Osnabrück  Wo, wann und wie? So machte der VfL Osnabrück sieben Aufstiege klar

Harald Pistorius
|
Von Harald Pistorius
| 24.04.2026 15:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Der große Jubel gehört zum Aufsteigen dazu - es entstehen unvergessliche Bilder. Wie dieses Foto mit Philipp Kühn beim Bad in der Menge nach dem Sieg gegen Borussia Dortmund II 2023. Foto: dpa/Friso Gentsch
Der große Jubel gehört zum Aufsteigen dazu - es entstehen unvergessliche Bilder. Wie dieses Foto mit Philipp Kühn beim Bad in der Menge nach dem Sieg gegen Borussia Dortmund II 2023. Foto: dpa/Friso Gentsch
Artikel teilen:

Gelingt der achte Aufstieg in die 2. Bundesliga? Rund um den VfL Osnabrück wird spekuliert und diskutiert. Alles ist möglich – vom Aufstieg an diesem Wochenende bis zur Zitterpartie am letzten Spieltag. An der Bremer Brücke, in Wiesbaden, Großaspach oder auf dem Sofa vor dem TV – oder gar nicht? Das als Warnung an alle, die glauben, das Rennen sei schon gelaufen...

„Wann steigt der VfL auf?“ – auf die Frage, die im lila-weißen Kosmos heiß diskutiert wird, gibt es nur eine richtige Antwort: „Wenn der Spitzenreiter nicht mehr auf Platz drei zurückfallen kann.“ Das könnte frühestens an diesem Wochenende so sein, doch möglicherweise kann erst am letzten Spieltag gefeiert werden. Wir blicken zurück auf die Endphasen der vergangenen sieben Aufstiegssaisons. Wo, wann und wie machte der VfL alles klar. Eine Drama-Serie in sieben Kapiteln über Matchbälle, Schützenhilfe und Sensationen.

Der 1983/84 aus der 2. Bundesliga in die Amateuroberliga Nord abgestiegene VfL muss zwei Etappen zum Ziel „direkter Wiederaufstieg“ bewältigen: Erst einen der beiden ersten Plätze in der Liga erreichen, dann in der Aufstiegsrunde mindestens Zweiter in einer Fünfergruppe werden.

Ausgerechnet auf der Zielgeraden der Liga gerät die Mannschaft in eine Krise. Am 31. Spieltag (von 34) verliert der VfL erstmals unter Interimstrainer Helmut Kalthoff; das 0:1 gegen den VfB Oldenburg ist ein Dämpfer nach zwölf Spielen ohne Niederlage. Mehr schlecht als recht rettet sich das Team über die Ziellinie, sichert die Aufstiegsrundenteilnahme erst am drittletzten Spieltag und wird Meister nach einem 3:1 gegen Göttingen – ein paar Dutzend Fans legen einen unauffälligen Platzsturm hin, nur 2.000 Zuschauer sind dabei.

Doch in der Aufstiegsrunde ist die Mannschaft auf die Minute topfit. Das 1:0 an der Hafenstraße beim Favoriten RW Essen am Pfingstsamstag 1985 ist eine Überraschung, es folgen Siege gegen Tennis Borussia Berlin (2:0), Hummelsbütteler SV (1:0) und Eintracht Hamm (5:0), so dass das Rückspiel gegen RWE schon die Entscheidung bringen kann. Neale Marmon und Paul Linz schießen die Tore zum 2:1, die ausverkaufte Bremer Brücke feiert den Aufstieg.

In der neuen Regionalliga Nord öffnet sich nur für den Meister die Aufstiegschance, die in einem Duell mit dem Nordost-Vertreter gesucht werden muss. Der VfL ist Spitzenreiter, als die Mannschaft Anfang 2000 gegen Trainer Wolfgang Sidka rebelliert. Manager Lothar Gans übernimmt und startet mit sieben Siegen am Stück. Als der VfL auch die Auswärtshürden in Meppen (2:2) und Cloppenburg (4:3) nimmt, sieht alles nach einem entspannten Saisonfinale aus. Doch das 0:2 gegen den VfB Lübeck hält den Verfolger SV Wilhelmshaven im Rennen; dessen Trainer Hans-Werner Moors peilt das Finale am letzten Spieltag an der Bremer Brücke an.

