Erfurt  „Liebe für alle, Hass für keinen“: Zu Besuch in der ersten neu gebauten Moschee in Ostdeutschland – und bei ihren Gegnern

Eric Matt
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Von Eric Matt
| 04.05.2026 19:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Die Moschee der islamischen Reformgemeinde Ahmadiyya in Erfurt im Ortsteil Marbach. Foto: imago/epd
Die Moschee der islamischen Reformgemeinde Ahmadiyya in Erfurt im Ortsteil Marbach. Foto: imago/epd
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Holzkreuze, Schweineköpfe, Tierkadaver: Nach jahrelangen Konflikten hat die reformorientierte Ahmadiyya-Gemeinde im Februar ihre Moschee in Erfurt eingeweiht. Einige Anwohner sind empört.

Es ist 17.17 Uhr in der Mahmud-Moschee in Marbach, einem Ortsteil der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt. Der Imam Kamal Ahmad sitzt in der Eingangshalle vor dem Gebetsraum. Still und geduldig wartet er darauf, dass Gläubige zum muslimischen Nachmittagsgebet in die Moschee strömen. Doch es kommt niemand. Das Gebetshaus bleibt leer.

An mangelnder Bekanntheit liegt das wohl kaum. Die Moschee war schon lange vor dem eigentlichen Bau Gegenstand bundesweiter Diskussionen zwischen Unterstützern und Kritikern des Islam. Das Besondere nämlich: Die Moschee ist das erste neu gebaute muslimische Gebetshaus in Ostdeutschland außerhalb von Berlin.

Mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung gab es in den sogenannten neuen Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen nirgends eine eigens erbaute Moschee.

Im Februar 2026 änderte sich das mit der Eröffnungsfeier in Erfurt-Marbach, seitdem gibt es hier Platz für 150 Gläubige der islamischen Reformgemeinde Ahmadiyya Muslim Jamaat. Diese hat ihre Ursprünge im Jahr 1889 in Pakistan und zählt in Deutschland rund 50.000 Anhänger.

Kamal Ahmad, 37 Jahre alt, ist der Imam der Gemeinde. Er sitzt in der Moschee vor einer mit Mosaiken verzierten Wand, trägt ein weißes Hemd, eine beige Hose und braune Segelschuhe.

Ausgebildet wurde Ahmad nicht im Ausland – etwa in der Türkei oder im Iran, wo mitunter radikalislamische Ideologien vermittelt werden –, sondern im südhessischen Riedstadt. Dort betreibt die Ahmadiyya-Gemeinde seit 2012 eine eigene Imam-Schule. „Ich bin sehr dankbar, dass wir diese Möglichkeit in Deutschland haben“, sagt Ahmad.

Für ihn sei es wichtig, als Brücke zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu agieren und ständig im Dialog für die Demokratie zu stehen. „Wir als reformierte Muslime sind am besten integrierbar in die deutsche Gesellschaft und müssen uns konstruktiv beteiligen.“

Tatsächlich versteht sich die Gemeinschaft als reformorientiert und setzt sich für einen friedlichen Islam und für eine Integration in die Mehrheitsgesellschaft ein. Zumindest offiziell betont sie etwa die Gleichwertigkeit von Frau und Mann oder die Trennung von Religion und Staat. Das zentrale Motto, das auch auf der Moschee in Erfurt steht, ist: „Liebe für alle, Hass für keinen“.

An dieser Darstellung gibt es jedoch auch Zweifel. Öffentliche Darstellung und tatsächliche Ausrichtung klafften auseinander, sagen Kritiker. Eine offen gelebte Kultur des Austauschs mit Andersgläubigen fehle, und die Ahmadiyya-Gemeinschaft unterscheide sich kaum von konservativ-islamischen Gemeinschaften.

In vielen muslimischen Ländern wird die Ahmadiyya-Gemeinde als Sekte gesehen und ihre Mitglieder als Ungläubige verfolgt. Dies liegt an einer abweichenden Auslegung der Botschaft Gottes. So gehen die meisten muslimischen Gemeinden davon aus, dass der Prophet Mohammed der letzte Prophet und somit letzter Gesandter Gottes war. Die Ahmadiyya-Mitglieder hingegen glauben, dass der Gründer ihrer Gemeinde ebenfalls ein Prophet war.

In Deutschland reicht die Geschichte der Ahmadiyya-Gemeinde zwar mehr als hundert Jahre zurück, und sie genießt in manchen Bundesländern den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, wird dort also wie evangelische oder katholische Kirchen behandelt.

Die Widerstände gegen den ersten Bau einer Moschee in Ostdeutschland waren – und sind – dennoch enorm. Immer wieder fahren Polizeiautos durch den Stadtteil, um nach der Sicherheit der Ahmadiyya-Mitglieder zu schauen. Denn vor allem in Ostdeutschland und in Thüringen, wo die Alternative für Deutschland (AfD) auf knapp 40 Prozent in jüngsten Umfragen kommt, ist die Skepsis gegenüber dem Islam groß.

Der Thüringer Verfassungsschutz stuft die hiesige AfD als „erwiesen rechtsextremistische Bestrebung gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung“ ein. Zudem darf Björn Höcke, der AfD-Landesvorsitzende von Thüringen, seit 2019 per Gerichtsentscheid als „Faschist“ bezeichnet werden.

Ausgerechnet in diesem Bundesland steht nun eine Moschee. In einem ländlich geprägten Ortsteil mit 4200 Einwohnern und unzähligen Kleingärten.

