Ukraine-Krieg Ukraine: Acht Tote bei neuer russischer Angriffswelle
Immer wieder attackiert Russland ukrainische Städte mit Raketen. Die Flugabwehr ist überlastet – und kann auch die nächste Angriffswelle in der Nacht nicht vollständig abwehren. Die Opferzahl steigt.
Die Ukraine ist in der Nacht wieder zur Zielscheibe einer massiven Angriffswelle des russischen Militärs geworden, die selbst Städte im weit von der Grenze entfernten Westen des Landes getroffen hat. Um die Flugabwehr zu überlasten, hätten die Angreifer Dutzende Raketen und Marschflugkörper sowie Hunderte Drohnen eingesetzt, berichteten ukrainische Medien am Morgen. Demnach wurde praktisch im ganzen Land Luftalarm ausgelöst. In ersten Meldungen war die Rede von mindestens 8 Toten und mehr als 30 Verletzten.
Das Ausmaß der Schäden wurde erst bei Tagesanbruch langsam klar. In einem Vorort der südlichen Stadt Krywyj Rih wurde nach Berichten des „Kyiv Independent“ und der Nachrichtenagentur Ukrinform das Wohnhaus einer Großfamilie von einer Rakete getroffen. Allein dort habe es sechs Tote gegeben, darunter zwei Kinder im Alter von fünf und zwölf Jahren, sowie acht Verletzte.
Aus der Hauptstadt Kiew und dem Gebiet Poltawa wurden zwei Todesopfer und ebenfalls zahlreiche Verletzte gemeldet. In Lwiw (früher Lemberg) gebe es 15 Verletzte, hieß es unter Verweis auf Behördenangaben. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.
In zwei großen Wohnblöcken in Lwiw unweit der polnischen Grenze seien nach Raketentreffern Brände ausgebrochen, hieß es in den Berichten. Fotos zeigten riesige Löcher, die in den Gebäuden klafften – und Rettungskräfte, die unter Trümmern nach Überlebenden suchen. Auch in Kiew wurden den Angaben zufolge mehrere Gebäude getroffen, teils wohl von herabstürzenden Trümmern. Reporter sprachen von mehreren Explosionswellen im Laufe der Nacht.
Selenskyj hatte vorab vor Angriffen gewarnt
Überraschend kam die nächtliche Angriffswelle indes nicht: Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte am Mittwoch vor einer unmittelbar bevorstehenden schweren Attacke Russlands aus der Luft gewarnt. Erst vor wenigen Tagen hätten die Angreifer die Ukraine wieder massiv beschossen und die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Schlag in der Nacht sei hoch, schrieb Selenskyj in sozialen Netzwerken. Er berief sich dabei auf einen Lagebericht des ukrainischen Luftwaffenchefs.
Die ukrainischen Streitkräfte beklagen, dass ihnen Flugabwehrraketen fehlten, um feindliche Geschosse vom Himmel holen zu können – insbesondere ballistische Raketen, die aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit besonders schwierig abzuwehren sind. In seiner Warnung rief Selenskyj die westlichen Partner daher erneut dazu auf, der Ukraine zu helfen. Das betreffe speziell die USA und andere Länder, die über moderne Patriot-Systeme verfügten – das einzige wirklich wirksame Mittel gegen Russlands ballistische Raketen.
Die Stärkung der ukrainischen Flugabwehr war auch Thema bei Selenskyjs jüngstem Besuch in Washington. Dabei habe ihm US-Präsident Donald Trump die vielfach geforderten Lizenzen zur Herstellung von Patriot-Abfangraketen in der Ukraine zugesagt, sagte er danach – was aber so vom Weißen Haus nicht bestätigt wurde. Selenskyj hofft darauf, die Produktion der dringend benötigten Abwehrraketen so schneller steigern zu können. Schon im Frühjahr beklagte er, dass den Ukrainern die Munition ausgehe. Der Krieg der USA gegen den Iran verknappte die weltweiten Bestände der Abwehrraketen weiter.
Russland bestätigt Angriffe
Umgekehrt nimmt das ukrainische Militär auch Ziele in Russland ins Visier, um den Krieg weiter in das Land des Angreifers zu tragen. Das russische Verteidigungsministerium meldete am Morgen den Abschuss von 258 ukrainischen Drohnen; die Flugabwehr sei in der Nacht in zahlreichen Regionen des Landes im Einsatz gewesen seien.
Das Ministerium bestätigte auch die Angriffe auf die Ukraine. Ziele seien Militärflughäfen, Rüstungsbetriebe, militärische Telekommunikationsinfrastruktur und logistische Zentren gewesen. Zudem seien drei für den Transport von militärischen Gütern genutzte Frachtschiffe in der Schwarzmeerregion getroffen worden.
Erneuter ukrainischer Angriff auf russischen Online-Händler
Durch Drohnenbeschuss wurde in der Nacht auch ein weiteres großes Lager des russischen Online-Händlers Wildberries in der Region Pensa in Brand gesetzt, wie der Gouverneur der Region, Oleg Melnitschenko, mitteilte. Dabei habe es mindestens einen Verletzten gegeben. Rund 200 Mitarbeiter seien in Sicherheit gebracht worden.
Seit diesem Monat attackiert die Ukraine immer wieder Logistikzentren des größten russischen Versandhauses. Die symbolträchtigen und weithin sichtbaren Angriffe auf Wildberries verursachen nicht nur große Schäden. Sie dienen offenkundig auch dazu, Unruhe in der russischen Mittelschicht zu schüren. Gerade Städter kaufen gern online ein – und infolge der Angriffe und dadurch gestörten Lieferketten bekommen sie die Kriegsfolgen stärker zu spüren als zuvor.
Selenskyj wirft Wildberries vor, mit Material zu handeln, das für den 2022 begonnenen Angriffskrieg gegen sein Land verwendet werde. Der Kreml weist das kategorisch zurück.