Sydney Hightech für Timmy & Co: Digitales Auge soll Wale vor tödlichen Unfällen bewahren
Ganz Deutschland bangte um Buckelwal Timmy – zugleich sterben auf den Weltmeeren dutzende Tiere weitgehend unbemerkt. Ein Unternehmen setzt nun auf KI, um die größten Säugetiere der Welt zu schützen.
Timmy kämpfte und rührte Millionen Menschen zu Tränen. Der Buckelwal in der Ostsee wurde in diesem Frühjahr zur deutschen Herzensgeschichte. Doch während das Land den Atem anhielt, sterben weltweit täglich Dutzende Wale unsichtbar und unbemerkt: gerammt von Containerschiffen, Fähren oder Tankern auf hoher See. Schätzungsweise 20.000 solcher Kollisionen werden jährlich gemeldet – und das sind nur die bekannten Fälle.
„Das Risiko ist wesentlich größer, als es die Daten derzeit zeigen können“, sagt Olaf Meynecke, deutscher Walforscher an der Griffith University im australischen Brisbane. „Es gibt einen sehr großen Dunkelbereich.“ Viele Kollisionen werden laut Meynecke schlicht nicht erfasst – entweder weil sie tödlich enden und die Wale sinken, oder weil sie auf offener See passieren. Zudem kollidieren Wale immer häufiger mit kleineren Booten, was nicht nur für die Tiere, sondern auch für die Menschen an Bord zu schweren Verletzungen führen kann.
Eine Ironie der Natur macht das Problem noch drängender: Die Walbestände erholen sich – vor allem die der Buckelwale. Australiens östliche Buckelwalpopulation ist von rund 300 Tieren in den 1960er-Jahren auf heute 40.000 bis 60.000 angewachsen. Mehr Wale bedeuten aber auch mehr Begegnungen mit dem Menschen – und mehr Kollisionen.
Genau hier setzt ein australisches Start-up an. Greenroom Robotics aus Perth hat mit „Lookout+“ ein KI-gestütztes Kamerasystem entwickelt, das Meeressäuger in Echtzeit erkennt, verfolgt und die Schiffsbesatzung warnt. Dabei agiert Greenroom Robotics als reines Softwareunternehmen: Das System nutzt oft die bereits vorhandene Kamerahardware an Bord der Schiffe und rüstet diese digital auf.
„Menschen scannen den Horizont, werden abgelenkt und sind nicht rund um die Uhr im Einsatz“, sagt Harry Hubbert, Mitgründer und Chief Operations Officer von Greenroom Robotics. „Wir hingegen können konsequent beobachten, ohne etwas zu verpassen.“
Die Zahlen sprechen für sich: Bei einer Studie in australischen Gewässern, bei der menschliche Beobachter mit dem System verglichen wurden, meldeten die Menschen vier Walsichtungen. Die KI erfasste über 100 bestätigte Sichtungen im selben Zeitraum. „Das ist eine enorme Verbesserung“, so Hubbert. Der Grund: Wale kommen oft nur für Sekunden an die Oberfläche, um Luft zu holen. Das System verarbeitet das Bildmaterial mehrfach pro Sekunde und verpasst diesen kurzen Moment nicht.
Völlig unberechenbar sind Wale dabei nicht. Ihre Wanderrouten verlaufen in erkennbaren Mustern. „Sie haben bestimmte Routen, die relativ gut prognostizierbar sind“, erklärt Meynecke. Was sich nicht vorhersagen lässt, ist der genaue Auftauchort. Das System kann deshalb keine präzisen Warnungen über den nächsten Tauchgang geben – aber es schlägt Alarm, sobald ein Wal in der Nähe gesichtet wird. Für kommerzielle Akteure ist das entscheidend: In sensiblen Gebieten müssen beispielsweise Unterwasserarbeiten sofort gestoppt werden, wenn ein Wal die 800-Meter-Zone unterschreitet.
Und das System wird zuverlässiger: Gab es in früheren Jahren noch deutlich mehr Fehlalarme und unerkannte Objekte, hat Greenroom Robotics die KI gezielt für die maritime Umgebung weiterentwickelt – heute liefert es erheblich präzisere Ergebnisse. Auch die Schiffsgeschwindigkeit ist dabei entscheidend. „Je schneller ein Schiff unterwegs ist, desto höher ist das Kollisionsrisiko. Bei sechs bis acht Knoten – also etwa der Geschwindigkeit der Wale – ist das Risiko verhältnismäßig gering“, so Meynecke.
Neben dem unmittelbaren Schutz hat das System noch einen Nebeneffekt: Es sammelt Daten über Walvorkommen auf hoher See – eine bislang weitgehend unerforschte Zone. Dabei geht die Technik über die bloße Anwesenheitskontrolle hinaus. Laut Meynecke könnte die KI künftig Arten sogar anhand der Form des Atemstrahls, des sogenannten Blas, oder der Flossenform identifizieren. „Wir haben sehr wenige Informationen über die Anwesenheit von Walen auf offener See“, sagt der Forscher. Satelliten-Tracking einzelner Individuen liefere bisher die einzigen Einblicke. Schiffe mit „Lookout+“ könnten diese Lücke schließen.
Derzeit ist „Lookout+“ auf über 20 Schiffen weltweit im Einsatz, vor allem auf kommerziellen Fähren, Forschungsschiffen und militärischen Wasserfahrzeugen. Hubbert betont jedoch, dass der Mensch trotz allem nicht ersetzbar ist: „Es ist lediglich ein Werkzeug, um Menschen dabei zu helfen, bessere Entscheidungen zu treffen.“
Derzeit sind über 110.000 kommerzielle Schiffe weltweit unterwegs – der Markt ist also riesig. Zudem will Greenroom Robotics das System mittelfristig auch für kleinere Privatboote erschwinglich machen. Hubbert verschweigt nicht, dass auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle spielen. „Einen Wal zu rammen ist nicht gut für den Wal, es ist schlecht für die PR und es ist auch nicht gut für den physischen Zustand des Schiffes“, bilanziert Hubbert. Die Technik sei „eine Win-win-Situation für alle.“