Madrid  Wasser statt Cola, Linsen statt Burger: Diese Regeln gelten in Spaniens Schulkantinen

Ralph Schulze
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Von Ralph Schulze
| 05.05.2026 11:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Schluss mit hochverarbeiteten Lebensmitteln: Das spanische Schulessen wird mit dem neuen Erlass deutlich stärker reglementiert. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich
Schluss mit hochverarbeiteten Lebensmitteln: Das spanische Schulessen wird mit dem neuen Erlass deutlich stärker reglementiert. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich
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In vielen Ländern wird darüber diskutiert, wie gesunde Ernährung bereits in jungen Jahren gefördert werden kann. Spanien geht jetzt einen wichtigen Schritt und greift unmittelbar in den Speiseplan der Schulmensa ein.

In Spaniens Schulkantinen beginnt eine kleine Ernährungsrevolution. Wo bisher vielerorts Frittiertes, Fertigprodukte, süße Getränke und Automaten-Snacks zum Alltag gehörten, sollen künftig Gemüse, Hülsenfrüchte, Obst, Fisch, Vollkorn und Wasser den Ton angeben. Die Mitte-links-Regierung unter Ministerpräsident Pedro Sánchez hat ein neues Regelwerk für Schulessen in Kraft gesetzt, das genau vorschreibt, was Kinder in Schulen und vorschulischen Einrichtungen auf den Teller und ins Glas bekommen dürfen – und was nicht mehr.

Spanien, Heimat der weltberühmten Mittelmeerdiät, will in den Schulen zurück zu jener Ernährungsweise, die international als besonders gesund gilt, im Alltag aber längst von Fast Food, Zuckergetränken und hochverarbeiteten Snacks verdrängt wird. Die Botschaft lautet: Wenn Kinder immer mehr Zeit in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen verbringen, dann soll dort nicht dieselbe Ernährungsfalle zuschnappen wie im Supermarktregal oder an der Straßenecke.

Das Thema beschäftigt nicht nur Spanien. In Deutschland wird gerade über eine Abgabe auf zuckerhaltige Getränke und über strengere Regeln für Energy-Drinks diskutiert. Gleichzeitig beginnt im August der stufenweise Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Auch in Österreich, der Schweiz und Luxemburg verbringen immer mehr Kinder den Tag in Ganztagsschulen, Horten oder Betreuungseinrichtungen nach dem Unterricht. 

Das neue spanische Dekret gilt für öffentliche wie private Bildungseinrichtungen, die von der kindergartenähnlichen Vorschule (Drei- bis Sechsjährige) über Grundschule und Sekundarstufe bis zur beruflichen Bildung reichen. Die Schule sei wegen der Zeit, die Kinder dort verbringen, ein Schlüsselort für Gesundheitsvorsorge, heißt es im Gesetz. Spaniens Verbraucherminister Pablo Bustinduy formulierte es noch grundsätzlicher: „Dieses Projekt zeigt, dass Schulen Orte sein können, an denen Kinder gesunde Gewohnheiten lernen.“

Die spanische Regierung begründet den Vorstoß mit alarmierenden Daten. Nach einer Studie haben 36 Prozent der Kinder zwischen sechs und neun Jahren Übergewicht. Besonders deutlich zeigt sich in Sachen Ernährung auch der soziale Graben: In einkommensschwächeren Familien ist der Anteil der Kinder mit Übergewicht mit knapp 50 Prozent nahezu doppelt so hoch wie in Haushalten mit höherem Einkommen. 

Genau hier setzt das Regierungsdekret an. Der Schulspeisesaal sei für viele Kinder und Jugendliche häufig die einzige Möglichkeit, am Tag Zugang zu einer gesunden Mahlzeit zu bekommen. Minister Bustinduy spricht deshalb auch von einer sozialen Maßnahme: Das neue Gesetz helfe, Ungleichheit zu bekämpfen, weil es fünf gesunde Mahlzeiten pro Schulwoche garantiere und allen Kindern Zugang zu hochwertigen Lebensmitteln ermögliche, „ohne vom Einkommen ihrer Familie abhängig zu sein“.

Die Vorgaben gehen ins Detail: In den Schulkantinen müssen täglich frisches Obst und Gemüse angeboten werden. Hülsenfrüchte, also zum Beispiel Linsen, Bohnen oder Kichererbsen, werden deutlich aufgewertet. Sie sollen regelmäßig als pflanzliche Eiweißquelle auf dem Speiseplan stehen. Fisch darf ein- bis dreimal pro Woche serviert werden. Rotes Fleisch wird stark begrenzt, verarbeitetes Fleisch wie Würste, Burger oder Aufschnitt darf nur noch selten serviert werden.

Auch bei der Zubereitung zieht Madrid die Zügel an. Frittiertes soll höchstens einmal pro Woche angeboten werden. Industrielle Geschmacksverstärker und Brühpulver sollen verschwinden. Beim Salatdressing ist nur Olivenöl der höchsten Qualitätsstufen erlaubt. Beim Frittieren dürfen ebenfalls nur hochwertige Öle verwendet werden – wobei diese Zubereitungsart ohnehin zurückgedrängt wird. Vollkornprodukte sollen häufiger vorkommen, Salz wird begrenzt.

Besonders wichtig ist der Regierung auch der Kampf gegen zuckerhaltige Getränke. Wasser wird in der Schulkantine zum Standardgetränk. Zuckergetränke verschwinden aus den Menüs. Auf Schulhöfen sollen Trinkwasserbrunnen verfügbar sein. Auch Verkaufsautomaten, Cafeterien und Kioske auf dem Schulgelände werden reguliert. Produkte mit zu viel Zucker, Salz, gesättigten Fetten oder Transfetten dürfen nicht mehr angeboten werden. Energy-Drinks sind tabu, koffeinhaltige Getränke werden stark eingeschränkt.

Damit geht Spanien an einer entscheidenden Stelle weiter als andere europäische Länder: Während anderswo vor allem über Zuckersteuern und Werbeverbote diskutiert wird, greift Spanien direkt in das Angebot von Schulkantinen und Verkaufsautomaten ein. 

Spaniens Reform berührt damit eine Frage, die auch im deutschsprachigen Raum wichtiger wird: Wenn Kinder immer mehr Stunden in öffentlicher Betreuung verbringen, darf der Staat dann beim Essen wegschauen? Spaniens Antwort steht nun auf dem Speiseplan: Wasser, Linsen – und die Rückbesinnung auf die Mittelmeerküche.

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