kolumbiens Pazifikküste. Nach dem Erdbeben sind viele abgelegene Gemeinden nur per Flugzeug erreichbar.

Unter der einmotorigen Propellermaschine liegt der dichte, sattgrüne Regenwald des kolumbianischen Pazifikraums. An Bord sind Medikamente, Windeln und Toilettenpapier für Menschen, die nach dem schweren Erdbeben vom vergangenen Montag dringend Hilfe brauchen - doch auf dem Landweg nicht zu erreichen sind. Ziel ist Pizarro, ein abgelegenes Fischerdorf im Departamento Chocó nahe dem Epizentrum.

Am Steuer des kleinen Flugzeugs sitzt der Deutsche Gerhard Thyben, ehemaliger Honorarkonsul und Vorstandsmitglied der Deutschen Schule in Cali. Für ihn ist der Flug mehr als ein Hilfseinsatz. „Ich kann meine Leidenschaft zum Fliegen hier voll ausnutzen und an die verschiedensten Orte kommen, die völlig abgeschnitten sind“, sagt er der Deutschen Presse-Agentur. „Das gibt eine unheimliche Genugtuung.“

Der Deutsche Gerhard Thyben bringt als ehrenamtlicher Pilot Hilfslieferungen in vom Erdbeben betroffene abgelegene Gebiete. Foto: Philipp Znidar/dpa
Der Deutsche Gerhard Thyben bringt als ehrenamtlicher Pilot Hilfslieferungen in vom Erdbeben betroffene abgelegene Gebiete. Foto: Philipp Znidar/dpa

Kurz darauf landet die Maschine in Pizarro. Die schwüle Hitze ist sofort zu spüren. Zwischen einfachen, meist einstöckigen Häusern ziehen sich unbefestigte Wege durch den Ort, dahinter beginnt der dichte Regenwald. Pizarro liegt in einer der niederschlagsreichsten Regionen der Welt, direkt an der Pazifikküste. Die Bevölkerung ist überwiegend afro-kolumbianisch geprägt, viele Menschen leben von Fischerei und Landwirtschaft.

Einige Gebäude haben durch das Beben Schäden davongetragen. Vielerorts sind Risse in den Häusern zu sehen. Die Zerstörungen sind allerdings weniger gravierend als in den besonders stark betroffenen Städten wie Cali und anderen Orten in der Region. „Pizarro selbst ist ja nicht so in Mitleidenschaft gezogen worden, aber es gab zwei Tote“, sagt Thyben. Ein Grund könnte sein, dass Pizarro überwiegend aus kleinen, einstöckigen Häusern besteht und es kaum größere Gebäude gibt. 

Die Gebäude in Pizarro haben nach dem Erdbeben Schäden davongetragen. Foto: Philipp Znidar/dpa
Die Gebäude in Pizarro haben nach dem Erdbeben Schäden davongetragen. Foto: Philipp Znidar/dpa

Das Beben ist dennoch unmittelbar präsent. Der Bewohner Alexander Moreno erinnert sich an den Moment. „Die Leute sind gerannt, alle verzweifelt, um ihre Familien zu suchen“, erzählt er. Er selbst habe nicht gewusst, ob er bei seinen Eltern bleiben oder zur Schule fahren solle, um seine Kinder zu holen. „Die Wahrheit ist, es war eine sehr schwierige Situation für mich.“

Abgeschnitten vom Rest des Landes

Pizarro liegt an der Mündung des Río Baudó direkt am Pazifik. Wer von hier in die größere Stadt Buenaventura will - den wichtigsten Hafen Kolumbiens an der Pazifikküste -, muss mehrere Stunden mit dem Boot unterwegs sein. Eine Straßenverbindung gibt es nicht.

Genau diese Abgeschiedenheit macht die Versorgung nach dem Erdbeben schwierig. Von Pizarro aus werden die Hilfslieferungen auch in weitere besonders betroffene ländliche Gebiete gebracht. Ein Gemeindemitglied koordiniert die Lieferungen, die dann etwa mit dem Boot oder Motorrad in die einsamen Gegenden gebracht werden.

