Fußball-Nationalmannschaft Wirtz-Gala bei Fehlerfestival: 4:3 in der Schweiz

Arne Richter, Klaus Bergmann und Stefan Tabeling, dpa
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Von Arne Richter, Klaus Bergmann und Stefan Tabeling, dpa
| 27.03.2026 19:50 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Florian Wirtz war der überragende Mann im DFB-Team. Foto: Tom Weller/dpa
Florian Wirtz war der überragende Mann im DFB-Team. Foto: Tom Weller/dpa
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Zwei Vorlagen, zwei Tore: Der Liverpool-Star war im St. Jakob-Park nicht zu stoppen. Und trotzdem bleibt noch viel Arbeit für Bundestrainer Nagelsmann. Die Defensive ist nicht WM-reif.

Bundestrainer Julian Nagelsmann drückte Florian Wirtz auf dem Rasen kurz an sich, und auch von den staunenden Teamkollegen gab es reihenweise Glückwünsche für den Edeltechniker. Ein überragender Wirtz hat die Fußball-Nationalmannschaft beim Fehlerfestival in Basel vor einem Holperstart ins WM-Jahr bewahrt. Mit einem wunderschönen Doppelpack und zwei Vorlagen sorgte der Offensivstar vom FC Liverpool für das 4:3 (2:2) und damit für den ersten deutschen Sieg gegen die Schweiz seit 18 Jahren. 

Es sei wahrscheinlich sein bestes Länderspiel gewesen, sagte Wirtz beim TV-Sender RTL. Dass es ein holpriger Auftritt war, bereitet ihm aber keine Sorgen, „weil wir eine sehr gute Mannschaft und auch eine sehr gute Verteidigung haben“, so Wirtz: „Man merkt, dass wir eine Zeit nicht miteinander gespielt haben. Daran müssen wir arbeiten. Alle drei Tore waren ein bisschen vermeidbar. Am Ende geht es darum, dass wir die Spiele gewinnen. Wenn wir immer ein Tor mehr schießen als der Gegner, ist es in Ordnung.“

Ein großes Lob gab es vom Bundestrainer. „Flo hat außergewöhnliche Tore gemacht. (...) Wir wissen, dass er einen brutalen Schuss hat und eine super Kreativität“, sagte Nagelsmann, der von einem „verdienten Sieg“ sprach. „Die Schweiz hat aus wenigen Chancen viele Tore gemacht.“ 

Der Galaauftritt des 22-jährigen Wirtz konnte keine drei Monate vor dem Turnierstart in Amerika viele bedenkliche Abwehrschwächen aber nicht kaschieren. Auf Nagelsmann wartet mit einer langen Mängelliste noch ganz viel Arbeit - sonst bleiben die großen WM-Ziele nur ein Fußball-Traumgebilde. Ein Hoffnungsschimmer war das flotte DFB-Debüt von Bayern-Jungstar Lennart Karl (18).

Wirtz ist für die WM trotzdem zuversichtlich: „Natürlich wollen wir alle ins Finale kommen und den Pokal nach Hause holen. Jeder weiß, dass es ein harter Weg wird. Ich glaube aber, dass wir uns vor keinem verstecken müssen.“

Schweizer gehen zweimal in Führung

Vor 34.316 Zuschauern im ausverkauften St. Jakob-Park nutzten Dan Ndoye (17. Minute) und Breel Embolo (41.) naive Abwehrfehler der DFB-Elf in der ersten Halbzeit zu Schweizer Toren. Jonathan Tah mit seinem Premierentreffer (26.) und Serge Gnabry (45.+2) glichen jeweils nach Vorarbeit von Wirtz aus. 

Der Zauberfuß traf aber in der 62. und 86. Minute in den neuen blauen WM-Trikots zum deutschen Start-Sieg 2026, nachdem Joel Monteiro in einem wilden Spiel für die Schweiz zwischenzeitlich ausgeglichen hatte (78.). 

Bereits am Montag in Stuttgart muss beim zweiten Härtetest gegen Ghana das von Nagelsmann propagierte Rollenspiel der WM-Kandidaten viel besser funktionieren, um die erhoffte Aufbruchstimmung Richtung Amerika anzuheizen. 

Deutsche Defensive nicht WM-reif

„Ein Spiel auf Augenhöhe“ erwartete Nagelsmann. Und der Bundestrainer sollte Recht behalten. Auch wenn die deutsche Mannschaft mit viel Ballkontrolle und hohem Pressing WM-Vorfreude entfachen wollte, schlichen sich in der Defensive bedenkliche Fehler ein. Zu leicht war das DFB-Team bei den Schweizer Kontern auszuspielen. Nico Schlotterbeck erwischte einen rabenschwarzen Abend, und auch der gerade zum WM-Keeper erklärte Oliver Baumann lieferte mit einigen Unsicherheiten beim elften DFB-Einsatz sein schlechtestes Länderspiel ab.

