Osnabrück  Neale Marmon wird 65: Der unvergessene VfL-Kultspieler mit dem eigenen Kopf

Harald Pistorius
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Von Harald Pistorius
| 21.04.2026 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Kämpfer und das Schlitzohr: Neale Marmon (links) und Paul Linz waren die Anführer der Osnabrücker Aufstiegsmannschaft 1984/85. Foto: Helmut Kemme
Der Kämpfer und das Schlitzohr: Neale Marmon (links) und Paul Linz waren die Anführer der Osnabrücker Aufstiegsmannschaft 1984/85. Foto: Helmut Kemme
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Er war der der erste „Englishman“ des VfL Osnabrück und die Glatze sein Markenzeichen: Neale Marmon wurde Mitte der achtziger Jahre zum Kultspieler. Heute lebt er nach einem turbulenten Lebensweg in Spanien und genießt sein Rentnerdasein. An der Bremer Brücke steht er in die Liste der Unvergesslichen, wurde in die Jahrhundertelf gewählt - und wird an diesem Dienstag (21. April 2026) 65 Jahre.

Sein markanter kahler Schädel glänzt unter der Sonne Südspaniens. Sein Körper ist durchtrainiert wie in besten Profijahren, die Waage stoppt wie einst bei der 88 Kilo-Marke. Seine direkte Art und sein krachender Humor haben nicht an Wirkung verloren. Und sein Gedächtnis mit Geschichten aus 1001 Fußballerlebnissen ist intakt. Nichts spricht also dafür, dass dieser Mann an diesem Dienstag 65 Jahre alt – mit einer Ausnahme: In seinem Pass steht: Neale Marmon, born in Bournemouth, 21st of April 1961. Er war der erste Engländer im Trikot des VfL Osnabrück.

„Es geht mir glänzend“, sagt er lachend ins Telefon, „ich war schon schwimmen im Pool, jetzt geht‘s ins Fitnessstudio an die Geräte. Und am Nachmittag steht noch ein kleiner Lauf auf dem Programm – und dann machen wir es uns gemütlich.“ Wir, das sind seine Frau Ulli und er. Und wo? In einem Ort namens Mar Menor in der Region Murcia im Südosten Spaniens am Mittelmeer.

Bei früheren Gesprächen hatte er oft Pläne für einen neuen Job im Fußball. Schließlich war Neale Marmon ein bekannter Mann – als Profi und Trainer, als Berater und Vermittler, als Physiotherapeut und im Marketing. Doch Wurzeln schlug er nie auf seinen Stationen: Plymouth, Rinteln, Torquay, Hessisch Oldendorf, Osnabrück, Hannover, Homburg, Colchester, Salmrohr, Elversberg, Münster, Merzig, Yeovil Town, Gibraltar – ein Nomadenleben, frei und selbstbestimmt.  

Jetzt genießt er das Leben als Rentner – ohne finanzielle Sorgen, unter der Sonne, die er liebt. „Mit dem Fußball bin ich durch, das ist nicht mehr meine Welt“, sagt Marmon, und es knistert in der Leitung. Hat man das jetzt richtig verstanden?

Egal, denn bei Neale Gordon Marmon weiß man es nie so genau; er selbst eingeschlossen. Er ist – gottseidank! – ein Typ geblieben, ein Mann mit eigenem Kopf, der seinen Weg durchs Leben selbst bestimmt, gleichgültig, was andere sagen. „Ich habe mich nie verbiegen lassen und bin immer meinen Weg gegangen. Wer damit umgehen konnte, konnte sich auf mich verlassen. Wer das nicht konnte – sein Problem“, sagt Marmon, der Rentner auf Probe.

Eine Konstante gibt es: Marmon hat das Herz eines Sportler, körperlich und mental. Noch in seiner englischen Heimat erwarb er das Sportlehrer-Diplom und ließ sich zum Physiotherapeuten ausbilden, neben Fußball spielte er auch gut Basketball, brachte es bis in die Juniorenauswahl des Landes und wurde im Schwimmen Niedersachsenmeister.