Entsprechend wichtig ist die vorletzte Aufgabe des VfL in der Liga, deshalb reist die Mannschaft am Vortag in ein Ruhequartier nach Bad Zwischenahn, um optimal vorbereitet zu sein auf das Spiel am Samstag (13. Mai 2000) beim VfB Oldenburg. Doch gegen 21.15 Uhr wird aus dem Ruhelager eine Partymeile: Der SV Wilhelmshaven patzt mit 1:3 gegen Göttingen – der Titelkampf ist entschieden, der VfL Meister. Und Gans lässt den Dingen ihren Lauf: „Bettruhe ist um halb…Vom 0:0 in Oldenburg ist nichts in Erinnerung, 5.000 Fans feiern die Meister, die mit lila gefärbten Haaren einlaufen.

Doch dann geht es ums Ganze: Der souveräne Nordost-Meister Union Berlin ist favorisiert, aber der VfL ist optimal vorbereitet und überrascht die Eisernen beim Hinspiel mit einer offensiven Taktik, die mit einem 1:1 belohnt wird.

Im Rückspiel, das längst ein Stück Stadtgeschichte geworden ist, macht die Mannschaft durch Christian Claaßen einen 0:1-Rückstand wett und hält das 1:1 auch in der Verlängerung. Im Elfmeterschießen wird Uwe Brunn zum Helden dieser Nacht: Der gebürtige Berliner wehrt die beiden letzten Union-Schüsse ab und verwandelt zwischendurch den 19. Elfer selbst. Nach 2.526 Tagen ist der VfL zurück in der 2. Bundesliga.

Das alte Jahr endet mit einer 0:1-Pleite in Verl, das neue beginnt mit einem 3:2-Zittersieg gegen Bayer Leverkusen Am. und einer 0:1-Heimblamage gegen den 1. FC Köln Am. Trainer Jürgen Gelsdorf erinnert die namhaften Routiniers öffentlich und deutlich an ihre Pflichten und hat Erfolg: Dem schmucklosen 1:0 in Uerdingen am 15. März 2003 folgen fünf weitere Siege, so dass der VfL trotz der 1:2-Niederlage in Münster als Spitzenreiter mit zwei Punkten Vorsprung zum Topspiel beim Tabellenzweiten nach Essen fährt. Nach starker Vorstellung gewinnt der VfL vor 4000 lila-weißen Fans mit 3:1 und hat nun die besten Trümpfe in der Hand.

Schon eine Woche später fällt dem VfL der erste Matchball in den Schoß: Am Vorabend des Heimspiels gegen den SC Verl macht der KFC Uerdingen (mit Trainer Claus-Dieter Wollitz) mit einem überraschenden 2:1 bei RW Essen für den VfL den Weg in die 2. Bundesliga frei. Doch den erforderlichen Sieg lässt der VfL an der ausverkauften Bremer Brücke durch die Hände gleiten – Verl (seit der 39. Minute in Unterzahl) siegt dank des überragenden Torhüters Frederik Gößling mit 2:1.

Der VfL hat immer noch fünf Punkte Vorsprung vor dem Tabellendritten RWE – die beiden Ersten steigen auf - und vergibt eine Woche später auch den zweiten Matchball: 7.000 Lila-Weiße geben im Hamburger Volksparkstadion alles, doch es reicht nur zum 0:0 gegen HSV Am. Also muss auch am 8. Juni 2003 gezittert werden: Der VfL hat drei Punkte mehr als die Essener, die bei Werder Am. antreten. Es dauert gegen Holstein Kiel im Dauerregen bis zur 71. Minute, eher mal wieder Christian Claaßen ein kostbares Tor für den VfL erzielt; am Ende ist mit dem 2:0 alles klar – keiner interessiert sich für den Endstand in Bremen. Als Gelsdorf von dem 0:0 erfährt, sagt der VfL-Coach lachend: „Na, dann hätten wir uns die ganze Aufregung ja sparen können…“ Der VfL steigt als Vizemeister auf, mit einem Punkt hinter dem FC Erzgebirge Aue.

In einer Frühjahrskrise verspielt der VfL einen kleinen Vorsprung (drei Punkte auf Rang drei) und holt in neun Spielen nach dem 1:0 in Dresden am 23. Spieltag nur neun Punkte. Am 31. von 36 Spieltagen hält Mathias Surmann den VfL mit einem späten Tor zum 1:1 bei den starken Kickers Emden im Rennen. Schmeichelhaft ist eine Woche später das 0:0 im Topspiel gegen den FC St. Pauli, der mit 55 Punkten gleichauf mit dem 1. FC Magdeburg die Tabelle anführt, der VfL liegt drei Punkte zurück.

