Feindliche Übernahme? Showdown im Ringen um die Commerzbank

Jörn Bender, Alexander Sturm und Steffen Weyer, dpa
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Von Jörn Bender, Alexander Sturm und Steffen Weyer, dpa
| 04.05.2026 09:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Wird die Commerzbank von der Unicredit übernommen? Die Italiener machen Druck. (Archivbild) Foto: Michael Brandt
Wird die Commerzbank von der Unicredit übernommen? Die Italiener machen Druck. (Archivbild) Foto: Michael Brandt
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Seit Monaten wehrt sich die Commerzbank gegen eine drohende Übernahme. Die Unicredit setzt den Dax-Konzern immer mehr unter Druck. Wie geht es weiter im Gezerre zwischen Frankfurt und Mailand?

Schluckt die Unicredit Deutschlands zweitgrößte Privatkundenbank? Seit mehr als eineinhalb Jahren versucht die Commerzbank, ihre Eigenständigkeit gegen zunehmenden Druck der Großbank aus Mailand zu verteidigen. Die Unicredit treibt ihre Pläne zur Übernahme des Frankfurter Dax-Konzerns trotz vehementer Widerstände aus Deutschland voran.

Nun stimmten die Unicredit-Aktionäre bei einer außerordentlichen Hauptversammlung der notwendigen Kapitalerhöhung zu, wie die Bank in Mailand mitteilte. Die Anteilseigner genehmigten bis zum 31. Dezember 2027 eine Kapitalerhöhung in Höhe von bis zu gut 6,7 Milliarden Euro. Die Unicredit kann in diesem Rahmen bis zu 470 Millionen neue Aktien ausgeben. 

Auf dieser Basis kann die italienische Großbank ihr Mitte März angekündigtes Angebot zur Übernahme sämtlicher Commerzbank-Anteile offiziell machen. Schon an diesem Dienstag (5.5.) soll das nach Worten von Unicredit-Chef Andrea Orcel geschehen. Am Freitag (8.5.) will dann die Commerzbank neue Finanzziele vorlegen, die ihre Aktionäre von einem eigenständigen Kurs überzeugen sollen - möglicherweise inklusive eines weiteren Stellenabbaus.

Unicredit-Chef Andrea Orcel beschwört die Vorzüge größerer Banken in Europa, die „industrielle Logik“ sei klar. (Archivbild) Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com
Unicredit-Chef Andrea Orcel beschwört die Vorzüge größerer Banken in Europa, die „industrielle Logik“ sei klar. (Archivbild) Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Unicredit will Commerzbank kaufen

Mitte März hatte die Unicredit angekündigt, sie wolle je Commerzbank-Papier 0,485 neue Unicredit-Papiere bieten. Das entspreche einem Preis von 30,80 Euro pro Commerzbank-Anteil oder einem Aufschlag von vier Prozent zum Schlusskurs vom 13. März. Auf dieser Basis bewertete die Unicredit die Commerzbank mit knapp 35 Milliarden Euro. Allerdings notierten Commerzbank-Aktien zuletzt deutlich höher, um die 35 Euro. Orcel hat sich offen gehalten, die Offerte nachzubessern.

Mit dem freiwilligen Tauschangebot will Orcel sich weitere Commerzbank-Anteile sichern und die Schwelle von 30 Prozent überschreiten, ohne ein - wahrscheinlich teureres - Pflichtangebot vorlegen zu müssen. Der Manager zeigte sich zuletzt siegessicher: „Der Prozess ist nicht mehr aufzuhalten“, sagte Orcel jüngst der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Ich bin zuversichtlich, dass es am Ende so kommen wird, weil die industrielle Logik klar ist und man am Ende des Tages nicht gegen die Schwerkraft ankommt.“ Orcel hat bei seinem Vorgehen die volle Zustimmung des Unicredit-Verwaltungsrates. 

Ließ sich der Bund überrumpeln?

Eine unglückliche Rolle im Übernahmepoker spielt der deutsche Staat. Alles begann im September 2024: Der Bund, der die Commerzbank in der Finanzkrise 2008/2009 mit Steuermilliarden vor dem Kollaps bewahrt hatte und seither an ihr beteiligt ist, beschloss, 4,49 Prozent seiner Commerzbank-Aktien zu verkaufen. Der damalige Finanzminister Christian Lindner (FDP) begründete den Schritt wenig später damit, die Commerzbank sei „ein starkes Institut“. Weil sie sich so gut entwickelt habe, sei eine Staatsbeteiligung „auf Dauer nicht nötig“.

Was die damalige Ampel-Regierung offensichtlich unterschätzt hatte: Wie rasant und konsequent der Investmentbanker Orcel die Beteiligung an der Commerzbank ausbauen würde. „Wird die Commerzbank italienisch?“, fragten Kommentatoren schon bald nach dem Unicredit-Einstieg bang. Gewerkschaften warnten vor einem „Kahlschlag“ mit dem Abbau Tausender Stellen. Aus Berlin kam immer wieder die Botschaft: Wir wollen eine eigenständige Commerzbank.

