Vertreibung, Todesmärsche, Massaker Leeraner Armenier erinnern an den Völkermord 1915
Jedes Jahr versammeln sich weltweit Armenier am 24. April, um des Genozids an ihrem Volk zu gedenken. In Leer treffen sie sich an einem besonderen Ort.
Leer - Es ist ein trauriger Anlass: Jedes Jahr am 24. April versammeln sich Armenier auf der ganzen Welt, um an das tragischste Kapitel der Geschichte ihres Volkes zu erinnern. Mit Blumen und Innehalten wird am Völkermord-Erinnerungstag der Deportation, Folterung und Ermordung armenischer Intellektueller aus Konstantinopel am 24. April 1915 gedacht.
Dieses Ereignis gilt als Auftakt der systematischen Vertreibung und Ermordung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich. Auch in Leer erinnert Jahr für Jahr die armenische Gemeinschaft mit einer Gedenkveranstaltung an die Opfer des Völkermordes zwischen 1915 und 1923.
Gedenken am 24. April: Erinnerung an Deportation und Genozid
„Wir sind zwar eine kleine Gemeinschaft, aber wir halten fest zusammen“, sagt Albert Tovmasyan, Sprecher der Armenier in Ostfriesland. Im Jahr 2015 konnten die Armenier mit Unterstützung der Stadtverwaltung im Inselgarten in der Nessestraße einen drei Meter hohen Kreuzstein, einen Chatschkar, errichten. Seit nun elf Jahren dient das Denkmal als Ort des Gedenkens, der Begegnung und der kulturellen Identität, sagt Tovmasyan.
„Es ist so wichtig zu gedenken. Auch 111 Jahre später“, betont er. In Jerewan, der Hauptstadt Armeniens, pilgern jedes Jahr Hunderttausende zu Fuß zum Völkermordmahnmal Zizernakaberd auf einem Berg, um Blumen abzulegen. In Leer versammeln sich die Armenier am Kreuzstein, trauern um die Opfer des Genozids und legen ebenfalls Blumen nieder. Für die Stadt Leer nahm diesmal der stellvertretende Bürgermeister Bruno Schachner teil.
In Armenien wird getrauert am Zizernakaberd – in Leer am Kreuzstein
„Es ist ein besonderer Ausdruck der Verbundenheit für uns, dass die Stadt Leer jedes Jahr durch ihre Mitarbeitenden sowie durch den Bürgermeister offiziell Blumen am Denkmal niederlegt. Diese wiederkehrende Geste bedeutet uns sehr viel und zeigt die enge und respektvolle Beziehung zwischen der Stadt und unserer Gemeinschaft“, betont Albert Tovmasyan.
Als 2015 der Kreuzstein errichtet wurde, hatte es in Leer noch Bedenken wegen der Inschrift gegeben. „Genozid im Osmanischen Reich 1915 bis 1916, zum Gedenken an 1,5 Millionen armenische Opfer“ steht auf dem Stein. Vor elf Jahren, am 100. Jahrestag, hatten zahlreiche Länder das Geschehen als Völkermord anerkannt. Der Deutsche Bundestag hatte 2016 nach jahrelangen Diskussionen eine Resolution zur Anerkennung des Völkermords verabschiedet.
Bundestagsresolution 2016: Mitschuld des Deutschen Reichs
Darin ist auch die Verantwortung des damaligen Deutschen Kaiserreichs als Verbündetem des Osmanischen Reichs im Ersten Weltkrieg ein Thema. Denn die systematischen Vertreibungen, Todesmärsche und Massaker ab April 1915 ereigneten sich nicht unbemerkt: Deutsche Missionare, Diplomaten und Militärs wurden unmittelbar Zeugen, doch unternommen wurde nichts. Deshalb heißt es in der Resolution: „Das Deutsche Reich trägt eine Mitschuld an den Ereignissen.“
Der Kreuzstein sei inzwischen nicht nur Ort des Gedenkens, sondern auch ein kultureller Anziehungspunkt geworden, sagt Albert Tovmasyan: „Besucherinnen und Besucher der Stadt kommen hierher, sitzen auf den Bänken und setzen sich mit der Geschichte und Kultur auseinander. Das Denkmal steht symbolisch für Offenheit, Respekt und das friedliche Zusammenleben verschiedener Kulturen in Leer.“ Und dazu wollen die Armenier einen Beitrag leisten.
Der Armenische Verein Leer-Ostfrisland dankt deshalb Stadtbaurat Jens Lüning: „Er hat uns bei der Entfernung beschädigter Bäume sowie bei der Neupflanzung tatkräftig unterstützt und damit einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Anlage geleistet“, so Tovmasyan.