Osnabrück Im Winter jede Woche Kohl: Warum sich ein paar Osnabrücker mit Gemüse aus Bramsche versorgen
In Osnabrück versorgt sich eine kleine Depotgemeinschaft mit regionalem Bio-Gemüse vom CSA-Hof in Bramsche-Pente. Jede Woche holen sie sich dort ihre Kisten ab, und das seit vielen Jahren – auch wenn im Winter mal wochenlang Kohl auf den Tisch kommt. Was diese Menschen antreibt und was sie sich das kosten lassen.
Jede Woche Kohl und schwarzen Rettich: Es braucht schon eine ordentliche Portion Idealismus, wenn man in Osnabrück jede Woche regionales Bio-Gemüse bezieht und daraus das Abend- oder Mittagessen kochen will. Gerade im Winter müssen die Mitglieder einer Depotgemeinschaft viel Fantasie in der Küche beweisen, wenn sie ein wenig Abwechslung in ihren Speiseplan bringen wollen. Viel wächst halt nicht. Aber das ist es ihnen wert. „Das ist das frischeste Gemüse, das man bekommen kann“, betont Friedemann Keller.
Wir treffen den Osnabrücker an einem Freitagnachmittag vor einer Garage im Stadtteil Sonnenhügel. Sie dient als Depot für eine Gruppe aus knapp 20 Osnabrückern, die sich mit frischem Obst und Gemüse vom CSA-Hof in Bramsche-Pente versorgt. Keller bezieht von dort für sich, seine Frau und Tochter das Gemüse frisch vom Acker. Etwa alle sechs Wochen ist er an der Reihe, die Gemüsekisten für die Osnabrücker Depotgemeinschaft in Pente abzuholen.
Tomaten und Paprika gibt es dort im Winter nicht, doch das nehmen Keller und die anderen Mitglieder bereitwillig hin. Ihnen ist die Nachhaltigkeit wichtiger. „Das Gemüse wird nicht durch halb Europa gekarrt, sondern am selben Tag geerntet“, sagt Keller. Er und seine Familie würden dann eben zuerst das kochen, was als Erstes weg muss und nicht zwingend das, worauf sie gerade am meisten Lust hätten. Das erfordere schon einen gewissen Aufwand beim Kochen, sagt Keller.
Andererseits kommen bei den Mitgliedern so auch mal Sachen auf den Tisch, die sie sonst vielleicht nie ausprobiert hätten. Bei der Osnabrückerin Eva Güse etwa war es Sellerieschnitzel, erzählt sie. Und durch das Konzept bekomme sie auch mit, was wirklich in der Region wachse, in der sie lebe.
Seit 2018 ist Güse Mitglied der Depotgemeinschaft und damit auch des CSA-Hofes Pente. „CSA“ steht für „Community Supported Agriculture“, was sich am besten mit „Solidarische Landwirtschaft“ übersetzen lässt. Der Hof produziert ausschließlich für seine maximal 350 Mitglieder, darunter auch zwei Restaurants.
Pro Anteil zahlt jeder einen gewissen Betrag pro Monat, um sich mit Gemüse vom Hof zu versorgen. Etwa ein Drittel der Mitglieder lebt in Osnabrück, sagt Landwirtin Julia Hartkemeyer. Das Depot am Sonnenhügel ist das einzige im Stadtgebiet, alle anderen fahren jede Woche selbst hin.
Friedemann Keller zahlt 200 Euro monatlich für seinen Anteil – plus 100 Euro Spritgeld pro Jahr für die Depotgemeinschaft. Das Gemüse reiche für seine Familie zu Hause locker für eine Woche, sagt er. Mehl, Öl und sonstige Kochzutaten müssen sie im Supermarkt zukaufen, doch insgesamt würden sich diese Zukäufe in Grenzen halten.
Eine Viertelstunde fährt Keller an diesem Freitagnachmittag vom Depot aus über die B68 und biegt in Pente von der Bundesstraße ab. Dann rumpelt er mit dem geliehenen Stadtteilauto noch ein Weilchen über Feldwege zum Hof.
In der Halle, in der sich die Mitglieder ihr Gemüse abholen, herrscht reger Betrieb. Neben Gemüse gibt es außerdem Eier – sowohl von Hühnern als auch von den Enten, die die Schnecken vom Gemüse knabbern. Auf Tafeln steht, welche Produkte pro Anteil limitiert sind und welche nicht, der Rest ist Vertrauenssache.
Heute gibt es – wie auch schon in den vielen Winterwochen zuvor – Kartoffeln, rote Bete, Sellerie, Möhren, eine Grünkohl-Palme, Kürbis, schwarzen Rettich, Feldsalat, Zwiebeln, Sauerkraut und Eier.
Friedemann Keller sucht sich das Gemüse für sich und seine Familie auf dem Hof selbst zusammen, für das restliche Depot haben die Hofmitarbeiter die Kisten bereits fertig gepackt. Ab und zu gibt es auch Fleisch direkt vom Hof – mal Schweineschnitzel, Leberwurst, Hackfleisch oder Salami, zählt Eva Güse auf. Die Landwirte halten neben Schweinen auch Rinder und Schafe und nutzen den Dung wiederum zum Düngen, erzählt Landwirtin Julia Hartkemeyer.
Das Sauerkraut hätten die Hofmitglieder im Herbst alle zusammen hergestellt, sagt Keller, die Kinder durften es im Fass stampfen. Auch das ist ein Punkt, der dem Osnabrücker und anderen Mitgliedern wichtig ist: Wer Kinder habe, könne ihnen vor Ort beibringen, wie Lebensmittel wachsen und geerntet werden. Produkte wie Zuckerschote oder Erbsen, bei denen die Ernte aufwendig ist, müssen die Mitglieder ohnehin selbst ernten, Beeren ebenfalls.
Warum bauen sie das Obst und Gemüse dann nicht gleich selbst an und pachten dafür einen Kleingarten? „Dafür braucht man viel Zeit und auch das Können“, sagt Eva Güse. Und so eine Vielfalt wie der Hof mit seinen 50 bis 60 Gemüsesorten bietet ein eigener Garten auch nicht, gibt Keller zu bedenken, während er die Gemüsekisten in die Regale des Osnabrücker Depots stellt.
Den Idealismus, den Keller und Güse mitbringen, teilen noch mehr Menschen: Im März 2026 hat der CSA-Hof es zusammen mit der bundesweit aktiven Kulturland-Genossenschaft geschafft, 560.000 Euro von 137 Unterstützern aufzutreiben, um einen Acker zu kaufen. Es ging nicht um irgendeinen Acker, sondern um einen ihrer wichtigsten, wie Julia Hartkemeyer im Februar erläuterte.
Der Penter Hof hatte ihn schon seit mehr als 20 Jahren gepachtet, bis die Landwirte im November 2025 erfuhren, dass der Eigentümer das Stück Land verkaufen wollte. Nun kann der Hof seinen Acker weiter von der Genossenschaft pachten.