Osnabrück „Schulangst ist ein Signal“: Was Osnabrücker Expertin bei psychischen Krisen von Kindern rät
Tagsüber wirkt scheinbar alles normal, doch nachts, im Verborgenen, kämpfen viele Jugendliche mit Schlaflosigkeit, Sucht, dunklen Gedanken. Ein Buch der Osnabrücker Autorin Ulrike Bartholomäus deckt dieses stille Doppelleben auf – und zeigt Wege, wie junge Menschen und ihre Eltern der unsichtbaren Sogkraft entkommen können.
Paula ist zwölf Jahre alt, als ihre Schulzeit in einen Albtraum kippt: En Mitschüler verspottet und schikaniert sie wegen ihres Aussehens, andere lachen. Lehrer greifen kaum ein. Aus einzelnen Angriffen wird ein dauerhafter Horror – Paula fühlt sich ausgegrenzt, entwickelt Ängste und Depressionen. Und beginnt schließlich, sich selbst zu verletzen.
Die Osnabrücker Buchautorin Ulrike Bartholomäus hat Paula und weitere 24 Jugendliche mehr als eineinhalb Jahre lang begleitet. Sie führte nicht nur intensive Gespräche mit deren Ärzten, Therapeuten und Eltern, sondern sie blickte auch tief in das Innere dieser Jugendlichen. Wir haben sie im Interview nach den Ergebnissen befragt – und was sie Eltern rät.
Frage: Frau Bartholomäus, um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist es schlechter bestellt denn je. Bei welchen Veränderungen sollten bei Eltern die Alarmglocken schrillen?
Antwort: Jedes Kind leidet anders. Bei einigen zeigt es sich schneller und deutlicher. Bei anderen bleibt ihr Leiden versteckt, weil sie es so gut verbergen können, schon allein, um ihre Eltern zu schonen. Das hängt auch maßgeblich von der Beziehung der Eltern zu dem Jugendlichen ab, von deren Erziehungsstil und von der Schwierigkeit, die ein Jugendlicher hat.
Frage: Was sind konkrete Signale?
Antwort: Schulangst ist ein Signal. Einige der jungen Menschen, die ich interviewt habe, ganz egal, ob sie später an Angst, Depressionen, ADHS oder psychosomatischen Schmerzen erkrankt sind, hatten Probleme in der Schule und zum Teil Mobbing erlebt.
Antwort: Auch Rückzug ist ein Signal. Es ist ganz normal, dass ein Teeanger sich zurückzieht, aber es ist etwas anderes, wenn ein Jugendlicher sich komplett aus dem Familienleben ausklinken will, gemeinsame Mahlzeiten, Aktivitäten, Familienbesuche ablehnt. Da würde ich genau hinhören und fragen, was steckt dahinter.
Frage: Das ist manchmal schwer, nicht immer kommen Eltern an ihre Kinder heran. Wann und wie sollten Ihrer Meinung nach Eltern ihr Kind ansprechen?
Antwort: Das kann man nicht pauschal sagen, denn jede Familie ist anders. Wenn Eltern merken, dass etwas nicht stimmt oder es ihrem Kind schlecht geht, würde ich konflikthafte Themen erst einmal runterfahren. Ein unaufgeräumtes Zimmer, vertrödelte Alltagsaufgaben, schlechte Schulnoten – an solchen Themen können sich irrsinnige Streitigkeiten entfachen. Wo viel kritisiert und gestritten wird, leidet das Vertrauen. Das ist ein Balanceakt.
Antwort: In solchen Zeiten können Eltern versuchen, einmal einen „unfallfreien Abend“ zu verbringen. Keine Kritik, kein Drama. Wo Ruhe Einzug hält, kann auch wieder Verständnis wachsen und eine Hand ausgestreckt werden. Ebenfalls sollten sie Dinge unternehmen, die dem Teenager Spaß machen, um eine gute Zeit zu verbringen. Gemeinsame Unternehmungen stärken die Beziehung und schaffen schöne gemeinsame Erinnerungen. Wenn das einige Zeit eingespielt ist, kann die Mutter oder der Vater Fragen formulieren. Was kann ich für Dich tun? Wie kann ich helfen? Was brauchst Du?
Frage: Bei Ihrer Recherche haben gewisse Dinge Sie im positiven wie negativen Sinne verwundert…
Antwort: Ja, ich bewundere den Lebenswillen dieser jungen Menschen. Wenn eine meiner Interviewpartnerinnen nach vielen Jahren der Depression mit Panikattacken und des Kiffens schließlich ihren Traumjob im Bereich Mode ergattert, trägt das eine große Power in sich. Eine andere junge Frau litt unter einer Panikstörung, wechselte mehrfach die Schule. Sie traute sich nicht, auf Klassenfahrten mitzufahren. Heute studiert sie Musik, tritt mit Anfang 20 Jahren auf der Bühne auf, gibt Konzerte. Sie ist eine begnadete Musikerin.
Antwort: Bei einigen Protagonisten schmerzt es mich aber, wie lange sie kämpfen. So hatten zwei junge Frauen mit einer Essstörung, die lange stabil waren, einen Rückfall in eine Depression beziehungsweise eine Anorexie. Beide mussten wieder in eine Klinik. Zum Glück gibt es sehr gute Kliniken für Psychosomatik in Deutschland. Allerdings warten Patienten sehr lange auf einen Platz.
Frage: Sind die raren Therapieplätze ein Problem?
Antwort: Die Wartezeit auf einen ambulanten oder stationären Therapieplatz beträgt vier bis sechs Monate. Es wäre gut, wenn Betroffene die Zeit durch andere Unterstützungs-Möglichkeiten überbrücken. Es gibt viele soziale Beratungsstellen, den Jugendnotruf und weitere Angebote etwa von der Caritas, der Diakonie oder anderen Sozialverbände.
Frage: Die Anzahl Jugendlicher, die unter psychischen Erkrankungen leiden, steigt seit Jahren an. Liegt das auch daran, dass sich die Kindheit grundlegend verändert hat?
Antwort: Kindheit ist heute reglementierter als noch vor 30 Jahren. Ich bin in den 70er-Jahren im Stadtteil Haste aufgewachsen und stundenlang im Nettetal herumgestreift. Vieles, was wir getan haben, wäre mit Sicherheit heute verboten. Das freie, unbeobachtete Spiel ist wichtig für die Gehirnentwicklung von Kindern. Es ist einer geplanten Freizeit gewichen.
Frage: Die Mechanismen von Social Media, Gaming, Streaming etc. entsprechen denen des Glücksspiels und haben ein hohes Potential, Abhängigkeit zu schaffen. Wie stehen Sie zu einem Nutzungsverbot bestimmter Altersgruppen? Oder sollte die Kontrolle alleine Sache der Eltern sein?
Antwort: Es geht um die Dosis und den Inhalt. Was schauen Kinder und Jugendliche, sind es harte Pornos, sind es Gewaltszenen wie Folter oder eine Enthauptung? Wann ist ein Kind alt genug, um dies zu sehen? Dafür gibt es ja bereits Regeln, die für Filme gelten aber nicht für Social Media oder Streaming-Angebote.
Antwort: Ich halte es für sinnvoll, Smartphones aus der Schule zu nehmen. Die Ergebnisse in den Ländern, die dies bereits gemacht haben, zeigen gute Erfolge. Wenn wir Eltern dies alleine überlassen, haben wir in jeder Familie die Diskussion. Die anderen dürfen das, ich nicht. Daher finde ich es sinnvoll, Altersbeschränkungen einzuführen.