Das sorgte sofort für Protest. Kurz nach Ankündigung des Bauvorhabens stellten Anfang 2017 Gegner neben dem Baugelände bis zu zehn Meter große Holzkreuze auf, um zu signalisieren, dass muslimisches Leben hier nicht erwünscht sei.

Die Bischöfe der katholischen und der protestantischen Kirche sprachen sich zwar gegen einen derartigen Protest aus und verwiesen auf das Recht zur freien Ausübung der Religion. Ähnlich äußerte sich die jüdische Gemeinde.

Das Intervenieren der Geistlichen aber befriedete die Situation kaum, wenig später spießten Unbekannte Schweineköpfe, Schweinepfoten und andere Tierkadaver auf dem Gelände der heutigen Moschee auf. Aus Furcht vor Einschüchterungen hielten sich einige Handwerksbetriebe beim Bau zurück oder lehnten Aufträge ab.

Tabea Schwarzkopf, 56 Jahre alt, ist seit 2017 als Pfarrerin für Marbach zuständig. Sie weiß, wie sehr das Thema einige Bewohner des Stadtteils beschäftigt.

Schwarzkopf sitzt in einem modernen Café in der Erfurter Innenstadt. Vor ihr steht ein glutenfreier Karottenkuchen, im Hintergrund läuft Popmusik, die Siebträgermaschine rattert. Ihr ist wichtig zu betonen, dass sie keine Gegnerin der Moschee sei. „Die verfassungsrechtlich garantierte Religionsfreiheit erlaubt den Bau ausdrücklich.“ Außerdem stelle die Ahmadiyya-Gemeinde keine Gefahr dar und bewege sich im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Doch auch sie sei „nicht naiv“ und sehe manches „durchaus kritisch“. So teile sie etwa nicht das Rollenverständnis von Frauen, wünsche sich beispielsweise, dass eine Frau Imamin werden könne. „Das würde ich unter einer echten Gleichberechtigung verstehen. Das sieht die Ahmadiyya-Gemeinde anders.“

Schwarzkopf wirkt nachdenklich. Bei jedem Wort, jedem Satz. Man merkt, wie sie abwägt, lange überlegt. Erst dann spricht sie. Sie möchte nicht falsch verstanden werden, niemandem auf die Füße treten. Auch das Missionsziel der Ahmadiyya-Gemeinde sieht Schwarzkopf kritisch. Tatsächlich gilt die Bewegung als eine der weltweit am stärksten wachsenden islamischen Gruppierungen.

Das verunsichert viele Bewohner. Sami Erfurt lebt am Ende der Straße, in der die Moschee steht. Er trägt Latzhose und Arbeitsjacke, hat dreckige Hände von der Gartenarbeit. Erfurt sagt, er persönlich habe „überhaupt kein Problem“ mit dem Bau der Moschee.

Doch die Stimmung im Stadtteil sei lange „feindselig“ gewesen. „Angebliche Christen“ hätten das Thema für die eigene politische Agenda benutzt, „um die Muslime zu vertreiben“. Er bezeichnet sich selbst als gläubigen Christen im Sinne der Bibel und nicht der christlichen Kirche. „Wenn hier Kirchen und Synagogen stehen können, warum dann nicht auch eine Moschee?“, fragt Erfurt.

Seine Mutter sieht das anders. Möchte sie anfangs nicht sprechen, platzt sie plötzlich in das Gespräch. Sie hat ihr Handy fest in der Hand, am anderen Ende der Leitung ist eine befreundete Nachbarin. Beide Frauen waren gegen den Bau der Moschee.

Die Mutter sagt: „Wir wollten die Moschee nicht hier haben. Wir haben Widerstand über Jahre geleistet.“ In Deutschland würden die Moscheen „wie Pilze aus dem Boden schießen“. Die Frau am Telefon stimmt zu. Die Bewohner hätten Angst vor Anschlägen sowie Ausschreitungen zwischen Islamisten und Rechtsextremisten.

Die Mutter behauptet, Christen sei es schließlich auch verboten, in arabischen Ländern Kirchen zu bauen. Pauschal ist dies zwar nicht richtig, in Ägypten etwa gibt es Millionen von Christen. Viele von ihnen aber können ihre Religion tatsächlich nicht frei ausüben. „Dort wird man bespuckt, bestraft, manchmal sogar getötet. Für diese Menschen gibt es nur Allah“, sagt die Anwohnerin. Die Ahmadiyya-Mitglieder nennt sie „Mullahs“ und fragt: „Was hat eine Moschee hier zu suchen?“

Die Antwort auf diese Frage lässt sich womöglich in der Eingangshalle der Moschee finden. Vor dem Gebetsraum liegen unzählige Hefte und Bücher, in deutscher und arabischer Schrift. Es geht um die Grundlagen des Islam, um den „heiligen Koran“ oder darum, warum Frauen Kopftuch tragen sollten. Zu sehen ist der islamische Halbmond.

Direkt daneben liegen Broschüren mit schwarz-rot-goldenem Bundesadler und dem Schriftzug „Liebe und Loyalität zum Heimatland“. Ein anderer Flyer zeigt zahlreiche Deutschland-Flaggen, darin steht: „Es ist die Pflicht jener, die in Deutschland leben, dass sie sich komplett loyal zu Deutschland bekennen und dem Land dienen.“

Zwar lässt sich nicht sicher beantworten, ob die Ahmadiyya-Gemeinschaft tatsächlich derart von der Bundesrepublik überzeugt ist oder es sich vielmehr um eine kluge Inszenierung handelt. Dennoch: Der islamische Halbmond neben dem deutschen Bundesadler – ob ein solcher Islam zu Deutschland gehört?

Dieser Text erschien zuerst in der „Neuen Zürcher Zeitung“.

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