Fußball Die WM und das Wetter: im Extremfall „lebensbedrohlich“

Jordan Raza, dpa
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Von Jordan Raza, dpa
| 09.06.2026 07:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Englands Nationalspieler um Harry Kane (r) während einer Trinkpause. (Archivbild) Foto: Jc Ruiz
Englands Nationalspieler um Harry Kane (r) während einer Trinkpause. (Archivbild) Foto: Jc Ruiz
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Jacke in Vancouver, Flip-Flops in Dallas? Das Wetter macht die Fußball-WM zu einem Turnier der Extreme. Wie sich Städte vorbereiten, was die FIFA unternimmt, wo Hitzeschlachten und Gewitter drohen.

Eine frische Brise vom Lake Michigan bescherte der DFB-Auswahl in den ersten Tagen weitgehend ein angenehmes Wohlfühlklima in Chicago. Spätestens mit dem Umzug ins WM-Quartier in Winston-Salem im Bundesstaat North Carolina sind Julian Nagelsmann und seine Schützlinge aber im heißen US-Sommer angekommen. 

Rund 40 Kilometer entfernt in Greensboro hat Norwegen bereits ein Training aufgrund der Temperaturen über 30 Grad Celsius unterbrechen müssen. Barfuß, oberkörperfrei und erschöpft erholte sich etwa Erling Haaland von der Hitzeschlacht. 

„Das Wichtigste ist, unter diesen Bedingungen zu trainieren. Und dann geht es einfach darum, sich jeden Tag an die Hitze zu gewöhnen“, sagte Teamkollege Sander Berge. Englands Stürmer Ollie Watkins berichtete nach einem Training in Florida: „Es ist heiß, zu heiß“. 

„Ein Turnier der Wetter-Extreme“

Die Bandbreite der Bedingungen bei der Drei-Länder-WM reicht von tropisch-feuchter Hitze in den US-Südstaaten bis hin zu Höhenlagen in Mexiko. „Wir müssen uns auf ein Turnier der Wetter-Extreme einstellen. Besonders kritisch wird die Kombination aus hoher Temperatur, hoher Luftfeuchtigkeit, Reiseaktivitäten und verdichtetem Spielplan sein“, sagte Sportmediziner Hans-Georg Predel von der Deutschen Sporthochschule in Köln der dpa.

Hat auch ohne Einsatz Durst: Fußball-Nationaltorhüter Manuel Neuer. Foto: Federico Gambarini/dpa
Hat auch ohne Einsatz Durst: Fußball-Nationaltorhüter Manuel Neuer. Foto: Federico Gambarini/dpa

Als besonders herausfordernde Standorte gelten Miami, Houston, Dallas und Monterrey. „Dort treffen hohe Temperaturen auf teils extreme Luftfeuchtigkeit. In Florida kommen zusätzlich typische Sommergewitter mit Starkregen und Blitzgefahr hinzu. Auch Atlanta und Kansas City können im Juni und Juli sehr schwül und gewitteranfällig sein“, sagte Predel.

Mexiko-Stadt stellt dagegen eine andere Herausforderung dar: „Dort ist weniger die Hitze das Hauptproblem als vielmehr die Höhenlage von über 2.000 Metern. Der reduzierte Sauerstoffpartialdruck kann die Ausdauerleistung und Regeneration deutlich beeinträchtigen“, erklärte der Sportmediziner weiter. 

Risiken: Dehydratation, Muskelkrämpfe, Kreislaufprobleme

Potenzielle Risiken sind hoch. Dazu zählen laut Predel vor allem Dehydratation, Elektrolytverluste, Muskelkrämpfe, Kreislaufprobleme und direkte Sonneneinstrahlung. „Im Extremfall kann es zu einem belastungsinduzierten Hitzschlag kommen, der akut lebensbedrohlich ist.“ Nur vier Stadien - Dallas, Los Angeles, Houston, Atlanta - verfügen über verschließbare Dächer und können so den Innenraum runterkühlen. 

Das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta ist voll klimatisiert. (Archivbild) Foto: Sven Hoppe
Das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta ist voll klimatisiert. (Archivbild) Foto: Sven Hoppe

Hitzeschlachten und Blitzeinschläge: Club-WM als Vorbote?

