Osnabrück Harald Krassnitzer über das Älterwerden: „Ich empfinde ähnliche Gefühle wie mit 14“
Am 7. Mai kommt „Der verlorene Mann“ in die Kinos. Schauspieler Harald Krassnitzer spielt darin einen Demenzkranken. Im Interview spricht er über Begegnungen mit Betroffenen und das eigene Altern.
Harald Krassnitzer spielt in dem Demenzdrama „Der verlorene Mann“ einen älteren Herrn, dem der Verlust seiner geistigen Fähigkeiten droht. Im Interview erklärt er, warum er sein eigenes Altern nicht als Beschwernis empfindet, und berichtet von der bedrückenden Begegnung mit Betroffenen.
Frage: Herr Krassnitzer, „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“, hat Ihr Landsmann Udo Jürgens einst gesungen. Viele Menschen sehen das anders und hadern mit dem Alter. Sie auch?
Antwort: Im Gegenteil, ich fühle mich sehr lebendig und betrachte das Alter nicht als Beschwernis. Allerdings werde ich ja auch erst im September 66. Tatsächlich empfinde ich sogar ganz ähnliche Gefühle wie mit 14, als ich mich gefragt habe, wie es wohl sein wird, wenn ich 20 bin. Ich verbringe mein Leben voller Vorfreude auf die Dinge, die noch kommen.
Frage: Sie erfreuen sich guter Gesundheit. Sind Sie dankbar dafür?
Antwort: Das würde ja implizieren, dass ich etwas anderes erwartet hätte, weil ich eines Tages erkannt habe: Um Gottes willen, jetzt werde ich alt! Dieses Gefühl hatte ich aber nie. Ich war immer neugierig auf alles, was ansteht, und habe Veränderungen nie gefürchtet oder als bedrohlich wahrgenommen.
Frage: Welche Veränderungen sind das heute vor allem?
Antwort: Fußball geht noch, aber nicht mehr über 90 Minuten, Bergsteigen geht auch noch, aber keine Dreitausender mehr. Ich empfinde das aber nicht als Einschränkung, weil sich in vielen Bereichen neue Türen und Tore öffnen. Es gibt noch so viel zu entdecken und auszuprobieren, das ist viel zu spannend, um damit zu hadern, dass mir manches nicht mehr so leichtfällt wie vor 20 Jahren.
Frage: Andere Menschen schauen vor allem auf die Türen, die sich nicht mehr öffnen.
Antwort: Aber welche Schlussfolgerung soll man aus dieser Erkenntnis ziehen, welche Haltung resultiert daraus? Dass man mit dem Leben abschließt? Das kann man natürlich tun, aber ist das dann noch ein sinnstiftendes, zufriedenes oder gar glückliches Dasein? Außerdem ist es doch von frühester Kindheit an so, dass sich Türen für immer schließen: Erst gibt’s keine Mutterbrust mehr, dann wird man nicht mehr getragen und muss selber laufen, schließlich endet die Vollbetreuung. Das gesamte Leben besteht aus Veränderungen, und in gewisser Weise ist das doch auch der Sinn der Sache.
Frage: Sie haben in den letzten Jahren in mehreren Filmen mitgewirkt, in denen es vor allem um Veränderungen ging, die das Alter mit sich bringt. Haben Sie diese Geschichten gesucht oder haben diese Geschichten Sie gefunden?
Antwort: Sowohl als auch. Den Anstoß zu dem ARD-Film „Aus dem Leben“ zum Beispiel haben meine Frau Ann-Kathrin Kramer und ich gegeben, weil wir uns mit dem Thema Schlaganfall befassen wollten. Wir haben uns gefragt, wie man so eine Geschichte erzählen kann, ohne dass daraus ein typisch gefühlsduseliges Betroffenheitsdrama wird. Wir wollten wissen, wie ein derartiges Ereignis das Dasein eines Ehepaars und seines Umfelds verändert. Wir leben in einer Welt, in der ständig die Defizite betont werden: Wenn du krank bist, nimmst du nicht mehr am Leben teil. Das stimmt aber gar nicht: Wenn einem so etwas wie ein Schlaganfall widerfährt, nimmt man erst recht am Leben teil, weil man alles viel intensiver erlebt; vorausgesetzt, man ist bereit, sich darauf einzulassen.
Frage: Das ist leicht gesagt, wenn man das Glück hatte, von solchen Schicksalsschlägen verschont geblieben zu sein.
Antwort: Das ist wahr, und wer weiß, was alles noch auf mich zukommt, aber an meiner Haltung, solche Ereignisse nicht hin-, sondern anzunehmen, wird sich hoffentlich nichts ändern. Davon abgesehen bin ich jedes Mal sehr froh darüber, wenn ich mich mit diesen Themen auch im Film auseinandersetzen darf und mich zum Beispiel mit Adele Neuhauser im „Tatort“ aus Wien darüber austauschen kann, wie Moritz Eisner und seine Kollegin Bibi Fellner mit ihrer Angst vor dem Alter umgehen.
