Osnabrück Integration ist kein Automatismus: Warum wir zu islamistischem Antisemitismus nicht schweigen dürfen
Antisemitismus kommt von Links- und Rechtsextremen sowie aus islamistischen Milieus. Doch wird über Letzteren aus falsch verstandener Toleranz oft geschwiegen, findet der Psychologe Ahmad Mansour. Mit schwerwiegenden Folgen.
Antisemitismus ist keine Randerscheinung mehr, sondern zu einer strategischen Gefährdung unserer Demokratie geworden. Er ist eine herkunftsübergreifende Pathologie. Man findet ihn im Rechtsextremismus, wo er völkisch aufgeladen wird. Im Linksextremismus tarnt er sich als „Antizionismus“. In der gesellschaftlichen Mitte lebt er als Mythos von der weltumspannenden Finanzelite weiter.
Und ja: Er ist auch in Teilen muslimischer Communitys virulent – gespeist aus religiösen Feindbildern, autoritären Prägungen, biografischen Erlebnissen und jahrzehntelanger Propaganda.
Antisemitismus tritt klassisch als Verschwörungserzählung auf: Juden kontrollierten Wirtschaft, Medien und Politik, zettelten Kriege an. Er kann religiös begründet sein. Und er kommt modern daher – als israelbezogener Antisemitismus, der alte Ressentiments in neue Parolen übersetzt. Wo aus legitimer Kritik an israelischer Politik Dämonisierung, Delegitimierung und doppelte Standards werden, geht es nicht mehr um Politik, sondern um Judenhass.
Antisemitismus ist zudem Türöffner und zentrales Narrativ extremistischer Ideologien. Er schafft klare Feindbilder und verlagert Verantwortung von der eigenen auf eine vermeintlich allmächtige Gruppe. Genau deshalb konnte er sich über Jahrhunderte immer wieder neu aufladen. Genau deshalb sehen antisemitische Narrative bei Linksradikalen, bei Rechtsradikalen und bei Islamisten oft gleich aus. Kein anderes Thema vereint so viele unterschiedliche Extremisten wie der Hass auf Juden.
Das Problem in muslimischen Communitys aus falsch verstandener Rücksicht nicht zu benennen, ist selbst diskriminierend. Es ist ein Rassismus der niedrigen Erwartungen. Er unterstellt Menschen muslimischer Herkunft, sie seien nicht zu Selbstkritik und demokratischer Entwicklung fähig. Das ist herablassend – und kontraproduktiv. Wer Muslime ernst nehmen möchte, behandelt sie nicht wie Schutzbefohlene, sondern gleichberechtigt.
Dazu gehört auch, sie dort zu kritisieren, wo undemokratische Entwicklungen berechtigt kritisiert werden müssen. Kritik an Muslimen zu tabuisieren, weil sie den Falschen in die Hände spielen könnte – etwa Rechtsradikalen –, ist eine merkwürdige Logik. Sie ist gescheitert.
Gerade die fehlende differenzierte und klare Auseinandersetzung mit Problemen in muslimischen Communitys hat dazu geführt, dass Rechtsradikale dieses Thema für sich beanspruchen und dafür eine Sprache finden, wo andernorts Sprachlosigkeit herrscht.
Der 7. Oktober 2023 hat Illusionen zerstört: die Illusion, Integration sei ein Automatismus. Die Illusion, problematische Ideologien lösten sich von selbst auf. Und die Illusion, Schweigen verhindere Polarisierung. In deutschen Städten wurde Terror glorifiziert. Das war ein Alarmsignal. Statt einen offenen Diskurs zu führen, verloren wir uns in Relativierungen und Tabus.
Viele Menschen aus muslimisch geprägten Gesellschaften sind mit antisemitischen Narrativen sozialisiert worden. Das ist keine Pauschalverurteilung, sondern eine Beschreibung von Realität. Medien, Moscheen, Bildungssysteme und Politik in den meisten muslimischen Ländern haben über Jahrzehnte Feindbilder gepflegt. Manche bringen diese Prägungen mit nach Deutschland, andere reproduzieren sie hier weiter.
Gleichzeitig leben hier Tausende Muslime, die diesen Hass bewusst ablehnen – integriert, reflektiert, demokratisch.
Wer in Deutschland nicht nur formell, sondern auch emotional ankommen will, muss die historische Verantwortung dieses Landes mittragen. „Nie wieder“ ist kein Ritual, sondern ein Versprechen – an kommende Generationen, an Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte. Wer antisemitische Narrative verbreitet, ist nicht angekommen. Egal, wie lange er hier lebt.
Selbstverständlich darf man in Deutschland die Politik Israels kritisieren. Selbstverständlich darf man gegen Kriege demonstrieren. Das ist Demokratie. Wer jedoch Juden in Deutschland für die israelische Politik verantwortlich macht, Terror verherrlicht, mit Islamisten paktiert oder das Existenzrecht Israels ablehnt, übt keine legitime Kritik. Er handelt antisemitisch.