Objekt der Begierde: die Commerzbank in Frankfurt. (Archivbild) Foto: Michael Brandt
Objekt der Begierde: die Commerzbank in Frankfurt. (Archivbild) Foto: Michael Brandt

Nach jüngsten Angaben kontrollieren die Italiener direkt über Aktien und indirekt über Finanzinstrumente 29,99 Prozent der Commerzbank-Anteile. Für weitere 2,65 Prozent hat sich die Unicredit den Kaufpreis der Papiere gesichert, aber nicht das Kaufrecht selbst. Der Bund hält noch gut 12 Prozent der Anteile an dem Dax-Konzern und lässt zwei Vertreter im Commerzbank-Aufsichtsrat die Geschicke der Bank kontrollieren.

Größere Banken für Europa

Die Unicredit, die im deutschen Markt mit der Hypovereinsbank (HVB) bereits ein Standbein hat, sieht eine Übernahme der Commerzbank als Chance, bessere Geschäfte mit Privat- und Mittelstandskunden zu machen. Zudem argumentiert Orcel immer wieder, Europa brauche im Wettlauf mit den starken US-Geldhäusern größere Banken.

Diesen Teil der Diagnose teilen viele Experten. Jüngst schrieb die Chefin der Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB), Claudia Buch, in einem Gastkommentar im „Handelsblatt“, es gebe Handlungsbedarf: Der europäische Bankensektor zeige „eine fragmentierte Marktstruktur, welche die Widerstandskraft künftig schwächen, die Stabilität beeinträchtigen und die Wettbewerbsfähigkeit der Banken einschränken könnte“. Buchs Fazit: Es brauche „einen klaren Therapieplan für die europäischen Banken“.

Orcels Plan

Seinen Plan für die Zukunft der Commerzbank präsentierte Unicredit-Chef Orcel kürzlich auf 34 Powerpoint-Folien. Demnach könnten bei einer Übernahme etwa 7.000 Stellen in Deutschland entfallen. Das Auslandsnetz der Commerzbank hält die Unicredit für „überdimensioniert“ und „ineffizient“. Orcels schonungsloses Fazit: Der derzeitige Kurs der Commerzbank werde „mittelfristig ihr Überleben gefährden“.

Orlopp leistet heftigen Widerstand

Das sieht der Commerzbank-Vorstand naturgemäß anders. Konzernchefin Bettina Orlopp, die die Führung des Dax-Konzerns am 1. Oktober 2024 mitten in der beginnenden Übernahmeschlacht angetreten hatte, sieht keinen Mehrwert in einem Zusammenschluss.

Will mit steigenden Gewinnen und ehrgeizigen Finanzzielen der Commerzbank ihre Eigenständigkeit bewahren: Vorstandschefin Bettina Orlopp. (Archivbild) Foto: Hannes P. Albert/dpa
Will mit steigenden Gewinnen und ehrgeizigen Finanzzielen der Commerzbank ihre Eigenständigkeit bewahren: Vorstandschefin Bettina Orlopp. (Archivbild) Foto: Hannes P. Albert/dpa

Mit den neuen Finanzzielen, die die Commerzbank zusammen mit den Zahlen für das erste Quartal veröffentlichen will, möchte das Frankfurter Institut das Heft des Handelns wieder in die Hand nehmen. Die Hauptversammlung am 20. Mai dürfte ein erster Stimmungstest werden, inwiefern das gelungen ist.

Bei der Commerzbank-Hauptversammlung könnte es erneut Proteste gegen die Unicredit geben. (Archivbild) Foto: Arne Dedert
Bei der Commerzbank-Hauptversammlung könnte es erneut Proteste gegen die Unicredit geben. (Archivbild) Foto: Arne Dedert

Gelingen in aufgeheizter Stimmung noch Gespräche?

Orlopp, die zwischenzeitlich noch zur Kenntnis nehmen musste, dass ihr Vorgänger Manfred Knof kurz nach dem Unicredit-Einstieg heimlich Orcel bei sich zu Hause empfing, wirft dem Unicredit-Chef eine „anhaltend feindliche Taktik und irreführende Darstellungen“ vor. 

Es passt zu dieser Sicht auf die Dinge, dass die Finanzaufsicht Bafin der Unicredit einen Rüffel wegen Social-Media-Anzeigen zulasten der Commerzbank erteilte. Die Behörde rügte die „reißerische und unsachliche Aufmachung“, die Unicredit zog die Anzeigen zurück.

Zwar betont die Commerzbank regelmäßig, man verweigere sich Gesprächen mit der Unicredit nicht. Doch die Hürden sind angesichts vieler gegenseitiger Vorwürfe gewaltig. Wie Orlopp und Orcel eine gemeinsame Linie finden sollen, bleibt offen.

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