Doch der Tiefpunkt ist das 2:4 bei der 2. Mannschaft des Hamburger SV am 10. Mai im Volkspark. Nach der wohl schwächsten Saisonleistung beträgt der Rückstand auf das Führungsduo drei Spiele vor Saisonschluss sechs Punkte, niemand glaubt noch an den Aufstieg. Dieses Gefühl prägt auch die Stimmung beim Heimspiel gegen die um den Klassenerhalt ringende KSV Holstein Kiel. Auf den 0:2-Rückstand reagieren die meisten der 6.000 Zuschauer mit Hohn, Spott und Pfiffen. Doch dank Thomas Reichenberger und Addy Menga dreht der VfL die Partie mit 3:2.

Weil Magdeburg gegen Leverkusen II zwei Punkte liegen lässt, keimt wieder ein zartes Pflänzchen Hoffnung. Immerhin 2.000 Fans fahren mit nach Mönchengladbach in den Borussia-Park und können sich angesichts einer schnellen 2:0-Führung auf die Partie in Emden konzentrieren, „Kickers“-Rufe dröhnen aus dem VfL-Block. Und es lohnt sich: Dort verlieren die Magdeburger Nerven und Spiel (1:3) – und plötzlich ist der Aufstieg mehr als nur eine kleine Möglichkeit. Hinter dem FC St. Pauli (62 Punkte), der sich (mit dem heutigen VfL-Trainer Timo Schultz im Mittelfeld) den Titel durch ein 2:2 bei Dynamo Dresden sichert, ist Magdeburg (59) Zweiter, nur noch einen Punkt vor dem VfL.

Das heißt: Der VfL steigt auf, wenn er im Saisonfinale an der Bremer Brücke siegt und die Magdeburger ihr Heimspiel nicht gewinnen. Der Gegner ist der feierwütige Meister St. Pauli, der sich für ein paar Tage auf eine Mannschaftsfahrt verabschiedet.

Doch bevor man am 2. Juni 2007 nach Magdeburg schaut, muss der VfL seine Hausaufgaben erledigen. Doch als das – spät und glücklich – mit dem legendären 2:1 gegen RW Ahlen gelungen ist, wird der Schlusspfiff in Magdeburg sehnsüchtig herbeigeschrien mit dem Ruf „Sankt-Pau-li!“ Es bleibt dort beim 1:1, in Osnabrück darf ein Aufstieg gefeiert werden, den ein paar Wochen zuvor niemand mehr für möglich hielt.

Der direkte Aufstieg steht nicht auf der Agenda, als der VfL nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga mit einer neuen Mannschaft und Karsten Baumann als neuem Trainer in die Saison geht. Doch das Team wächst schneller zusammen als erwartet, holt sich durch die Überraschungserfolge im DFB-Pokal Selbstvertrauen und etabliert sich in der Spitzengruppe. Die Zeichen stehen auf Aufstieg, doch dann verspielt der VfL in Sandhausen (2:3) und Regensburg (2:2) jeweils eine 2:0-Führung und verliert zwischendurch das Topspiel in Aue glatt mit 0:3.

Baumann greift geschickt in die Motivationskiste und schwört die Mannschaft mit der Erinnerung an die Pokal-Triumphe auf die letzten drei Spiele ein: Der Gang nach Dortmund ist das Viertelfinale, das Halbfinale findet im letzten Spiel an der Bremer Brücke gegen Holstein Kiel statt – und zum Endspiel geht´s nach Burghausen.

Nach dem 2:1 in Dortmund vor der beeindruckenden Kulisse mit 8.000 Lila-Weißen im Westfalenstadion gelingt – wie beim BVB nach 0:1-Rückstand – ein 3:1 gegen die Kieler. Vor dem letzten Spiel liegt der VfL (66) zwei Punkte hinter Aue (68) auf Rang zwei und kann den Aufstieg unabhängig vom FC Ingolstadt (63) mit einem Unentschieden in Burghausen perfekt machen.

2.500 Fans machen die Reise in die 760 Kilometer entfernte deutsch-österreichische Grenzstadt mit – und die Partie beim SV Wacker zu einem Heimspiel. Nach der frühen Führung durch Aleksandar Kotuljac – er trifft gegen Manuel Riemann, dessen Wechsel zum VfL bereits feststeht – lässt der VfL nichts anbrennen. Und Aufstieg Nummer 5 wird dreimal gefeiert: In Burghausen, bei der Landung der Mannschaft am späten Abend auf dem Flughafen FMO und am Sonntag auf dem Rathausplatz.

