Osnabrück Deshalb entscheiden sich Osnabrücker Familien für smartphonefreie fünfte Klassen
An drei Osnabrücker weiterführenden Schulen gibt es bei der Anmeldung eine neue Option. Wir haben uns im Ratsgymnasium umgehört, warum Eltern und Schüler sich für eine smartphonefreie Klasse entschieden haben.
Das Osnabrücker Ratsgymnasium, die Domschule und die Ursulaschule bieten ab dem kommenden Schuljahr auch eine smartphonefreie fünfte Eingangsklasse an. Wie ist die Resonanz auf das Angebot?
Bei Familie Dambach aus dem südöstlichen Osnabrücker Stadtteil Voxtrup trifft es einen Nerv. „Unsere Tochter Henrieke besitzt sowieso noch gar kein Handy – und wir haben nicht das Gefühl, dass was fehlt“, sagt Mutter Kathrin. Von der Anmeldung am Ratsgymnasium erhofft sich die Familie, deren Medienkonsum sich auch zu Hause Grenzen hält, dass es den Kindern in der Klasse ohne Smartphone besser gelingt, im realen Leben klarzukommen.
Die „freiwillige Selbstverpflichtung“, die für den Antrag auf Aufnahme in die geplante Klasse unterzeichnet werden muss, sieht vor, dass das Kind nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause kein Smartphone besitzt. Es darf aber ein nicht internetfähiges Handy nutzen, mit dem man lediglich telefonieren und Textnachrichten verschicken kann. Zumindest ein solches anzuschaffen, ist für viele Eltern eine Überlegung, deren Kinder künftig zur weiterführenden Schule einen wesentlich längeren Schulweg haben werden als bisher zur Grundschule.
Zu ihnen zählt auch Theresa Conrad aus Bissendorf, die ab dem kommenden Schuljahr erheblich früher aufstehen muss, um mit dem Bus zum Ratsgymnasium nach Osnabrück zu fahren. Verständlich, dass sie deshalb für die Eltern erreichbar sein soll, falls einmal etwas nicht klappt. Ansonsten hat auch sie ebenso wie ihre beiden Freundinnen, die mit ihr aufs „Rats“ wechseln, noch gar kein eigenes Smartphone – und das sei auch „erst mal nicht geplant“, betont ihr Vater Carsten.
Von der smartphonefreien Klasse erhofft er sich eine „auf Dauer bessere Klassengemeinschaft“ – auch deshalb, weil dort die Kinder im positiven Sinne quasi gezwungen seien, mehr mit- und untereinander zu sprechen.
Er könne sich vorstellen, dass die gleichen Startbedingungen für die Kinder in dieser Klasse auch „den Druck rausnehmen“, sich ständig miteinander zu vergleichen, sagt Andreas Düweling aus Vehrte, dessen Tochter Franziska auf dem Weg zu ihrer neuen Schule sogar einmal in Belm umsteigen muss. „Für Notfälle“ soll deshalb auch sie zumindest ein Telefon im herkömmlichen Sinne bekommen.
In allen Familien, die eine Entscheidung pro smartphonefreie Klasse getroffen haben, ist viel darüber gesprochen und nicht über die Köpfe der Kinder hinweg so entschieden worden. Und es gibt auch Fälle, bei denen der erste Impuls nicht von den Eltern, sondern von den Kindern selbst ausging. Etwa bei Jasper Kanaan, der zu Hause von sich aus den Wunsch geäußert hat, in einer Klasse mit dem Gymnasium zu starten, in der alle kein Smartphone besitzen.
„Man kann dann nicht durch Videos, die einem gezeigt werden, gemobbt oder geärgert werden – und wird auch nicht so schnell abgelenkt“, nennt der Zehnjährige einige seiner Gründe. Dass er auch oft von dem Handykonsum seiner Eltern genervt sei, bemerkt Jaspers Mutter – allerdings nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sie beruflich auf das Gerät angewiesen ist. Deshalb wird sie es auch weiterhin mit dabei haben, wenn sie mit ihrem Sohn, der bislang noch auf die Rückertschule geht, demnächst gemeinsam mit dem Fahrrad zur Schule und zur Arbeit fährt.
Viele Eltern, die mit ihren Kindern gemeinsam den Antrag auf einen Platz in einer möglichen smartphonefreien Klasse abgegeben haben, betrachten das Angebot als ein Privileg, Fragen des Umgangs mit sozialen Medien noch mindestens ein Schuljahr aufschieben zu können – um dann umso besser und reflektierter darauf vorbereitet zu sein. Es geht ihnen nicht darum, die Kinder davon gänzlich fernzuhalten. Sondern lediglich um den geeigneten Zeitpunkt eines sanften, kindgerechten und begleiteten Einstiegs.