Osnabrück Cold Cases: Wie ein Saugroboter beim EMAF Osnabrücker Geschichte auf die Straße bringt
Allein 1000 Besucher hat das European Media Art Festival (EMAF) bei der Eröffnung gezählt. Auch sonst waren Filmprogramme und Ausstellungen gut besucht. Dabei gab sich das Festival dezidiert politisch – und durchaus zugänglich.
Die Stimme kommt aus der Maschine, genauer: aus einem Saugroboter. Aber es klingt schon süß, wenn der fahrende Teller „Follow me“ sagt, einmal, zweimal, dreimal. Er holpert übers Kopfsteinpflaster zwischen Rathaus, Marienkirche und Stadtbibliothek, gefolgt von zwei Dutzend Menschen, bleibt auf seinem Weg immer wieder stehen und erzählt Geschichten. Osnabrücker Geschichten. Die sind weniger süß, sondern, im Gegenteil, ganz schön bitter.
Der Stadtrundgang mit Saugroboter ist ein Projekt der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (HfG). Zehn Studenten unter der Anleitung ihrer Dozentin Diana McCarty haben sich dafür in die Osnabrücker Geschichte vertieft, mit dem Ziel, Verbrechen aufzudecken. Keine aktuellen Fälle, sondern eher Cold Cases aus der Geschichte Osnabrücks.
Es geht da um die 121 Frauen, die der damalige Osnabrücker Bürgermeister Rudolf Hammacher in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit dem Vorwurf der Hexerei auf den Scheiterhaufen schickte. Es geht um Sklaverei, Kolonialismus, Femizide, um Morde, die die Nazis verübten, kurz: um die Vergangenheit jenseits der Errungenschaften des Westfälischen Friedens.
„CSI:“ nennt sich dieses studentische Kunstprojekt, angelehnt an die gleichnamige Krimiserie und den englischen Begriff für die Spurensicherung am Tatort. Genau das haben die Karlsruher Studenten getan, um damit das EMAF raus aus den Kino-Vorführsälen und den Ausstellungsorten hinein in die Stadt zu tragen.
Zum 39. Mal ist das Medienkunstfestival nun in Osnabrück über die unterschiedlichsten Bühnen gegangen: Filmprogramm in Lagerhalle, Haus der Jugend und Filmtheater Hasetor, Installationen im Kunstraum Hase29 und beim Bund Bildender Künstler, Videoinstallationen in der Kunsthalle (dort läuft die Schau noch bis 25. Mai), Gesprächsrunden in der Hase29. Und natürlich die feierliche Eröffnung in der Kunsthalle: Allein dort hat die EMAF-Leitung 1000 Besucher gezählt.
„An Incomplete Assembly“ lautete das Motto in diesem Jahr. Die wörtliche Übersetzung, „eine unvollständige Versammlung“, führt allerdings nicht sehr weit. Im Wesentlichen ging es darum, Institutionen kritisch zu hinterfragen: Städte, Unternehmen, Kunstbetriebe. Was konstituiert sie, welche Strukturen bilden sie aus, wie wirken Institutionen auf den Einzelnen und umgekehrt?
Videoarbeiten in der EMAF-Ausstellung in der Kunsthalle befassen sich damit, etwa die Videoarbeit „Jarramplas“ der deutsch-iranischen Künstlerin Yalda Afsah. Was wie eine gewaltbereite Menge aussieht, ist in Wirklichkeit ein Volksfest, nur verweigert Afsah den Blick auf die Protagonisten des Fests.
Der Film „Frauen in Berlin“ von Chetna Vora zeigt Frauen in der DDR, die frei über Kinder, Männer und Scheidung sprechen. Allerdings ist die Abschlussarbeit so nie gelaufen. Dass das EMAF den Film in seiner vollen Länge von 142 Minuten zeigen konnte, verdankt sich dem Umstand, dass die Künstlerin den Rohschnitt des Filmes auf ein Betttuch projiziert und von da abgefilmt hat.
Und schließlich hinterfragt auch das CSI-Projekt der HfG Karlsruhe eine Institution, nämlich die Institution Friedensstadt. Dazu verschieben die Studenten den Blickwinkel, hin zu Frauen, die im Namen des Rechts und der Religion verbrannt wurden.
Darin zeigt sich der gesellschaftspolitische Anspruch, den das EMAF mit dem Antritt der neuen Leiterin Katrin Mundt verstärkt zum Ausdruck bringt. Ein zentrales Thema ist dabei die Frage, wie die Welt mit dem Schicksal des palästinensischen Volks umgeht. Das hat bereits im Vorfeld des Festivals zu Komplikationen geführt, weil der Künstlerin Basma al-Sharif Antisemitismus und Nähe zur Protestbewegung BDS vorgeworfen wird. Deshalb sah sich die Stadt genötigt, sich von der Künstlerin zu distanzieren, unter Verweis auf die Verantwortung für die jüdischen Mitbürger, aber auch verbunden mit einem Bekenntnis zur EMAF-Leitung und zur Kunstfreiheit.
Tatsächlich gab das Festival palästinensischen Positionen viel Raum – etwa in der „Palestine Library Frankfurt“ im Kunstraum Hase29. Dort war die Rede davon, wie Deutsch-Palästinenser in Deutschland im doppelten Sinn ihrer Heimat beraubt werden: einmal durch den israelischen Krieg in Gaza, zum anderen durch die pro-israelische Haltung im Westen und speziell in Deutschland. Der 7. Oktober 2023 wird dabei immer als Wendepunkt genannt: Seither sehen sich viele Palästinenser in Deutschland mit dem reflexhaften Generalverdacht „antisemitisch“ und „antiisraelisch“ konfrontiert. Das Massaker der Hamas an jenem 7. Oktober bleibt allerdings unerwähnt.
Aber neben allem politischen Anspruch ist das EMAF nach wie vor eine Plattform für zeitgenössische Medienkunst. Das zeigt die Besucherschaft: Alljährlich im April wird Osnabrück zur international bedeutsamen Plattform für Wissenschaftler, Künstler, Kulturinstitutionen und Studenten aus der ganzen Welt. Die Kunst selbst kommt mitunter sperrig daher; Diskursschleifen winden sich girlandengleich darum. Trotzdem bietet das EMAF sinnliche Kunsterlebnisse, und Projekte wie CSI tragen die Festivalbotschaft auf ebenso witzige wie hintergründige Art in die Stadt.
Bevor das im nächsten Jahr startet, gibt es aber noch einen Nachklapp: Am 15. Juni wird in der Lagerhalle über die Künstlerin Basma al-Sharif, über künstlerischen Zuspruch und die Ablehnung durch die Stadt gesprochen. Das EMAF bleibt spannend.