Paris Paris hat nun einen radelnden Bürgermeister: Wer ist Emmanuel Grégoire?
Ein neuer Bürgermeister für Paris: Der Sozialist Emmanuel Grégoire will die Verkehrswende fortsetzen und verspricht einen neuen Stil. Was bedeutet seine Wahl für die französische Hauptstadt und die politische Landschaft?
Emmanuel Grégoire hatte offenkundig gut geplant, wie der Sonntagabend aussehen sollte, falls er die Wahl zum Bürgermeister von Paris gewinnt. Anstatt sich auf eine klassische Rede vor jubelnden Anhängern zu beschränken, stieg der Sozialist auf ein Rad des städtischen Leihsystems Vélib’ und fuhr – ohne Helm, aber begleitet von Reportern und Kamerateams – bis zum Rathaus an der Seine.
Dort wartete die scheidende Amtsinhaberin Anne Hidalgo auf ihn und schloss ihren langjährigen Stellvertreter, mit dem sie sich zuletzt zerstritten hatte, in die Arme. Bei ihrer Rede hielt sie einen großen Schlüssel in die Luft – mit Freude übergebe sie ihrem Nachfolger den „Schlüssel der Stadt“. Wenig später nahm Grégoire Journalisten zu einer gemeinsamen Fahrt in der Metro mit. Mit befreitem Lächeln sagte er, am nächsten Morgen werde er so richtig ausschlafen – bis 8.30 Uhr.
Der Vergleich mit dem neuen Bürgermeister von New York, Zohran Mamdani, der Wahlkampf-Videos in der U-Bahn machte und sich in einer stillgelegten Subway-Station vereidigen ließ, drängte sich auf. Vielleicht wollte Grégoire auch mit seinem Image des farblosen Technokraten brechen, das ihm anhängt.
Vor allem aber wusste er um die Symbolkraft seiner ersten Handlungen: die Versöhnung mit Hidalgo, deren Kurs vor allem in Sachen Verkehrspolitik er fortsetzen will, die nächtliche Radtour und nicht zuletzt die Runde mit der Metro, dem meistgenutzten Verkehrsmittel der Pariser.
Hidalgo hat während ihrer beiden Mandate den Autoverkehr in der Innenstadt stark reduziert, sie ließ Rad- und Fußgängerwege ausbauen und verkehrsberuhigte Zonen einführen. Das bleiben Prioritäten von Grégoire, der zudem den Kampf gegen die Wohnungsnot und die hohen Immobilienpreise als seine „erste Schlacht“ bezeichnete.
„Paris hat sich entschieden, seiner Geschichte treu zu bleiben“, sagte der 48-Jährige am Sonntagabend. Mit mehr als 50 Prozent der Stimmen setzte er sich klar gegen seine Hauptrivalin, die konservative Ex-Ministerin Rachida Dati, durch. Sie kam lediglich auf 41,5 Prozent, obwohl sich Bewerber der Rechtsextremen und der liberalen Regierungspartei Horizons nach der ersten Wahlrunde zu ihren Gunsten zurückgezogen hatten.
Doch die Wähler lehnten die Vereinigung der Rechten und Rechtsextremen ab, so Grégoire. Es handle sich um den „Sieg einer gewissen Idee von Paris“, einer lebendigen, progressiven, volksnahen Stadt, einem „Paris für alle“. Sein Büro stehe der Opposition immer offen, sagte der Mann, der als geschickter Verhandler und Netzwerker gilt. Früh konnte er sich die Unterstützung der Grünen und der Kommunisten sichern. Lediglich die Linksaußen-Partei LFI (La France Insoumise) trat mit einer eigenen Kandidatin an.
Aufgrund seines zurückhaltenden Auftretens ist Grégoire, der drei Tage jünger ist als Präsident Emmanuel Macron, bislang wenig bekannt. Geboren im östlichen Pariser Vorort Les Lilas in einer kommunistisch geprägten Familie, trat er 2002 nach einem Philosophiestudium den Sozialisten bei.
Zunächst war er Parteisekretär im 12. Arrondissement von Paris, arbeitete ab 2008 in der Stadtverwaltung mit und wurde 2010 Stabschef des langjährigen Bürgermeisters Bertrand Delanoë. Von seinem Mentor sagte Grégoire, dieser habe ihm gezeigt, wie man Politik nah an den Menschen mache.
Nach der Wahl von François Hollande zum Präsidenten 2012 war er zeitweise Büroleiter von Premierminister Jean-Marc Ayrault und ab 2018 dann erster Stellvertreter von Hidalgo. Vor zwei Jahren kam es jedoch zum Zerwürfnis. Hidalgo unterstützte einen anderen Kandidaten als potenziellen Nachfolger, Grégoire distanzierte sich von ihr und kündigte eine „andere Methode“ an. Das betreffe Absprachen mit Partnern, die bei ihr oft zu kurz kamen, oder den Umgang mit Spesenabrechnungen. Hidalgo hatte sich auf Kosten der Stadt teils teure Markenkleider gekauft.
Auch in einem anderen Fall versprach Grégoire einen „Big Bang“ und komplette Aufklärung, nämlich hinsichtlich des Verdachts, mehrere Betreuer an Pariser Grundschulen hätten Kinder sexuell missbraucht.
Gegenüber den Anschuldigungen seiner Gegner, er habe dies durch seine diversen Funktionen im Rathaus mit zu verantworten, gab er öffentlich preis, dass er selbst als Kind Opfer sexueller Belästigungen im schulischen Rahmen wurde. Es handle sich um eine „stille innere Wunde“, sagte der Politiker, der in einer Patchwork-Familie mit fünf Kindern, davon drei leiblichen, lebt, aber sein Privatleben abschirmt. Seine Wahl verspricht einen Stil-, aber keinen Kurswechsel im Rathaus der Hauptstadt.