Immerhin versprühte der in Liverpool lange fremdelnde Wirtz Spielfreude, bereitete die ersten beiden Treffer vor und krönte seine Leistung mit seinen beiden Traumtoren zum 3:2 und 4:3. Rückkehrer Kai Havertz, der nach 16-monatiger Verletzungsauszeit im Sturmzentrum den Vorzug vor Nick Woltemade und Deniz Undav erhielt, agierte indes noch glücklos. „Wir vermissen Kai seit Ewigkeiten. Er muss natürlich Rhythmus bekommen bei uns. Das können wir ihm nur noch in den vier Spielen bis zur WM geben“, begründete Nagelsmann die Entscheidung.

Nach 16 Monaten zurück im Nationalteam: Kai Havertz Foto: Christian Charisius/dpa
Nach 16 Monaten zurück im Nationalteam: Kai Havertz Foto: Christian Charisius/dpa

Havertz vor dem Tor glücklos

Der Arsenal-Stürmer wurde auch gut in Szene gesetzt und kam im ersten Durchgang zu einigen Möglichkeiten, ein Tor war ihm bei seinem gut einstündigen Auftritt nicht vergönnt. Erst scheiterte er mit einem zu unplatzierten Schuss am Dortmunder Keeper Gregor Kobel (13.), dann verhinderte Manuel Akanji mit dem Kopf einen möglichen Treffer des Ex-Leverkuseners (26.) und schließlich setzte Havertz in aussichtsreicher Position einen Ball über das Tor (36.). 

Dass der viermalige Weltmeister unter den Augen von Ex-Bundestrainer Joachim Löw gleich zweimal in Rückstand geriet, lag insbesondere an Schlotterbeck. Bei beiden Toren gingen Fehlpässe des hoch gehandelten BVB-Verteidigers voraus. Beim ersten Tor von Ndoye sah anschließend auch Baumann schlecht aus, der Schuss aufs kurze Eck schien nicht unhaltbar. Und beim zweiten Gegentor durch den Ex-Gladbacher Embolo stimmte zwischen Keeper und Tah die Abstimmung nicht. 

Es hätte beim Lattentreffer des Augsburgers Fabian Rieder gar noch ein drittes Mal bei Baumann vor der Pause einschlagen können (43.). Nagelsmann machte an der Seitenlinie ob der vielen Fehler einen unzufriedenen Eindruck.

Bundestrainer Nagelsmann sah einige Mängel im deutschen Spiel. Foto: Tom Weller/dpa
Bundestrainer Nagelsmann sah einige Mängel im deutschen Spiel. Foto: Tom Weller/dpa

Wirtz an allen Toren beteiligt

Die Offensive wurde indes vom starken Wirtz getragen. Beim ersten Tor verwertete Tah eine Flanke von Wirtz - unter gütiger Mithilfe von Kobel - zu seinem ersten Länderspiel-Tor im 44. Spiel. Beim zweiten Treffer war Gnabry nach Traumpass des Ex-Leverkuseners zur Stelle. 

Gekrönt wurde die Leistung von Wirtz mit dem sehenswerten Tor in der 59. Minute. Nach schneller Ecke von Gnabry setzte der Spielmacher vom linken Strafraumeck den Ball über Kobel hinweg ins Tor. Kurz zuvor hatte der England-Legionär noch eine weitere Chance aus der Distanz (53.). Und es kam noch besser: Fünf Minuten vor Schluss schlenzte Wirtz den Ball ins rechte obere Eck.

Das Gegenstück zu Wirtz lieferte indes Leroy Sané, der oft teilnahmslos wirkte. Seine Auswechslung nach 63 Minuten war überfällig. Für Sané kam Bayern-Youngster Lennart Karl ins Team - und damit zu seinem Nationalmannschaftsdebüt. Es ist der vorläufige Höhepunkt beim Senkrechtstarter des FC Bayern, der nach seiner Einwechslung gleich ein belebendes Element war.

Und doch hätte es am Ende fast nicht zum Sieg gereicht. Weil der deutsche Defensivverbund wieder nicht konsequent genug agierte, kam Monteiro mit einem feinen Schuss aus gut 20 Metern noch zum zwischenzeitlichen Ausgleich. Doch Wirtz machte an diesem Abend den Unterschied.

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