Osnabrück  Meinungsfreiheit in Gefahr? Diese Widerstände erleben Deutsche, wenn sie sagen, was sie denken

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 29.04.2026 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ist es riskant, offen zu sprechen? Laut der aktuellen Mannheimer Studie üben sich viele Deutsche nach eigenen Angaben in Selbstzensur. Foto: picture alliance / imageBROKER
Ist es riskant, offen zu sprechen? Laut der aktuellen Mannheimer Studie üben sich viele Deutsche nach eigenen Angaben in Selbstzensur. Foto: picture alliance / imageBROKER
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Eine Studie zeigt, welche Einschränkungen der Meinungsfreiheit die Deutschen wirklich beklagen. Demnach wurde jeder Zehnte schon als „rechts“ oder „extrem“ diffamiert. Manche erleben sogar Nachteile am Arbeitsplatz.

Dem Kanzler war die ganze Sache unangenehm. In Hunderten Fällen hatten deutsche Behörden in den vergangenen Jahren Strafverfahren gegen Bürger angestrengt, die Friedrich Merz beleidigt haben sollen, auch schon zu seiner Zeit als Oppositionspolitiker. Aber worum genau es in diesen Ermittlungen ging und wer sie geführt hat, wollte das Bundeskanzleramt unter keinen Umständen verraten.

Merz’ Behörde wehrte sich gegen entsprechende Journalistenanfragen lange vor Gericht – und unterlag erst vor wenigen Wochen vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg. Der Bundeskanzler, so wirkt das, ist sich nur allzu bewusst, was beim Zustand der Meinungsfreiheit in Deutschland gerade alles auf dem Spiel steht. Wie empfindlich viele Menschen mittlerweile auf Einschränkungen reagieren.

Umso brisanter klingt das, was ein Mannheimer Forscher jetzt herausgefunden haben will: Richard Traunmüller ist Professor für Empirische Demokratieforschung an der Universität Mannheim und spürt in regelmäßigen Online-Umfragen der politischen Gefühlslage der Deutschen nach. In seinen Studien hat er immer wieder festgestellt, dass sich große Teile der Bevölkerung in ihrer Meinungsfreiheit beschnitten sehen und ihre Sicht auf bestimmte Dinge lieber für sich behalten.

Was er aber lange nicht untersuchen konnte, war die Frage, inwieweit die Furcht dieser Leute womöglich sogar berechtigt ist.

Mittlerweile glaubt Traunmüller, einer Antwort zumindest näher gekommen zu sein. Er hat die jüngsten Ergebnisse seiner schon seit 2012 regelmäßig erneuerten Online-Umfrage ausgewertet, des „German Internet Panel“ (GIP) der Universität Mannheim. Darin werden 16- bis 75-Jährige aus ganz Deutschland zu den verschiedensten Themen befragt. Und bei den aktuellsten drei Umfragen von 2024, 2025 und vom Januar 2026 sollten die Teilnehmer nicht nur sagen, wie frei sie ihre Meinung äußern können. Sondern auch, welche Nachteile sie dafür womöglich schon in Kauf nehmen mussten.

Die Ergebnisse, sagt Traunmüller, lassen nur einen Schluss zu: Dass Millionen Deutsche die Meinungsfreiheit heute für gefährdet halten, „lässt sich nicht als ‚bloßes Gefühl‘ abtun“.

Befragt wurden in den drei Jahren jeweils zwischen 3.180 und 4.153 Personen, die zuvor offline nach Zufallsprinzip ausgewählt wurden. Die Teilnehmer sollten zum Beispiel sagen, ob sie in den letzten zwölf Monaten wegen einer Meinungsäußerung „Probleme bekommen“ hätten, ob man sie danach „scharf kritisiert“ habe oder ob sie dafür als „‚rechts‘ oder ‚extrem‘ bezeichnet“ worden seien. Auch nach Konflikten in den sozialen Medien wegen einer Meinungsäußerung sowie nach Konsequenzen im Berufs- und Privatleben wurde gefragt.

Dabei gab in allen drei Befragungen jeweils rund jeder Zehnte an, für seine Meinung schon einmal als „rechts“ oder „extrem“ bezeichnet worden zu sein. Rund jeder Fünfte war „scharfer Kritik“ ausgesetzt. Vier Prozent der Befragten sagen, sie hätten sogar Freundschaften verloren, und berufliche oder juristische Probleme wollen ein bis zwei Prozent erlebt haben.

Hochgerechnet auf die gesamte deutsche Bevölkerung wären das absolute Zahlen, die erheblich klingen: Traunmüller schätzt, dass demnach jedes Jahr 11,5 bis 14 Millionen Menschen in Deutschland „scharfe Kritik“ für politische Aussagen erlebt hätten. 5,5 bis 8 Millionen Menschen seien als „rechts“ oder „extrem“ gelabelt worden. 1,9 bis 2,9 Millionen Menschen hätten demnach Freunde oder Bekannte verloren, und 0,6 Millionen bis 1,5 Millionen hätten Probleme am Arbeitsplatz bekommen.

Welche Probleme genau das gewesen sein sollen oder was überhaupt unter „scharfer Kritik“ zu verstehen ist, darüber geben die Studien keine Auskunft. Außerdem weist Traunmüller darauf hin, dass es sich bei den Antworten der Teilnehmer um „reine Selbstberichte“ handele, die „nicht umstandslos als ‚Fakten‘ zu verstehen“ seien.

Aber selbst wenn viele der Befragten übertreiben oder sich schlicht falsch erinnern, liefert die schiere Größenordnung ihrer Angaben nach seiner Überzeugung wichtige Hinweise darauf, ob sich all diejenigen, die sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt sehen, dieses Problem nur einbilden. Oder ob sie ihre Gründe haben.

„Die Befunde zeichnen kein Bild einer abgeschafften Meinungsfreiheit, wohl aber eines relevanten Maßes an wahrgenommener sowie tatsächlich erfahrener Einschränkung“, sagt Traunmüller. Zwar schütze Artikel 5 des Grundgesetzes die Meinungsfreiheit vor staatlicher Willkür. Aber ob Menschen tatsächlich frei sprächen, hänge in viel höherem Maße davon ab, welche sozialen, beruflichen oder moralischen Kosten sie erwarteten.

„In diesem Sinn kann Meinungsfreiheit formal garantiert und zugleich kulturell beschädigt sein: Menschen dürfen zwar sprechen, aber sie erleben es als zu teuer.“

Traunmüllers Fazit: Die Kosten der freien Rede müssten wieder sinken. „Das heißt: weniger vorschnelle moralische Etikettierung, weniger soziale Ächtung, mehr Bereitschaft, abweichende politische Meinungen als Teil demokratischer Auseinandersetzung auszuhalten.“ Auch eine „Zurückhaltung bei der Ausweitung und Anwendung strafrechtlicher Sanktionen“ sei wünschenswert. Friedrich Merz kann es sich ja mal durch den Kopf gehen lassen.

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