Osnabrück Osnabrücker „Abseits“-Chor ist eine Familie – und dankt für Spenden mit emotionalem Konzert
Mehr als 90.000 Euro hat die Spendenaktion von noz und dem Osnabrücker Straßenmagazin „Abseits“ eingebracht. Nun gab es ein musikalisches Dankeschön mit einem Konzert des „Abseits“-Chors, das Sänger und Zuhörer gleichermaßen berührte.
„In unserem Traumhaus wäre niemand allein, es würde uns schützen und Trost für uns sein.“ Mit solch eindringlichen Worten verwandelte sich das Medienzentrum von noz am Donnerstagabend in einen Ort der tiefen Emotionen und gelebten Gemeinschaft. „Wir haben Full House“, freute sich Chefredakteurin Louisa Riepe bei der Begrüßung der Gäste im ausgebuchten Saal. Auf der Bühne stand an diesem Abend kein gewöhnliches Ensemble, sondern der „Abseits“-Chor – eine Gruppe von 25 Sängern, die in ihrem Leben oft schwere Schicksalsschläge hinnehmen mussten und am Rande der Gesellschaft standen.
Der Auftritt war als musikalisches Dankeschön an die Osnabrücker Bürger gedacht. Im vergangenen Dezember hatten noz und das Straßenmagazin „Abseits“ eine Spendenaktion ins Leben gerufen, um den mehr als 600 wohnungslosen Menschen in Osnabrück durch den Winter zu helfen. Statt der erhofften 35.000 bis 40.000 Euro kam die überwältigende Summe von mehr als 90.000 Euro zusammen.
Mit dem Geld können nun 30.000 warme Mahlzeiten finanziert werden. „So sind die Mahlzeiten erst einmal gesichert, vielen Dank dafür“, brachte es Thomas Kater vom katholischen Verein für soziale Dienste (SKM) sichtlich berührt auf den Punkt.
„Herzlich willkommen zum Konzert des „Abseits“-Chors, wir sind der Straßenchor aus Osnabrück“, rief Chorleiter Christian Götz, der die Sänger wahlweise an der Gitarre oder dem Keyboard begleitete. Seit seiner Gründung im Jahr 2011 schenkt der Chor Menschen in extrem schwierigen Lebenssituationen durch das gemeinsame Singen Kraft und Halt.
Die dargebotenen Stücke – teils selbst geschrieben, teils mit eigenen Texten versehene Cover-Versionen – spiegelten ungeschönt die harte Realität der Straße wider: Es geht darin um Alkoholsucht, Drogen, Suizidgedanken und Einsamkeit. So sang das Ensemble zur bekannten Hallelujah-Melodie von Leonard Cohen schonungslos ehrlich: „Du glaubst, für dich, da gibt’s kein Hallelujah.“
Doch trotz dieser Schwere war die zentrale Botschaft des Abends eine der Hoffnung. Mit Titeln wie „Gib nicht auf!“, „Nur Mut“ und „Helden auf leisen Sohlen“ riefen die Sänger dazu auf, auch nach dem tiefsten Fall wieder aufzustehen und weiterzumachen.
Wie lebensverändernd und heilsam diese singende Gemeinschaft sein kann, zeigt die Geschichte von Sven Hildebrandt. Der Rollstuhlfahrer, der nach einem Schlaganfall pflegebedürftig wurde und zudem an Morbus Bechterew leidet, ist einer der wenigen, die seit den Anfängen 2011 im Chor dabei sind. Hildebrandt war in seinem Leben mehrfach obdachlos und kämpfte hart um seinen Platz in der Gesellschaft.
Als er damals gefragt wurde, ob er mitsingen wolle, hielt er das zunächst für „das Allerletzte auf der Welt“, das er tun wollte. Doch er gab sich einen Ruck – und der Chor wurde zu seiner Ersatzfamilie. Besonders, nachdem sein Vater 2012 starb. „Der Chor war immer für mich da“, erzählt er voller Dankbarkeit. Wenn er heute einen schlechten Tag hat und zur Probe geht, verändert sich alles: „Da sind die Sorgen weggeflogen. Meine Sorgen sehe ich gar nicht mehr so schwer, weil es immer Menschen gibt, denen es schlechter geht als mir.“
Der Zusammenhalt der Truppe geht weit über die Musik hinaus: Es war eine Kollegin aus dem Chor, die ihm nach Monaten der Obdachlosigkeit zu einer eigenen Wohnung verhalf. „Der Chor, das ist meine Familie“, fasst er die enge Bindung unter den Mitgliedern zusammen.
Diese tiefe Verbundenheit spürte das Publikum im Saal mit jeder Note. Es war ein atmosphärischer, emotionaler Abend, bei dem im Publikum auch die ein oder andere Träne kullerte – besonders bei den ergreifenden Soli und Texten von Stücken wie „Mein Kind“ oder „Friedenserklärung“. Aber es wurde auch gelacht und gefeiert: Bei der Wellerman-Melodie des Songs „Einsamkeit“ und dem Klassiker „Aufsteh’n, aufeinander zugeh’n“ stimmte das Publikum mit ein. In der Pause pfiffen viele Gäste die Melodien als fröhlichen Ohrwurm vor sich hin.
Am Ende des Konzerts hielt es niemanden mehr auf den Sitzen: Mit stehenden Ovationen und tosendem Applaus wurden die Sängerinnen und Sänger gefeiert. Mit lauten Zugabe-Rufen wurde der Chor für das Stück „Die Welt liegt vor dir“ ein letztes Mal auf die Bühne gebeten. Als die Sänger passend zum Text „Du streckst deine Arme aus und die Welt liegt vor dir“ die Arme ausstreckten, war im Saal allen klar: Der gesungene Dank ist angekommen – und hat an diesem Abend viele Herzen im Medienzentrum berührt.