Die Club-WM im Vorjahr war eine Warnung - und ein erster Eindruck, wie das Wetter das XXL-Turnier in Nordamerika beeinflussen könnte. Sechs Spiele wurden unterbrochen, wobei die Unterbrechungen zwischen 40 Minuten und 2 Stunden dauerten. „Wir spielen zwar Fußball, aber mit dem Sport an sich hat das nichts zu tun“, sagte Dortmunds Coach Niko Kovac damals.

Wegen eines Gewitters musste die Achtelfinalpartie bei der Club-WM zwischen Benfica Lissabon und dem FC Chelsea im Vorjahr unterbrochen werden. (Archivbild) Foto: Li Ming/XinHua/dpa
Wegen eines Gewitters musste die Achtelfinalpartie bei der Club-WM zwischen Benfica Lissabon und dem FC Chelsea im Vorjahr unterbrochen werden. (Archivbild) Foto: Li Ming/XinHua/dpa

Neben großer Hitze sorgte beim Spiel zwischen Benfica und Chelsea auch Unwettergefahr für eine Unterbrechung: Wegen drohender Blitze wurden Spieler in die Kabine geschickt, Fans mussten aus dem Stadion. In den USA gilt: Werden Blitze im Umkreis von 13 Kilometern um das Stadion registriert, wird das Spiel sofort unterbrochen – mindestens für 30 Minuten.

FIFA führt zusätzliche Trinkpause ein

Auch als Reaktion auf die Backofen-Hitze während der Club-WM führt die FIFA nun eine dreiminütige Trinkpause pro Halbzeit ein. Außerdem werden bei allen Spielen, die im Freien stattfinden, klimatisierte Sitzbänke für den Betreuerstab und die Auswechselspieler bereitgestellt.

Einer Gruppe weltweit führender Wissenschaftler geht das nicht weit genug. Sie forderten in einem offenen Brief, Spiele bei Temperaturen von über 28 Grad zu verschieben und längere Kühlpausen von mindestens sechs Minuten einzuführen. Die 20 Forscher aus den Bereichen Gesundheit, Klima und Sportleistung warnten davor, dass die Temperaturen in 14 der insgesamt 16 genutzten Stadien gefährliche Werte überschreiten könnten.

Entscheidend ist dabei nicht die reine Lufttemperatur, sondern die sogenannte Wet-Bulb-Globe-Temperatur (WBGT). Dieser Wetter-Index kombiniert etwa Sonneneinstrahlung, Wind und Luftfeuchtigkeit.

Warum Tuchels Spieler digitale Kapseln schlucken mussten

Englands Trainerteam bereitete die Mannschaft über ein Jahr lang mit Sportwissenschaftlern auf die Bedingungen vor. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge mussten die Spieler etwa digitale Kapseln schlucken, um so ihre Körperdaten unter Belastung zu erfassen und Hitzetoleranz sowie Regeneration zu analysieren.

Kein T-Shirt nötig: England-Fans bei einem Freundschaftsspiel in Florida. Foto: Bradley Collyer
Kein T-Shirt nötig: England-Fans bei einem Freundschaftsspiel in Florida. Foto: Bradley Collyer

„Die Bedingungen sind nicht unser größter Gegner, aber sie sind nach einer langen und sehr anspruchsvollen Saison für unsere Spieler auch kein Vorteil. Wir sind diese Art von Hitze und Luftfeuchtigkeit nicht gewohnt“, sagte Trainer Thomas Tuchel. 

So wollen die WM-Städte Fußball-Fans schützen

Nicht nur für die Spieler können die Bedingungen zum Risiko werden – auch für die Fans gilt höchste Vorsicht. Umso größer ist der Ärger, dass aus Sicherheitsgründen nicht einmal leere Wasserflaschen mit in die Stadien genommen werden dürfen. 

Umso eher sind die Ausrichter gefragt. Das Gesundheitsamt des Los Angeles County plant, rund um die Spiele umfassend über Hitzeschutz und ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu informieren. New York will Informationen an die Abonnenten des öffentlichen Warnsystems sowie über WhatsApp an internationale Besucher versenden. Seattle prüft den Einsatz von klimatisierten Bussen und Wassernebelanlagen bei Fanfesten und Spielen.

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