Elektromobilität und Design Ferrari Luce: Ein Fehler, den andere schon hinter sich haben

Robert Messer, Frank Johannsen, Christof Rührmair und Julian Weber, dpa
|
Von Robert Messer, Frank Johannsen, Christof Rührmair und Julian Weber, dpa
| 28.05.2026 11:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das Design des neuen Ferrari Luce ist umstritten. Foto: Ferrari
Das Design des neuen Ferrari Luce ist umstritten. Foto: Ferrari
Artikel teilen:

Das Design des Elektroautos aus Italien zieht Spott und Häme auf sich. Es zeigt eine Schwierigkeit, vor der die Hersteller stehen. In Deutschland geht der Trend klar in eine andere Richtung.

Ferrari wird für das Design seines ersten Elektro-Modells Luce verspottet. Im Netz heißt es „Playmobil-Auto“ oder „Temu-Ferrari“. Ex-Ferrari-Chef Luca di Montezemolo warnt sogar: „Es besteht die Gefahr der Zerstörung eines Mythos“, und stichelt: „Es ist zumindest ein Auto, das die Chinesen nicht kopieren werden.“ Die starken Reaktionen zeigen ein Dilemma, vor dem viele Autohersteller bei der Elektromobilität stehen - und bei dem die deutschen Konzerne inzwischen dazugelernt haben.

Am Montag hatte Ferrari in Rom sein erstes vollelektrisches Auto vorgestellt. Der Autobauer selbst will mit dem mehr als eine halbe Million Euro teuren Luce ein neues Kapitel in der Geschichte der Marke aufschlagen. Doch das Aussehen, an dem der ehemalige Apple-Designchef Jony Ive mitgewirkt hat, sorgt für Debatten. 

Schiefes Gesamtkonzept

„Ferrari macht beim Luce einen Fehler, den viele andere Hersteller schon hinter sich haben: Bei Elektroautos auf stark abweichende Designs zu setzen und damit ein Fahrzeug zu bauen, das zu sehr nach Stromer und nicht mehr nach der eigenen Marke aussieht“, sagt Ferdinand Dudenhöffer. Das Gesamtkonzept des Luce sei schief, sagt der Branchenexperte. „Der sieht nicht mehr aus als sei er in Italien entwickelt, sondern wie ein fahrendes Smartphone.“

Die deutschen Autohersteller sind beim E-Autodesign schon weiter. „Mercedes und Volkswagen rudern hier zurzeit stark zurück. BMW hat das bereits vor Jahren nach dem futuristisch aussehenden i3 getan“, sagt Dudenhöffer. Die Kundschaft habe ein klares Bild von einem BMW, VW oder Mercedes im Kopf. „Wenn man das zu schnell ändert, verschreckt man seine Käufer. Das gilt nicht nur, aber insbesondere für Elektroautos.“

Die ID-Modelle waren vielen zu wenig VW

VW hatte beim Start seiner Elektro-Familie 2019 viel Kritik einstecken müssen. Das Design, das der Konzern den ID-Modellen unter dem damaligen Konzernchef Herbert Diess verpasste, sollte eigentlich das Neue im Vergleich zu den Verbrennern herausstellen. Doch bei den Kunden polarisierte es vor allem: Frisch und entspannt sagten die einen, zu steril und vor allem zu wenig VW die anderen.

VWs ID-Modelle waren vielen zu wenig Volkswagen. (Archivbild) Foto: Silas Stein
VWs ID-Modelle waren vielen zu wenig Volkswagen. (Archivbild) Foto: Silas Stein

Am Ende änderte VW die Richtung. Nach dem Abgang von Diess 2022 verordnete die neue Konzernspitze auch dem ID-Design einen Neustart. Ein VW müsse wieder aussehen wie ein VW, verkündete Markenchef Thomas Schäfer. Der ID.3 wurde per Facelift entschärft, den geplanten Kleinwagen darunter ließ Schäfer noch einmal komplett neu zeichnen. Ergebnis: Der ID.Polo, der demnächst anläuft, sieht wieder fast so aus wie der Verbrenner-Polo.