Frage: In dem Drama „Der verlorene Mann“ spielen Sie Kurt, einen älteren Herrn, der eines Tages vor dem Haus seiner früheren Frau Hanne und ihres neuen Lebensgefährten Bernd steht, weil er vergessen hat, dass er seit 30 Jahren geschieden ist. Gab es eine besondere Vorbereitung auf diese Rolle?
Antwort: Wir alle, also auch Dagmar Manzel und August Zirner, haben einen sogenannten Demenzparcours absolviert. Dabei muss man zum Beispiel ein Spielzeugauto über eine bestimmte Strecke bewegen, sieht aber nur das Spiegelbild. Das Gehirn erhält also permanent eine gegenläufige Information. Das ist eine echte Herausforderung, weil unser Sehsinn so dominant ist. Bei der letzten von mehreren Übungen bekommt man einen dicken Mantel, Handschuhe sowie eine Brille, mit der sich die Umgebung nur noch verschwommen erkennen lässt, und dann soll man die Knöpfe schließen. Am Ende waren wir alle schweißgebadet, aber wir haben gelernt, wie Demenzkranke die Welt wahrnehmen. Für sie ist das kein Spiel. Deshalb brauchen sie ein liebevolles, geduldiges Umfeld, das sie unterstützt und ihnen die Zeit gibt, die sie brauchen.
Frage: Sie haben unter anderem in einer Wohngemeinschaft mit Demenzkranken gedreht. Wie haben Sie das erlebt?
Antwort: Schauspiel ist Simulation, eine Annäherung, aber dort sind wir mit dem realen Leben konfrontiert worden. Da kann man nicht den Kasper machen und so tun, als wäre man einer von ihnen, das wäre hochgradig respektlos gewesen. Aber wenn man sich intensiv auf die Situation einlässt, kann man erahnen, was dieser Vorgang der schleichenden Auslöschung bedeutet. Unser Beruf hat viel mit Vergegenwärtigung zu tun, mit einer intensiven Wahrnehmung dessen, was gerade passiert. Die Szene, die wir dort gedreht haben, war ein Abschied: Hanne gibt Kurt in der WG ab und sagt: „Ich bin gleich wieder da“, doch es ist klar, dass es kein Wiedersehen geben wird. Diese Endgültigkeit, die Erkenntnis, dass Kurt fünf Minuten später vergessen haben wird, was gerade passiert ist, dazu der Gedanke einer plötzlichen Vereinsamung inmitten von Menschen: Dieses Gefühl hat mich derart überwältigt, dass ich um eine Pause bitten musste. Aber das war genau das, was wir mit dem Film erreichen wollten: keine Simulation, sondern echtes Erleben. So verstehe ich meine Arbeit.
Frage: Demenz äußert sich aber nicht nur in Form von geistigen Einschränkungen.
Antwort: Das stimmt, Füße und Arme bewegen sich anders, die Reflexe entziehen sich der bewussten Koordination, aber wichtiger für mein Spiel war eine andere Beobachtung: Die Stimmung kann jederzeit kippen, in die eine wie in die andere Richtung, weil die Betroffenen eine ganz gewöhnliche Situation urplötzlich als zutiefst bedrohlich empfinden. Oft sind die Auslöser kleine Anlässe, die man als Außenstehender gar nicht wahrnimmt, und auf einmal entsteht aus scheinbar heiterem Himmel eine Angst oder eine Wut, weil die Betroffenen ein Geräusch hören, das für uns ganz normal ist.
Frage: Regisseur Welf Reinhart betont, „Der verlorene Mann“ sei dennoch kein Demenzdrama, sondern ein Liebesfilm. Sehen Sie das auch so?
Antwort: Ja, und das ist uns allen sehr wichtig. Natürlich musste ich mich für meine Rolle intensiv mit der Krankheit auseinandersetzen, aber uns drei hat viel mehr berührt, dass wir gezwungen waren, über Liebe und Freundschaft neu nachzudenken. Daraus ist über das Ende der Dreharbeiten hinaus eine tiefe Freundschaft entstanden. Auch deshalb kamen wir schließlich an einen Punkt, an dem wir uns nicht länger hinter unserer Professionalität verstecken konnten, sondern uns unbequemen Fragen stellen mussten: Was ist denn eigentlich meine Achillesferse, wovor habe ich Angst, wie gehe ich damit um, wie können wir uns gegenseitig stützen? Diese Form der Resonanz untereinander habe ich selten bei Dreharbeiten erlebt. „Der verlorene Mann“ wirkt unspektakulär, es gibt keine Actionszenen und keine vordergründige Botschaft, aber die Geschichte ist unglaublich berührend und hat mich sehr an François Truffauts Klassiker „Jules und Jim“ aus dem Jahr 1962 erinnert.