Es ist die Saison mit den meisten Parallelen zur aktuellen Spielzeit. Nach einer Saison, die den Verein in den Abstiegskampf gezogen hat, weckt ein neues Team recht schnell Begeisterung. Niemand hat die Mannschaft von Daniel Thioune auf dem Zettel, doch ins neue Jahr geht der VfL als Zweiter punktgleich mit Spitzenreiter Karlsruher SC. Das 1:0 gegen den SV Meppen ist der Beginn eines kraftvollen Zwischenspurts, bei dem sich die Mannschaft auch von Niederlagen gegen Großaspach (0:2) und in Karlsruhe (1:2) nicht von ihrem Weg abbringen lässt.

Nach dem 28. Spieltag (0:0 bei Fortuna Köln) haben die Osnabrücker (55) vier Punkte mehr als der KSC und sieben Zähler Vorsprung auf den Dritten Hallescher FC. Es folgen fünf Siege – darunter so spektakuläre wie das 3:1 in Kaiserslautern, das 1:0 gegen Braunschweig und das 3:1 beim selbsternannten Titelfavoriten KFC Uerdingen. So geht der VfL mit zwölf Punkten vor dem KSC und dem SV Wehen Wiesbaden (beide 58) in den 34. Spieltag – und es ist fast zu kitschig, um wahr zu sein: Drei Tage nach dem 120. Vereinsgeburtstag kann der VfL den Aufstieg mit einem Sieg perfekt machen – wenn einer der Verfolger mindestens nur unentschieden spielt.

Und so kommt es: Weil Wehen in Jena verliert, feiert der VfL im Jubiläumsspiel nach acht Jahren die Rückkehr in die 2. Bundesliga – vier Spieltage vor dem Saisonende. Kraft und Konzentration reichen noch zum Sieg in Cottbus (2:1), der die Meisterschaft sichert, danach gibt es drei Niederlagen, weil die Luft mental und physisch raus ist.

Nach einer Berg- und Talfahrt mit einem 1:4 in Elversberg (22. November 2022) als Tiefpunkt startet der VfL noch im alten Jahr eine der längsten Siegesserien der Vereinsgeschichte. Mit sieben Erfolgen am Stück schiebt sich der VfL ans Verfolgerfeld heran, hat aber nach der 2:3-Heimpleite gegen den designierten Absteiger Spvg. Bayreuth auf Platz sieben immer noch einen Rückstand auf Platz 3 von sieben Zählern; Spitzenreiter Elversberg ist 19 Punkte voraus.

Der VfL reagiert mit sechs Partien ohne Niederlage, scheint aber nach torlosen Niederlagen gegen Dresden (0:1) und bei München 1860 (0:3) aus dem Rennen zu sein. Doch das Team von Tobias Schweinsteiger holt noch einmal Luft und liegt nach vier Siegen am Stück vor den letzten drei Spielen gleichauf (63 Punkte) mit Dynamo Dresden und Wehen Wiesbaden hinter dem Führungsduo Elversberg (70) und der nicht aufstiegsberechtigten 2. Mannschaft des SC Freiburg (64).

Das 2:2 gegen Meppen und das 2:0 bei Viktoria Köln sind das Vorgeplänkel für ein atemberaubendes Saisonfinale, in dem Dynamo Dresden nach dem 1:4-Debakel in Meppen nur noch Außenseiter ist. Die große Chance, im Saisonfinale im Heimspiel gegen den Absteiger VfB Oldenburg alles klar machen zu können, raubt den Dynamos ausgerechnet der VfL-Nachbar im Emsland, der den Abstieg aber nicht vermeiden kann.

Aus eigener Kraft kann der VfL mit einem Sieg gegen Borussia Dortmund II nur den dritten Platz erreichen; ob ein Erfolg zum Aufstieg reicht, hängt vom SV Wehen Wiesbaden ab. Als 90 Minuten gespielt sind und die Nachspielzeit anbricht, liegt der VfL mit 0:1 zurück und auf Platz sechs der Blitztabelle. Die ersten Zuschauer machen sich auf den Heimweg – sie werden es bereuen. 90+6 ist der Code für die unglaubliche Wende. Ba Muaka Simakala erzielt in der vierten Minute der Nachspielzeit das 1:1, zwei Minuten später trägt sich Jannes Wulff ins VfL-Geschichtsbuch ein. 2:1, Aufstieg, Jubel, Wahnsinn.

Man muss es nicht immer sooooo spannend machen…

Ähnliche Artikel