Die abgelegene Pazifikregion ist ohnehin schwer zugänglich. Hinter der Küste liegen dichter Regenwald und hohe Berge. Straßen zu bauen ist dort vielerorts kaum möglich. Auch für die ehrenamtlichen Piloten sind die Flüge anspruchsvoll. „Es ist nicht ungefährlich“, sagt Thyben. Die Maschine sei einmotorig, in den Bergen sei man mit dem kolbengetriebenen Motor „immer am Limit“.

Der sattgrüne Regenwald. Foto: Philipp Znidar/dpa
Der sattgrüne Regenwald. Foto: Philipp Znidar/dpa

Zwei Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen

Thyben weiß aus eigener Erfahrung, was die Menschen bei und nach dem Beben durchmachen. In der Großstadt Cali erlebte er die Erschütterungen selbst. „Das Beben als solches war irrsinnig lang, fing aber ganz zahm an“, erzählt er. Dann sei es stärker geworden. Menschen im Haus hätten geschrien und begonnen zu beten. Er sei in den Garten gegangen. Nebenan hätten Hochhäuser geschwankt, Putz sei von den Fassaden gefallen.

„Da hört man das richtig knacken und das sah wirklich bedrohlich aus“, erzählt er. Besonders eindrücklich sei die Länge des Bebens gewesen: „Zwei Minuten, wenn die Erde bebt, da dreht man durch, das ist wie eine Ewigkeit.“

Zunächst bekam Thyben in seinem eigenen Viertel wenig von den Schäden mit. Erst als er später durch Cali fuhr, erkannte er das Ausmaß. „Ich habe es im ersten Moment überhaupt nicht glauben können. Ich habe gedacht, meine Güte, was ist denn hier passiert?“ Je weiter er nach Süden fuhr, desto schlimmer wurde das Bild. Viele Gebäude waren stark beschädigt, einige komplett eingestürzt.

Der in Cali geborene 70-Jährige hat schon mehrere Erdbeben erlebt. Doch diesmal sei ihm zum ersten Mal bewusst geworden, „wie fragil das ganze Leben ist“. Das, was man besitze, sei „so vergänglich“. Auch dort, wo Thyben seit Jahren engagiert ist, hinterließ das Beben Spuren: Die Deutsche Schule in Cali sei betroffen und brauche dringend Unterstützung, sagt er.

Ein Netzwerk für die abgelegenen Orte

Die Hilfsflüge organisiert Thyben gemeinsam mit der Patrulla Aérea Civil del Pacífico - die Zivile Luftpatrouille des Pazifikraums. Die Organisation besteht seit Jahrzehnten. Angefangen hat sie mit der Suche nach abgestürzten Flugzeugen. Heute stellen private Flugzeugbesitzer ihre Maschinen zur Verfügung, um Menschen in schwer erreichbaren Regionen zu helfen.

Nach dem Erdbeben, das bis jetzt fast 300 Todesopfer gefordert hat, werden Spender, Hilfsorganisationen, Ärzte und Piloten zusammengebracht. Es geht darum, herauszufinden, was wo gebraucht wird - und es anschließend dorthin zu bringen. Thyben beschreibt das als ein großes Netzwerk, in dem viele Beteiligte ihre Kontakte und Möglichkeiten einbringen.

Lieferungen von Artikeln wie Windeln und Toilettenpapier werden vorbereitet. Foto: Philipp Znidar/dpa
Lieferungen von Artikeln wie Windeln und Toilettenpapier werden vorbereitet. Foto: Philipp Znidar/dpa

Für Thyben ist die Arbeit persönlich befriedigend. „Man hat am Ende des Tages das Gefühl: Du hast was gemacht.“ Doch damit ist der Einsatz für ihn nicht abgeschlossen. „Auf der anderen Seite: Mal sehen, was du morgen zusätzlich machen könntest.“

Und der nächste Flug wartet bereits. Denn Pizarro ist nur einer von vielen abgelegenen Orten an der Pazifikküste, die nach dem Beben auf Hilfe angewiesen sind. Denn wo Straßen fehlen, bleibt für die Helfer oft nur der Weg durch die Luft.

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