Seine Leistungsfähigkeit stand auf vier Säulen: Willenskraft, Ehrgeiz, Disziplin und Selbstvertrauen. „Ich freue mich auf jedes Training“, sagte er, als er wenige Monate nach Beginn der Saison 1984/85 so schnell wie wenige vor ihm zum Publikumsliebling an der Bremer Brücke geworden war. Seine mitreißende Art tat dem jungen Team nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga gut – dabei war Marmon in den Plänen von Manager Helmut Kalthoff und Erhard Ahmann nur als Lückenfüller vorgesehen so lange die Ex-Profis um Paul Linz, Günter Eymold und Oskar Bauer ihre Reamateurisierungssperre absaßen.

Beim letzten Vertragsgespräch wollte Ahmann dem Zugang erklären, was der als Reservist verdienen würde. Marmon winkte ab: „Das interessiert mich nicht. Ich werde nicht auf der Bank sitzen.“ Er behielt Recht. In der Winterpause trainierte er täglich stundenlang für sich allein, er war und blieb Stammspieler und einer der wichtigsten Akteure der Aufstiegsmannschaft.

„Osnabrück war meine beste und schönste Zeit“, erinnert sich Marmon, der mit seinem 1,90 Meter großen, muskelbepackten Körper dem Gegner schon vor dem Anstoß Respekt einflößte – zumal alle wussten: Der Typ zieht nie zurück. Vor Flutlichtspielen rieb er seine perfekt modellierten Beine mit Öl ein. „Das glänzte im Licht – da bekamen die anderen noch ein bisschen mehr Angst…“

Er selbst kannte dieses Gefühl nicht, Schmerzen konnte er ausblenden – ganz nach seinem Vorbild und Lieblingstrainer Rolf Grünther. Er spielte mit Nasenbeinbruch weiter, erst recht mit eilig am Spielfeldrand getackerten Wunden. Und er steckte auch die geselligen Abende mit den Mitspielern weg – Marmon ließ es gern mal krachen und sah in den regelmäßigen Treffen eine Voraussetzung für den Teamgeist. Von langen Nächten im Castell, im Hannen Fass oder im Bermuda-Dreieck kann er genauso gut erzählen wie von wichtigen Spielen. Am Morgen danach war er der erste auf dem Trainingsplatz – und der einsatzfreudigste.

Nach fünf Jahren mit 196 Ligaspielen verließ Marmon den VfL zu Hannover 96, wo er mit zwei Trainern aneckte und zum FC Homburg floh. Bis 1993 spielte er in der 2. Bundesliga, wurde im saarländischen Merzig heimisch und fand nach einem Intermezzo beim FSV Salmrohr (mit seinem alten Kumpel Paul Linz als Trainer) beim SV Elversberg eine Einstiegschance als Trainer.

„Heute ist Elversberg eine große Nummer mit Top-Bedingungen und modernem Stadion“, sagt Marmon, „damals war alles erst in den Anfängen. Ich war anfangs Spielertrainer, habe manchmal beim Massieren geholfen und abends nach dem Training den Platz gewalzt.“ Der frühere Bundesliga-Profi Frank Holzer, der als erfolgreicher Pharma-Unternehmer seinen Heimatklub an die Schwelle zur Bundesliga geführt hat, arbeitete gut und gern mit Marmon zusammen, der stolz darauf ist, an der Entwicklung des Vereins mitgewirkt zu haben. Im April 2001 trennten sich die Wege.

Es war der Anfang vom Ende seiner Trainerlaufbahn. Bei Preußen Münster wurde er nicht froh – auch, weil sich Marmon nicht verbiegen ließ. Als sich SCP-Sponsoren mokierten, weil  der Trainer zum Talk nach dem Spiel in salopper Freizeitkleidung ins VIP-Zelt ging, kam er bei nächster Gelegenheit erst recht in Badelatschen und Shorts. „Mensch Neale – wie wär´s mal mit ein bisschen diplomatischem Geschick?“, fragten ihn Freunde. Dann grinste er und sagte: „Es sind doch schon genug Volkswagen unterwegs auf den Straßen…“

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