Mercedes legt ebenfalls Kehrtwende hin

Auch Mercedes-Benz hat seine Designstrategie für E-Autos korrigieren müssen. Mit Submarke EQ und Modellen wie EQS und EQE setzte der Konzern zunächst auf einen radikalen Bruch: Die fließende, eiförmige Silhouette war zwar gut für die Reichweite - kam aber bei vielen potenziellen Kunden nicht an. Das gilt auch für die schwarzen Flächen, die statt des klassischen Kühlergrills verbaut wurden. 

Konzernchef Ola Källenius vollzog daraufhin eine Kehrtwende - und kündigte vor zwei Jahren eine Designsprache an, die unverkennbar Mercedes sei. Die neuen E-Modelle sollen wieder unter den etablierten Modellnamen angeboten und stärker an Klassiker angelehnt werden. 

Der 2025 vorgestellte, elektrische CLA kehrte zum Beispiel zu gewohnten Proportionen zurück und unterscheidet sich kaum von der Verbrenner-Variante. Der vergangene Woche vorgestellte Mercedes-AMG GT polarisiert allerdings heftig im Netz - vor allem wegen des Designs. 

BMW hat früh gelernt

BMW setzt bei Elektroautos schon lange auf Design nah am Verbrenner. Beim 2013 vorgestellten i3 waren die Münchner noch andere Wege gegangen - vom Material der Karosserie bis zum Aussehen. Der durchschlagende Erfolg blieb dem Modell verwehrt, möglicherweise auch aus optischen Gründen. Bei späteren Elektroautos verzichtete BMW auf große Design-Sonderwege. 

Der 2013 vorgestellte BMW i3 sah sehr nach Elektroauto, aber nur bedingt nach BMW aus. (Archivbild) Foto: Sven Hoppe
Der 2013 vorgestellte BMW i3 sah sehr nach Elektroauto, aber nur bedingt nach BMW aus. (Archivbild) Foto: Sven Hoppe

„Ich glaube ein großer Teil des Erfolges, den BMW bei Elektroautos in den vergangenen Jahren außerhalb Chinas hatte, geht darauf zurück, dass sie auch bei den Stromern auf ihr klassisches Design vertraut haben“, sagt Dudenhöffer. 

Porsche: Evolution statt Revolution

Auch Porsche setzt bei der Designsprache auf Kontinuität. Viele klassische Elemente der Marke finden sich auch bei den E-Modellen. Ihre Gestaltung verantwortet noch der frühere Chefdesigner Michael Mauer. „Als Luxusmarke lebt Porsche davon, Dinge nicht ständig neu zu erfinden, sondern Gutes kontinuierlich weiterzuentwickeln“, sagte er bereits vor zwei Jahren. 

Porsche setzt optisch auf Evolution. (Archivbild) Foto: Sebastian Gollnow
Porsche setzt optisch auf Evolution. (Archivbild) Foto: Sebastian Gollnow

Die Unterschiede zu den Verbrennern liegen daher vor allem im Detail: Taycan, Macan und Cayenne sind aerodynamischer und haben beispielsweise statt eines Kühlergrills eine geschlossene Frontpartie mit aktiven Luftklappen. Zudem unterscheidet sich die Lichtsignatur deutlich. Aber: Es ist auf den ersten Blick erkennbar, dass es sich um einen Porsche handelt - ein Credo Maurers. Ob das auch unter seinem Nachfolger so bleibt, wird sich zeigen. 

Kontinuität ist gut für den Wert

„Die Kontinuität in der Gestaltung hilft auch, den Wert der Gebrauchtwagen sicherzustellen“, sagt Dudenhöffer. „Das ist bei einem Auto nun mal sehr viel wichtiger als bei einem Kleidungsstück, das man wegwerfen kann oder in den Schrank legt, wenn sich die Mode schnell ändert.“

Ähnliche Artikel