Kolumne Larsklar Zum Tode von Albrecht Weinberg – wir dürfen nicht satt sein
Der Holocaust-Überlebende erzählte nicht aus Lust, sondern als Gegenwehr. Sein Tod erinnert daran, dass Gedenken Arbeit bleibt und Haltung verlangt.
Normalerweise macht diese Kolumne ja nur eines: dem Ernst kurz den Hut klauen und ihn dem Leser mit einem Grinsen wieder aufsetzen. Heute funktioniert das nicht. Albrecht Weinberg ist tot. Holocaust-Überlebender. Dieses Wort klingt für mich wie eine Berufsbezeichnung. Als hätte er sich dafür beworben, als gäbe es eine Ausbildung. Dabei ist es nur ein Etikett für etwas Unfassbares. Albrecht Weinberg war da, wo die Menschlichkeit abgestellt wurde und, sind wir alle einmal ehrlich, er kam zurück in eine Welt, die gern so tut, als sei sie im Grunde anständig.
Zur Person
Lars Reckermann, 1970 geboren, ist Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, der Ostfriesischen Nachrichten, des General-Anzeigers Rhauderfehn und der Borkumer Zeitung. Seit 2016 lebt der gebürtige Westfale in Norddeutschland. Er plaudert gerne mit Menschen aus Ostfriesland. Deshalb hat er den Podcast „Ein Glas mit Lars“ ins Leben gerufen.
Kontakt: l.reckermann@zgo.de
Weinberg hat erzählt. Nicht, weil es ihm Spaß machte. Sondern weil das Erzählen die letzte Form von Gegenwehr ist, wenn die Täter längst Staub sind und ihre Ausreden schon wieder auf Social Media durchs Internet laufen. Wenn ich schon diese Genervten höre, die „Man-wird-ja-wohl-mal“-Fraktion oder „Es ist auch mal gut.“
Warum „Es ist auch mal gut“ so gefährlich ist
Genug erinnert? Als wäre Erinnerung eine Mahlzeit, von der man sagt: Danke, ich bin jetzt satt. Nein. Man muss nicht vergessen können. Man muss erinnern wollen. Vergessen ist keine Fähigkeit. Vergessen ist Bequemlichkeit.
„Es ist auch mal gut“. Wer das sagt, meint: Es wäre gut, wenn es uns nicht mehr stört. Wenn nicht mehr nachgefragt wird: Und ihr? Was macht ihr, wenn Menschen wieder sortiert werden sollen nach Herkunft, nach Namen, nach „passt hierher“ und „passt nicht“?
Weinbergs Warnung wirkt weiter
Albrecht Weinberg hat nicht erinnert, um uns zu beschämen. Er hat erinnert, um uns zu warnen. Das ist der eigentliche Skandal unserer Gegenwart: Wir wissen so viel und tun so oft so wenig damit.
Erinnern kann unbequem sein. Obwohl: Auch mein eigenes Leben besteht aus kleinen, zuweilen störrischen Gedächtnisfäden. An ihnen hängt, wer ich bin. Ich möchte nie vergessen, wie ich meine Kinder kurz nach der Geburt in den Armen hielt, wie meine Mutter mir als Kind die Stirn kühlte. Sie alle haben diese Erinnerungen. Vielleicht ist das die Verbindung. Die großen Erinnerungen bewahren uns vor dem Abgrund. Die kleinen Erinnerungen bewahren uns davor, hart zu werden. Beides gehört zusammen.