Osnabrück  Wenn das eigene Zuhause zur Falle wird: „Rosenstraße 76“ zeigt Facetten häuslicher Gewalt in Osnabrück

Jakob Rüter
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Von Jakob Rüter
| 03.05.2026 17:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Häusliche Gewalt bleibt oft im Verborgenen: Die Ausstellung „Rosenstraße 76“ in Osnabrück an der BBS Pottgraben sensibilisiert für unsichtbare Formen wie soziale und finanzielle Gewalt. Foto: Leon Randel
Häusliche Gewalt bleibt oft im Verborgenen: Die Ausstellung „Rosenstraße 76“ in Osnabrück an der BBS Pottgraben sensibilisiert für unsichtbare Formen wie soziale und finanzielle Gewalt. Foto: Leon Randel
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Ein kontrolliertes Haushaltsbuch, manipulierte Chat-Nachrichten. Eine Ausstellung in der BBS Pottgraben in Osnabrück macht unsichtbare Gewalt im Alltag sichtbar. Sie zeigt Warnsignale, die Betroffene, Nachbarn und Freunde kennen sollten.

Treppenstufen am Eingang führen in das Untergeschoss der BBS Pottgraben in Osnabrück. Betonwände, Neonröhrenlicht, die kühle Luft einer Schule. Nichts deutet darauf hin, dass sich hinter der Tür unter der Treppe eine nachgestellte Familienwohnung verbirgt. Eine Fußmatte, ein Türschild: „Rosenstraße 76“. Es sieht aus wie überall. Und genau das ist der Punkt.

Wer den ersten Raum der Ausstellung betritt, steht in einem hellen, ordentlichen Wohnzimmer. Keine offensichtlichen Scherben, keine Blutspritzer. „Gewalt beginnt nicht immer mit einem Schlag“, sagt Projektleiterin und Diplom-Sozialpädagogin Barbara Kemper. Im Jahr 2005 startete die Idee als Wanderausstellung. Seit zehn Jahren besteht die Ausstellung nun am Pottgraben und ist an der Schule fest zugänglich.

Auf dem Couchtisch liegt ein Smartphone. Wer die Chats liest, findet Anzeichen einer Beziehung mit einem starken Machtgefälle. Der Mann redet seiner Frau ein schlechtes Gewissen ein, weil sie Zeit mit ihren Freundinnen verbringt, er kritisiert ihr Aussehen. Es sind Beispiele für soziale und psychische Gewalt. „Isolation ist oft die erste Stufe“, sagt Kemper. Wer niemanden mehr hat, hinterfragt den Täter nicht, fühlt sich gefangen oder gibt sich selbst die Schuld.

Ein Haushaltsbuch auf der Küchenzeile. Jede Quittung ist kommentiert, jede Ausgabe vom Partner kontrolliert. Diese finanzielle Gewalt schafft Abhängigkeiten, die eine Flucht aus der Beziehung oft unmöglich machen. „Vieles nehmen Betroffene im ersten Moment nicht als Gewalt wahr“, erklärt Kemper. Das gilt für beide Seiten. Sprachaufnahmen in der Ausstellung zeigen einen Vater, der in seiner Wut gefangen ist und sie selbst nicht versteht.

Die „Rosenstraße 76“ zeigt, dass Gewalt selten nur die Partner betrifft. Ein Kinderzimmer macht die Auswirkungen auf die jüngeren Familienmitglieder deutlich. Sie sind oft nicht das direkte Ziel, aber sie atmen die Angst ein. „Kinder übernehmen Rollen, die die Eltern nicht mehr ausfüllen können“, sagt Kemper. Schlafstörungen und Angstzustände sind die stillen Symptome einer Kindheit im Ausnahmezustand.

Der Name der Ausstellung ist kein Zufall. „In fast jedem Ort gibt es eine Rosenstraße“, sagt Kemper. Er steht für die Allgegenwärtigkeit des Themas. Gewalt in Partnerschaften zieht sich durch alle Schichten der Gesellschaft. Das zeigen immer wieder auch Gewalttaten und Tötungsdelikte in der Region, wie in den vergangenen Monaten im Schinkel und in Wallenhorst.

Die Relevanz des Themas zeigt sich auch in der Statistik der Polizeiinspektion Osnabrück für das Jahr 2025. Die Fallzahlen im Bereich der häuslichen Gewalt sind auf einem Höchstwert. „Wir haben in den vergangenen Jahren für das Thema sensibilisiert, was den Anstieg mitbegründet. Es ist dennoch wichtig, herauszufinden, ob die Zahl tatsächlich wächst“, sagt Polizeiinspektionsleiter Oliver Voges. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen, da viele Betroffene den Weg zur Polizei erst nach Jahren der Misshandlung finden. Meist wird laut Kemper nur körperliche und sexuelle Gewalt zur Anzeige gebracht.

Ein Zimmer hinter der Küche führt ins Zimmer von Oma Erna. „Häusliche Gewalt kann ebenso in Pflegesituationen auftreten – von beiden Seiten“, sagt Kemper. Dreckige Kleidung und eine Fernbedienung, die für die Seniorin vom Bett unerreichbar ist, deuten auf Vernachlässigung der zu pflegenden Person hin. Auch hier spielt Isolation eine große Rolle. Dazu kommen Angehörige, die nicht geschult sind oder denen die Zeit fehlt. Die Erweiterung zum Pflegezimmer ist laut Kemper nur bei Ausstellungen offen, wo die Besucher ein besonderes Interesse an Pflege haben.

Wer die Wohnung am Ende durch den Flur verlässt, wird nicht mit dem Unbehagen alleingelassen. Zahlreiche Flyer und Infobroschüren bieten hier konkrete Hilfsangebote an. Barbara Kemper betont, dass der Dialog nach dem Besuch entscheidend ist. In der dreiviertelstündigen Begehung sammeln die Besucher Eindrücke, die anschließend in der Gruppe aufgearbeitet und besprochen werden. Es geht darum, Sprachlosigkeit zu überwinden – sowohl bei potenziellen Opfern als auch bei einem Umfeld, das wegsieht.

Die Ausstellung ist für Schulklassen ab der neunten Jahrgangsstufe, Pflegeklassen sowie für jegliche andere Gruppen bei Anmeldung zugänglich. Jeden ersten Samstag im Monat gibt es zudem eine öffentliche Führung am Pottgraben 4 in Osnabrück.

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